Schicker spielte erstmals mit Prothese bei Profis, seine Schuhe schnürt er selbst.

© /Sc Wiener Neustadt

Hand-Amputation
03/05/2016

Schicker: "Fingernägel schneiden ist deppert"

Andreas Schicker feierte ein Comeback im Profi-Fußball und erzählt, wie er den Alltag meistert.

von Andreas Heidenreich

Hühnerbruststreifen auf Blattsalat. Es ist ein sportliches Menü, das Andreas Schicker beim Interview-Termin am Wiener Naschmarkt wählt. "Mit dem Fußball hab’ ich nie abgeschlossen", sagt er. Andere hätten es vielleicht, wäre ihnen jenes Schicksal widerfahren, das den Steirer am 23. November 2014 in seiner Heimat Bruck an der Mur getroffen hat. Ein Böller der Klasse 4 hat dem Linkshänder die linke Hand sowie die Spitzen des rechten Daumens und Zeigefingers weggerissen, weil die Zündschnur keine Funken warf und er nicht erkannte, dass sie bereits abgebrannt war. "Leichtsinn", sagt er.

Rückkehr in Salzburg

Der Assistent von Trainer Günter Kreissl feierte gestern beim 2:2 bei Austria Salzburg nach der Pause sein Comeback als Spieler im Profifußball. Wie er den Weg zurück gemeistert hat? "Ich habe gelernt, geduldig zu sein." Denn heute dauert alles eine Spur länger. Aus- und Anziehen, das Binden der Schuhbänder, Essen. Die Hühnerbruststreifen schneidet Schicker in kleine Teile, das Besteck hält er mit seiner Prothese. Je nachdem, wie er den Arm-Stumpf darunter bewegt, kann er eine Faust machen, ganz stark oder auch nur leicht zugreifen, kann das Besteck halten und sein Glas problemlos heben.

"Wenn ich geduldig bin, schaffe ich fast alles und frag’ mich im Nachhinein oft selber: Wie ist das jetzt wieder gegangen?"

Glück im Unglück für Schicker war, dass zumindest die rechte Hand bei der Explosion fast vollständig verschont wurde. "Das war das Wichtigste. Sonst wäre der Alltag ein Horror. So kann ich ihn komplett alleine meistern. Nur Fingernägel schneiden ist ein bisserl deppert." Autofahren funktioniert mithilfe eines Knopfes am Lenkrad und mittels Automatik-Getriebe. Kochen ("ein Hobby von mir") geht ebenso wie technische Handgriffe im Haushalt. "Ich war immer schon ein guter Handwerker und geschickt. "Wenn früher daheim ein Kastl zu montieren war, dann hab’ ich das gemacht. Und ich tu’ es auch heute noch. Ich kann auch mit dem Akkubohrer schrauben. Muss mich aber noch mehr konzentrieren als früher."

Eigene Sportprothese

Nicht konzentrieren muss er sich auf die Prothese im Training oder im Spiel. "Da denke ich keine Sekunde an die Hand." Die Sportprothese – nicht jene, die er im Alltag benutzt – hilft Schicker auch bei der Laufbewegung beim Schwenken der Arme. Sie ist weicher als der menschliche Arm und daher auch nicht gefährlich für Schickers Gegenspieler im Luftkampf, wenn es darum geht, einen Kopfball zu gewinnen. "Die Sportprothese hat aber keine elektronische Funktion. Mit ihr kann ich nicht zugreifen und deshalb auch keinen Stürmer zurückreißen", betont der linke Außenverteidiger. "In der Schnelligkeit des Geschehens würde das aber auch mit der anderen Prothese nicht funktionieren, weil der Prozess vom Gehirn bis zum Schließen der Hand zu lange dauert. Ich muss eben schneller laufen."

So erspart er sich vielleicht sogar die eine oder andere Gelbe Karte. Doch mit den Schiedsrichtern wird Schicker ob der Prothese ohnehin keine Probleme haben. Zum einen, weil er einen FIFA-Bescheid, der ihm die Teilnahme am Spiel genehmigt, vorweisen kann. Und zum anderen, weil er sich in über 160 Bundesliga-Partien ohnehin den Ruf eines fairen Spielers erarbeitet hat.

Für Spannung sorgen könnte aber die oft diskutierte Handspiel-Regel. "Ich bin neugierig darauf, wie es ist, wenn ich im Strafraum den Ball auf die Prothese krieg’, ob der Schiri einen Elfer pfeift."

Das müsste dieser, sofern er das Handspiel als absichtlich interpretiert. "Sollte Andreas Schicker den Ball mit der Hand-Prothese spielen, müssen wir genauso urteilen, wie bei allen anderen Spielern auch", sagt FIFA-Referee Robert Schörgenhofer.

So gut, wie Schicker sein Schicksal meistert, so gut hat er es verarbeitet. "Ich hab’ einen Blödsinn gemacht, die Rechnung präsentiert bekommen und kann heute gut damit leben. Und bis zu einem gewissen Grad bin ich stolz darauf, wie gut heute fast alles funktioniert", sagt Schicker. "Kleingeld zählen ist aber auch noch schwierig."

Nicht nötig. Auf Salat und Hühnerbrust wurde er eingeladen.

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