Sport | Fußball 05.12.2011

Österreichs WM-Quartier im Fokus

© Bild: Andreas Heidenreich

Lokalaugenschein: In Cartagena befindet sich das Quartier der österreichischen Fußballer bei der U-20-WM.

Cartagena. Ausgerechnet Cartagena sollte also die sportliche Heimat für Österreichs Team im Rahmen der Unter-20-WM in Kolumbien sein. Die Auslosung am 27. April hat es so ergeben. Cartagena de Indias, wie die 950.000-Einwohner-Stadt an der Karibikküste mit vollem Namen heißt.

Cartagena, so sagt man, ist anders alle anderen Städte Kolumbiens. Schon im 17. Jahrhundert entwickelte sich die Hafenstadt aufgrund ihrer günstigen Lage zu einem gewaltigen Handelszentrum. Gold aus Peru, Silber aus Bolivien und andere Reichtümer aus dem gigantischen Kolonialreich trafen in Cartagena ein.

Nicht nur Piraten galten als stete Besucher vor der Küste. Vor allem der 13. März 1740 ging als denkwürdiger Tag in die Geschichte ein: Mit einer Streitmacht von 186 Schiffen und über 18.000 Mann wollte der englische Admiral Vernon Cartagena einnehmen. Vergebens. Zu stark waren die Stadtmauern und die Festung San Felipe, die Spaniens König Philipp II. eigens von afrikanischen Sklaven hatte errichten lassen. Mit einer Armee, die viel kleiner war als jene der Angreifer, gelang die Verteidigung. Seit 1811 ist Cartagena auch von Mutterland Spanien endgültig unabhängig.

Hotelbaustelle

Noch immer ist die Stadt aus wirtschaftlicher Sicht enorm wichtig für das Land. Cartagena ist Touristenziel Nummer eins für Kolumbianer ebenso wie für ausländische Gäste. Die Halbinsel Bocagrande ist das Zentrum der Besucher. Ein Ort, der zum einen bereits überschwemmt ist mit Gästen aus aller Herren Länder und sich zum anderen noch in der Entstehung befindet. An allen Ecken und Enden wird gebohrt und gehämmert, ragen Hochhäuser mit Apartments und neuen Hotels aus der Erde. Mit dem direkt angrenzenden kilometerlangen Strand weht ein Hauch von Miami über die Landzunge.

"Miami ist auch ein wenig Vorbild für Bocagrande", sagt Hans Kolland. Der Wiener wagte in den späten 1980er-Jahren mit einem Rucksack als einzigem Gepäckstück den "Ausstieg". Über Asien kam er 1990 25-jährig nach Cartagena, um sich hier niederzulassen und in der Altstadt die "Casa Viena", eine liebevoll gestaltete Unterkunft für Rucksacktouristen, zu eröffnen.

Am Gelingen der Bestrebungen, Bocagrande noch mehr als internationale Tourismushochburg zu positionieren, zweifelt Kolland stark. "Der Strand und das Meer sind hier bei Weitem nicht so sehenswert wie an anderen Plätzen in der Umgebung. Die Infrastruktur ist dafür ebenso nicht gemacht." Auch der dichte Verkehr gepaart mit dem Hupkonzert, das vor allem Taxilenker hier veranstalten, kann durchaus als Spielverderber empfunden werden.

Kochtopfklima

Ein Bolzplatz in Cartagena.
© Bild: Andreas Heidenreich

"Noch einmal würde ich mich hier nicht niederlassen", sagt Kolland. Für ein paar Tage sei das heiße Klima erträglich. "Doch auf Dauer geht es an die Substanz." 16 Jahre hat er es dennoch ausgehalten. Seit 2006 lebt er mit seiner Familie in Villa de Leyva, einem 12.000-Einwohner-Nest vier Stunden nördlich der Hauptstadt Bogota, auf 2100 Metern Höhe. In Villa de Leyva hat er längst eine zweite "Casa Viena" eröffnet.

Jene in Cartagena ist nur wenige Gehminuten entfernt vom altehrwürdigen Zentrum der Stadt. Der im Gegensatz zu den anderen Städten Kolumbiens immer noch erhaltene Kolonialstil im Inneren der elf Kilometer langen Stadtmauer lässt die Herzen der Besucher höher schlagen. Dieser Teil Cartagenas ist es auch, der die Hafenstadt zum Aushängeschild des Landes, immer wieder zum Ort für politische Gipfeltreffen und 1985 zum UNESCO-Weltkulturerbe werden ließ.

Hier tummeln sich in engen Gassen die Menschen. Viele internationale Lokale, auch aus Bayern oder Italien, buhlen um Gäste. Einzig die Fußball-Euphorie ist noch nicht ganz zu spüren.

Doch die sollte spätestens am Freitag entfacht sein.

Sportlich: Nicht alles läuft für Österreich nach Wunsch

Während Verteidiger Lukas Rotpuller, der noch am Samstag mit 39 Grad Fieber im Bett lag, am Montag bereits wieder trainierte und voller Tatendrang ist, muss Teamchef Andreas Heraf nun um den Einsatz dreier anderer Akteure bangen.

Christian Klem, auf den der Teamchef sehr stark baut, wurde am Montag trotz eigenen Kochs von Montezumas Rache eingeholt: Der Magen spielte dem Allrounder von Sturm Graz einen bösen Streich.

Zudem sind die Stürmer Marco Djuricin und Andreas Weimann nicht zu hundert Prozent fit. Djuricin hatte die ersten drei Tage in Cartagena mit muskulären Problemen zu kämpfen, so dass der Berlin-Legionär nicht mit der Mannschaft trainieren konnte. Auch Weimann wurde wegen einer Blessur geschont.

Mittlerweile ist auch Österreichs Gegner für den Auftakt am Freitag vor Ort. Das Team von Panama zog am Montag im Hotel der Österreicher ein.

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Erstellt am 05.12.2011