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Sport Fußball
05/25/2019

Leipzig vs. Bayern: "Es sind Welten, die aufeinander prallen"

Marcel Reif kommentiert das Cup-Endspiel in Berlin und hat zu den beiden Finalisten einiges zu sagen.

von Bernhard Hanisch

Sie polarisieren. Die Bayern traditionell, die Rasenballer aus Leipzig ebenfalls und TV-Kommentator Marcel Reif, 69, in manchen Momenten. Am Samstag spielen beide Klubs in Berlin um den deutschen Pokal (20.00). ServusTV überträgt live, Reif sitzt hinter dem Mikro und machte sich vorab seine Gedanken.

KURIER: Warum haben Sie den Job übernommen, für einen österreichischen Privatsender zu kommentieren?

Marcel Reif: Na weil es eben ein Cup-Finale ist und ich gefragt wurde, ob ich Lust hätte, wieder zu kommentieren. Ich habe festgestellt: Ja. Und weil ich niemandem Rechenschaft schuldig bin, hab’ ich gerne zugesagt.

Was erwarten Sie sich denn Großartiges von diesem Spiel?

Es sind Welten, die da aufeinanderprallen. Leipzig hat gerade das zehnjährige Klubbestehen gefeiert, und auf der anderen Seite steht der deutsche Rekordmeister. Newcomer gegen Platzhirsch, eine wunderbare Geschichte. Und nebenbei gesagt: wenn Niko Kovac nicht das Double holt, werden die Diskussionen in München noch unerträglicher.

Dazu später. Der Herausforderer aus Leipzig wurde in den letzten Jahren oft von den Traditionalisten kritisiert. Der Dosenklub, der im Geld schwimmt, hat es leichter. Was halten Sie davon?

Grundsätzlich kann ich jeden Vertreter eines Traditionsvereins verstehen, der sagt, wir mussten Jahrzehnte lang hart arbeiten, um uns irgendwie da oben in der ersten Liga zu etablieren. Wir durften keinen Fehler machen, denn haben wir einen gemacht, mussten wir sofort bezahlen. Ja, ich verstehe diesen Schmerz. Natürlich konnte Leipzig mit den Mitteln, die man hatte, weitestgehend durchmarschieren und sich den einen oder anderen Fehler leisten.

Genau das ist ein Vorteil ...

Mag sein, aber schauen Sie, was Red Bull, Dietrich Mateschitz, von mir aus auch Rasenballsport – diese Wortklauberei geht mir sowieso auf den Keks – dort nachhaltig gemacht haben. Wem das suspekt ist, dem empfehle ich, nach Leipzig zu fahren. Fragen Sie den Taxifahrer, was er von RB Leipzig, dem einzigen Erstligisten im Osten, hält, und wie gerne er in dieses Stadion geht. Hier ist mit Geld, das sauber verdient worden ist nach den Gesetzen der freien Marktwirtschaft richtig Gutes gemacht worden. Ich bin leidenschaftlicher Romantiker, aber auch Realist.

Realisten sind die Fußball-Liebhaber auf der britischen Insel schon längst...

Das Ganze ist ja eine deutsche Diskussion. Wo wäre denn Manchester City, Liverpool oder Tottenham? Wo wären diese Klubs ohne Investoren? In England haben sie es geschafft, über lange Jahre mit Unmengen Geld Mist zu bauen. Mittlerweile haben sie sich die weltbesten Trainer geholt und siehe da: Jetzt sind sie in den beiden Europacup-Finali unter sich.

Aber wo soll das hinführen, wenn immer höhere Summen in den Fußball gepumpt werden?

Das ist unabänderlich. Irgendwann wird es diese Superliga geben. Nur die teilnehmenden Vereine werden die großen Investoren haben, das große Geld. Wird heute ein Spieler unter 100 Millionen gekauft, rümpfen manche schon die Nase. Schön zynisch ist der Spruch von Hertha-BSC-Sportdirektor Preetz: Wenn einer heute zehn Millionen kostet, dann ist das wie früher ein ablösefreier Transfer.

Stört Sie das nicht?

Darüber moralisiere ich nicht mehr. Das habe ich Hunderte Male gemacht. Meine Frau ist Krebsärztin, operiert jeden Tag, rettet Leben. Für das Geld, das sie im Jahr verdient, bekommt man in Deutschland keinen Mittelfeldspieler für die 2. Liga. Ja, das ist schon obszön.

Ein Schwenk nach München. Ihnen wird oft ein gewisses Naheverhältnis zu den Bayern vorgeworfen. Stimmt’s?

Das Dumme ist, dass der FC Bayern davon nichts weiß. Fragen Sie nach, welche Schlachten verbaler Art ich mir mit Uli Hoeneß geliefert habe. Ich habe ihm gesagt, ich schätze euch, aber ich bin nicht euer Fan und ich wüsste auch nicht, warum ich euer Fan sein sollte. Mittlerweile sind wir ganz gut miteinander und ich glaube, er hat aufgegeben.

In einer deutschen Zeitung haben Sie heftige Kritik an den Bayern geübt. Warum?

Weil ich nicht einsehen mag, dass die Werte, die ich versuche, meinen Söhnen beizubringen, im Profifußball nicht gelten sollen. Nämlich einen anständigen Umgang miteinander zu pflegen.

Jetzt kommt Trainer Kovac ins Spiel. Was ist Ihnen so sauer aufgestoßen?

Da geschah ein Mobbing auf höchster Ebene. Ich meine, es geht nicht, gemeinsam einen Trainer auszusuchen, um ihm danach mit ständigem Geraune das Leben schwer zu machen. Mir fehlt die Fantasie, zu erkennen, wie man so erfolgreich Fußball spielen können soll. Das ist kontraproduktiv.

Das heißt: Holt Kovac nicht den Pokal, wird’s eng für ihn?

Das pfeifen hier alle Spatzen vom Dach. Ist halt so, wenn es ein Triple sein soll, ein Double sein muss und am Ende nur ein Titel auf der Habenseite steht.

Wer wird Pokalsieger?

Ich kommentiere das Spiel so gerne, weil ich es nicht weiß. Die Bayern haben die größere individuelle Qualität. Leipzig kann mit einem guten Spiel gegen ein Team, das momentan auch nicht in der besten Verfassung ist, gewinnen. Ich würde sagen, von zehn Spielen gewinnen die Bayern sieben. Doch an einem Abend kann Form und Einstellung die Klasse schlagen.

Zur Person

Marc Nathan Reif kam am 27. November 1949 in Walbrzyh in Polen zur Welt.  Die Familie zog nach Israel und später, als Reif acht Jahre alt war, nach Kaiserslautern. Neben seinem Studium, das er nicht fertig machte, arbeitet Reif als freier Journalist beim ZDF. 1984 wechselt er ins Sport-Ressort. 1994 ging er zu RTL, 1999 zu Premiere (heute Sky), wo er bis 2016 blieb. Seit 2012 tritt Reif in der ZDF-Quizsendung „Der Quiz-Champion“ als Dauerexperte für die Kategorie Sport an. Seit 1997 lebt er in der Schweiz. Er ist in dritter Ehe verheiratet, hat aus den ersten beiden drei Söhne.