Sport | Fußball
21.04.2018

Kurt Jara: „Der Hamburger SV wird sich noch anschauen“

Der Tiroler führte den HSV zum bislang letzten Titel, jetzt droht dem Bundesliga-Dino der erste Abstieg.

Kurt Jara mag zwar gerade wieder einmal in seiner zweiten Heimat Spanien sein, aber auch in der Ferne ist der Innsbrucker am Ball. „Der Fußball ist meine große Leidenschaft, ich verfolge alles und weiß, was läuft. Am Samstagnachmittag sitze ich um halb vier daheim vor dem Fernseher und schaue Bundesliga.“

An diesem Samstag steht für einen seiner ehemaligen Vereine wieder einmal ein sogenanntes Schicksalsspiel an: Der Hamburger SV trifft auf Freiburg. Dem norddeutschen Klub könnte heute die historische Stunde schlagen. Als einziges Gründungsmitglied der Liga ist der HSV noch nie abgestiegen. Dino wird er deshalb genannt.

Als Kurt Jara in Hamburg Trainer war (2001 bis 2003), stand der stolze Traditionsverein noch besser da. Der Tiroler hatte den HSV zum bislang letzten Titel der Klubhistorie geführt, 2003 gewannen die Hamburger den Ligapokal.

KURIER: Herr Jara, wie geht es Ihnen, wenn Ihr Ex-Verein am Abgrund taumelt?

Kurt Jara: Es lässt mich jedenfalls bestimmt nicht kalt. Das ist aber bei all meinen ehemaligen Klubs so. Ich freue mich, wenn Wacker Innsbruck jetzt wieder aufsteigt. Und es tut mir im Herzen weh, wenn ich jetzt mitansehen muss, dass ein Verein wie der HSV absteigen muss.

Moment, rechnerisch ist der HSV noch nicht abgestiegen.

Aber das kann sich nicht mehr ausgehen. Dieses Mal nicht. Es geht ja jetzt schon seit Jahren so dahin, es hätte den HSV schon viel früher erwischen können. Und irgendwann erwischt’s dich dann eben. Da kann man noch so oft sagen, dass der Abstieg eh nicht passieren wird.

Haben Sie denn eine Erklärung dafür, warum es mit dem HSV so bergab gegangen ist? Wir reden hier von einem Traditionsklub und von der zweitgrößten Stadt in Deutschland.

Rund um den HSV ist immer eine gewisse Unruhe. Und zwar ganz egal, wie der Verein jetzt sportlich gerade dasteht. Das Problem ist, dass man im Hamburg nur in Extremen denkt. Lass den HSV drei Mal hintereinander gewinnen, dann meinen einige dort schon, dass man mit 15 Punkten Vorsprung Meister wird. Dann beginnen sie zu träumen, weil der HSV ja früher so viel gewonnen hat. Das war ja nicht anders, als ich dort war.

Was war los?

Wir haben 2003 den Ligapokal gewonnen und dabei die Bayern besiegt. Plötzlich war der HSV für die Hamburger Medien schon der große Meisterschaftsfavorit.

Wenige Monate später wurden Sie entlassen. Der HSV lag damals auf Rang zwölf.

Ich war zwei Jahre dort, und allein in dieser Zeit sind der Sportdirektor und der Vorstandsvorsitzende ausgewechselt worden. Das ist für einen Trainer nie fein, wenn die Leute, die dich geholt haben, plötzlich weg sind. Aber das zieht sich schon seit Jahren durch. Wie der HSV die Leute einfach austauscht, Kontinuität gibt es dort nicht. Warum sind die Bayern wohl so dominant und gut? Weil dort seit 30 Jahren die gleichen drei Leute das Sagen haben. Damit ist alles gesagt.

Manche sagen, dass für den HSV der Abstieg eine Chance sei.

Das ist doch ein Blödsinn, ein Abstieg kann nie positiv sein. Ich behaupte: In der Bundesliga den Klassenerhalt zu schaffen ist leichter als aus der zweiten Liga wieder aufzusteigen. Der HSV wird sich noch anschauen.

Was meinen Sie?

Es gibt viele Vereine, die sich blutig schwertun, dass sie wieder raufkommen. Kaiserslautern, Bochum, Karlsruhe, 1860 – alles Traditionsvereine wie der HSV, die geglaubt haben, dass sie nach einem Jahr wieder in die Bundesliga zurückkommen. Bei allen ist es eher abwärts gegangen. Ich war mit Kaiserslautern noch in der Bundesliga, jetzt steigen sie vermutlich in die dritte Liga ab.

Sie kennen die Hamburger und ihren Stolz. Wie sehr leidet die Stadt unter dem desolaten HSV?

Die Bundesliga ohne den HSV ist wie Hamburg ohne den Hafen oder die Alster. Dieser Verein ist für die Stadt ein Stück Kulturgut. Und für die Bundesliga ist es auch eine Katastrophe, wenn der Dino nicht mehr dabei ist. Wenn Wolfsburg absteigt, dann sagt man: ,Okay, dann sind sie halt nicht mehr dabei.‘ Aber der HSV war immer da, das ist ein Verlust, der Liga wird was fehlen.

Apropos fehlen: Wie sehr fehlt Ihnen der Trainerjob? Jupp Heynckes ist fünf Jahre älter als Sie und sitzt noch auf der Bank.

Für mich hat sich das Thema erledigt, als Marcel Koller Teamchef geworden ist. Dieser Job hätte mich noch richtig gereizt. Es hat immer wieder Angebote gegeben, auch aus den Emiraten. Aber ich wollte dann auch nicht mehr überall hin. Wenn der Hamburger SV angerufen hätte, ob ich einspringen kann, dann hätte ich es gemacht.