Zwischen Totenruhe und Torjubel: Wo die ÖFB-Fans bald feiern wollen

Das Olympiastadion Berlin ist mit Bannern für die UEFA Euro 2024 geschmückt.
Rund um das Olympiastadion liegen ein Friedhof, ein Blumenhändler, eine Handvoll Imbissbuden und ein Wohngebiet. Rundgang dort, wo auch die österreichischen EM-Fans entlang strömen werden.

Von Lisa Schneider, Nico Schmook und Sönke Matschurek

Die S-Bahn-Station Olympiastadion ist wie leergefegt. Nur einzelne Touristen steigen aus den Zügen aus, um sich die Arena anzuschauen. Wenn am Samstagabend Spanien und Kroatien (18 Uhr) die EM auch für Berlin eröffnen werden, steht eines fest: Von der Beschaulichkeit wird dann nicht viel übrigbleiben.

Nur wenige Schritte von der S-Bahn Haltestelle entfernt und mit direktem Blick auf das Olympia-Stadion schaut Christian Kegel ganz gelassen auf die kommende EM. Er ist Geschäftsführer vom Imbiss Olympia-Eck und lehnt aus dem Verkaufsfenster, während er erzählt. An Ströme von Fußballfans sei er durch regelmäßige Hertha-Spiele gewöhnt. Ansonsten sei in der Gegend tote Hose.

Die Speisekarte stellt er für die EM nicht um. Vor allem das Bier bleibt das gleiche. Auch wenn sich die UEFA gewünscht hat, dass er Bitburger verkauft: Kegel bleibt sich und seiner Stadt treu und reicht weiterhin Berliner Kindl über die Tresen. „Wir brauchen Biertrinker hier“, sagt Kegel, für den jeder Spieltag im Olympiastadion ein lukrativer Arbeitstag ist. Er habe für die EM schon reichlich Fässer vorbestellt.

Keine Glasflaschen

Eine Gehminute vom Olympia-Eck entfernt steht Andre Kahl umgeben von Erdbeeren, Kirschen und Spargel. Während er seine Kunden und Kundinnen kurz vor der EM noch mit frischem Obst und Gemüse versorgt, wird das Angebot für die anstehenden Spieltage im Olympiastadion angepasst. Aus Sicherheitsgründen muss er auf den Verkauf von Säften in Glasflaschen verzichten – die könnten als Wurfgeschosse missbraucht werden.

Ein Mann steht an einem Marktstand mit Obst, Gemüse und Produkten von „Jakobs-Hof Beelitz“.

Doch für die nötigen Vitamine will Kahl sorgen: Während der Spieltage wird er Erdbeerschalen fantauglich mit Pieksern zum Mitnehmen anbieten. Besonders gespannt blickt Kahl allerdings auf die Verkehrssituation zur Zeit der EM. Die errichtete Verkehrssonderzone um das Gebiet rund um das Olympiastadion könnte eine Herausforderung für den Lieferverkehr darstellen.

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Frikandel statt Tulpen

Auch wenn er von sich selbst sagt, kein Fußballfan zu sein, wird der 25. Juni für Hugo Seelen ein besonderer Tag werden. Wenn die Niederlande im Olympiastadion auf Österreich treffen, wird sich der 46-Jährige womöglich für einen Abend besonders heimisch fühlen. Denn Seelen ist gebürtiger Niederländer – und führt zusammen mit seinem Bruder den Pflanzenhandel „Der Holländer“ unweit des EM-Stadions.

Ein lächelnder Mann in einem blauen Poloshirt steht in einem Gartencenter.

„Pflanzen werden wir allerdings nicht verkaufen“, sagt Seelen über die Auswirkungen der EM-Spieltage auf seinen Laden, der seit 1985 am Olympiastadion im wahrsten Sinne des Wortes verwurzelt ist. Die Verkehrssonderzone mache es unmöglich, dass die Kundschaft regulär einkaufen könne. Stattdessen wird ein eigenes Public Viewing auf Sand angeboten. Inklusive Getränke und Verpflegung, die angeboten werden sollen – darunter traditionelle niederländische Gerichte wie Frikandel und Bitterballen.

Beisetzungen gestrichen

Auf einen großen Ansturm von Fans will man 200 Meter weiter am liebsten verzichten. Inmitten von prachtvollen Bäumen und friedlicher Stille findet man hier den Waldfriedhof Heerstraße – und mit ihm zahlreiche Prominente, die hier ihre letzte Ruhe gefunden haben. Ruhe, die auch während der EM aufrechterhalten werden soll. Da Totenandacht und Torjubel sich nicht vertragen, wurden zwei Beisetzungstage aufgrund der Fußball-EM gestrichen, erklärt der Friedhofsdirektor.

Currywurst und Torjubel

Seit Jahrzehnten gehört für viele Hertha-Fans eine Currywurst am Traditions-Stand Imbiss Olympische Brücke zum Heimspiel dazu. „Mit oder ohne Darm“ – vor dieser Wahl stehen bald auch die Fußball-Fans aus Kroatien, Spanien, Österreich und Polen und den Niederlanden. „Kurz hatten wir überlegt, das Menü auszubauen und zum Beispiel beim Spiel von Kroatien auch Cevapcici zu verkaufen“, erzählt die neue Betreiberin, Frau Darvish, die sich bereits auf die ausgelassene Stimmung zur EM freut. Doch der Imbiss auf der Olympischen Brücke blieb bei seiner Currywurst. Immerhin gibt es die hier nach dem Originalrezept von Imbiss-Ikone Claudia Rose, die den kleinen Laden über mehr als drei Jahrzehnte führte.

Eine lächelnde Frau hält eine Portion Pommes mit Wurst vor einem Imbissstand.

Wer am U-Bahnhof Olympiastadion einige Minuten bergab läuft, findet sich in dem ruhigen, beinahe dörflich wirkenden Kiez „Ruhleben“ wieder. Ältere Anwohner kümmern sich hier hingebungsvoll um die Vorgärten, welche die frei stehenden Einfamilienhäuser umrahmen. Hier und dort wiegen sich Girlanden mit EM-Fahnen sachte im Wind.

Der Wind spielt ohnehin eine besondere Rolle in Ruhleben. Denn er bestimmt darüber, wie viel die Ruhlebener vom Fußball-Trubel mitbekommen. Von den Spielen im Olympiastadion höre man „nicht einen Mucks oder alles. Je nachdem, wie der Wind seht“, erzählt Gabriele Baumhauser, die gerade ihre Hecke stutzt. „Nur wenn Hertha mal ein Tor schießt, bekommt man etwas mit“, sagt er. „Aber das passiert bei Hertha ja nicht ganz so häufig.“

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