Sport | Fußball
05.12.2011

Paul Gludovatz, der Streitbare

Die Bundesliga-Trainer im Interview: Rieds Gludovatz, ein kritischer und polternder Geist, will auch mit 65 nicht leise sein.

Hart war seine Kritik an U-20-Teamchef Andreas Heraf. Von Schonungslosigkeit geprägt sind ohnehin seine Wortspenden, wenn es um das Wohlbefinden der österreichischen Fußball-Talente geht. Paul Gludovatz, der 65-jährige Trainer der SV Ried und zuvor langjähriger Nachwuchscoach auf nationaler Ebene, nimmt Stellung.

KURIER: Sie haben dem U-20-Teamchef mangelnden Nachdruck bei der Spielereinberufung und fehlenden Kontakt zu den Vereinen vorgeworfen. Der ÖFB hat reagiert. Empört natürlich. Bereuen Sie Ihren Vorstoß?
Paul Gludovatz: Ich stehe weiter dazu. Es ist naturgemäß entbehrlich, sollte ich mich im Ton vergriffen haben. Aber ich bin Trainer eines Bundesliga-Klubs und ich sehe es damit als meine verdammte Pflicht, für den ÖFB zu arbeiten. Ja, mein Ziel ist es, Teamspieler zu produzieren. Der ÖFB-Präsident hat mich kontaktiert und ich habe ihm meine Meinung mitgeteilt.

Und Leo Windtner respektiert Ihren Aufschrei?
Er weiß jetzt, was ich denke. Mir kann man sicher nicht vorwerfen, ich sei kontraproduktiv. Ein Beispiel: Unser Spieler Marcel Ziegl hat mir gesagt, er habe wohl eine Chance, bei der U-20-WM in Kolumbien zum Einsatz zu kommen, allerdings auf der Position links hinten. Nicht die Rolle, die ich bei Ried vorgesehen habe. Aber ich habe ihn in den letzten internationalen Tests trotzdem dort aufgestellt, um ihn zu unterstützen.

Haben Sie mit Andreas Heraf schon telefoniert?
Wenn er mich zuvor nicht angerufen hat, wird er es jetzt wohl auch nicht tun. Dazu noch ein Beispiel: Nur drei Tage, nachdem wir Basala-Mazana aus Köln geholt haben, bin ich vom DFB wegen der Abstellung für das deutsche U-19-Team kontaktiert worden. Das ist eigentlich eine normale Sache.

Sie haben auch die mangelnde Zusammenarbeit mit A-Teamchef Dietmar Constantini beklagt. Er könne mehr aus den momentanen Rahmenbedingungen herausholen, haben Sie einmal gemeint. Gilt das immer noch?
Man kann grundsätzlich immer mehr herausholen. Wir haben momentan einen Nationalspieler. Der Teamchef hätte in der Vorbereitungsphase, der wichtigsten Zeit in der Saison, einmal nachfragen können, was los ist. Na ja, er soll seine Arbeit machen, ich meine. Und um gleich der nächsten Frage vorzugreifen: Nein, ich will nicht schon wieder als neuer Teamchef im Gespräch sein.

Aus der Distanz betrachtet, hinterlassen Sie den Eindruck, ein strenger Typ auf der Bank zu sein. Eine optische Täuschung?
Tja, man sagt mir eher nach, dass ich großen Wert auf die menschlichen Aspekte lege. Ich führe gerne Einzelgespräche. Kurz und prägnant. Den Spielern ist es freigestellt, ob sie mich duzen, egal, ob sie 18 oder 36 Jahre alt sind. Beliebt muss man nicht unbedingt sein, aber der Respekt ist wichtig.

Wie erhalten Sie den?

Es gibt nach jedem Training nicht nur eine Vor-, sondern auch eine Nachbereitung. Dabei steht auch der Trainer Gludovatz auf der Liste und kriegt ein Hakerl, wenn er in Ordnung war. Ein Minus ist aber auch möglich. Und ich habe erkannt, dass in der Praxis nicht alles durchführbar ist, was ich einst in der Theorie der Trainerausbildung gelehrt habe.

Wie ist das zu verstehen?
Man hat eben mit Menschen zu tun, mit einer Gruppe, die nicht jeden Tag gut aufgelegt ist. Das heißt zwei Mal täglich Konfrontation. In die positive, oder in die andere Richtung.

Die Erwartungshaltung ist in Ried ungleich höher geworden. Wurde Ihre Aufgabe damit schwieriger?

Schon ab meinem zweiten Jahr in Ried sind die Gegner defensiver eingestellt aufgekreuzt. Interessant, dass der Roland Linz als Austria-Stürmer gegen uns plötzlich 35 Meter vor dem eigenen Tor gestanden ist. Egal, es ist die Stunde Null, ab jetzt gibt es keinen Cupsieger und keinen 58-Punkte-Verein mehr.

Pflichten Sie der Meinung bei, die letzte Bundesliga-Saison hätte auf mäßigem Niveau stattgefunden?

Ein Kompromiss: Die Großen sind nicht stärker geworden, die Kleinen haben aufgeholt. Das ergab eine spannende Meisterschaft. Aber ich weiß: Immer wenn man in der eigenen Kuch'l kocht, ist der Einheitsbrei durchaus genießbar. Im internationalen Vergleich schmeckt der Einheitsbrei vielleicht nicht mehr so gut. Warten wir also ab, was heuer im Europacup passiert.

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