Anastasia Pustovoitova (li.) kann sich sehr gut in die Rolle der Spielerinnen hineinversetzen. 

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Sport | Fußball
06/26/2019

Kurioser Rollentausch: Von der WM-Spielerin zur -Schiedsrichterin

Die Russin Anastasia Pustovoitova ist die Erste, die bei einer WM kickte und später pfiff.

Anastasia Pustovoitova ist eine von 27 Schiedsrichterinnen und 48 Assistentinnen aus 42 Ländern dieser Welt, die für die Frauen-WM nominiert worden sind. Aber sie ist aufgrund ihrer Vorgeschichte einzigartig. Die 38-jährige Russin spielte selbst professionell Fußball, sie war einst Verteidigerin und nahm 2003 sogar an der WM teil. Nun ist sie wieder dabei, nach einem einzigartigen Rollentausch in der Geschichte des Fußballs – egal ob bei Männern oder Frauen. Erstmals tritt eine ehemalige WM-Fußballerin als WM-Schiedsrichterin auf.

Als Spielerin sammelte sie viel Erfahrung auf internationalem Niveau. Mit TNK Rjasan kickte sie mit dem ersten russischen Team in der Frauen-Champions-League (2001/2002). Mit dem Nationalteam sogar bei der WM-Endrunde 2003. Und was hat sie aus ihrer aktiven Karriere mitgenommen für die neue Rolle? „Du kannst das Spiel lesen und oft antizipieren, was als Nächstes kommen wird.“ Und warum wurde sie überhaupt Referee? „Ich kann nicht ohne Fußball leben. Als sich die Karriere dem Ende zuneigte, dachte ich mir, dass ich es als Schiedsrichterin probiere.“

Zehn Jahre international

Sie machte sich sehr gut, denn schon 2009 tauchte sie im internationalen Fußball-Geschäft auf. Bei der EM 2017 durfte erstmals bei einem großen Turnier ein Spiel leiten, 2019 war sie beim Finale der Champions League in Budapest Schiedsrichterin, und jetzt bei der WM.

Die in der CSSR geborene Pustovoitova lebt von der Pfeife in den Mund. Sie spannt nach ihren Einsätzen in Moskau aus, vor allem bei Spaziergängen mit ihrem Labrador. Für das Finale der Champions League gab es rund 5000 Euro, wer bis zum Ende einer WM bleiben darf, bekommt mehr als 30.000 Euro. Seit 17. April 2019 hat sie auch einen eigenen YouTube-Kanal. Auf „KraSava“ spricht sie über Geld und ihr Leben. Dort erzählte sie beispielsweise, dass es bei Männerspielen immer wieder diskriminierende Aussagen gäbe. Aber sie ignoriere verbale Ausrutscher von Spielern, Trainern und Zuschauern.

Vorbild habe sie keines, sagt sie, „denn jeder muss seinen eigenen Weg gehen, es bringt nichts, jemanden zu kopieren“. Auf jeden Fall hat sie viel Respekt vor der Deutschen Bibiane Steinhaus für ihre Arbeit um die Anerkennung der Schiedsrichterinnen auch in der Männerwelt. Steinhaus leitet seit zwei Jahren sogar schon Partien in der deutschen 1. Bundesliga.

Russischer Erstliga-Referee?

Davon ist Pustovoitova noch weit entfernt in Russland, sie darf höchstens in der dritten Männer-Liga auflaufen. Auf Druck des Verbandes meinte ein Liga-Sprecher, dass es frühestens 2021 möglich sei, dass sie ein Spiel der höchsten Liga leitet, aber auch das nur „ausnahmsweise“. Aber nicht einmal einen Monat nach den ersten Beiträgen auf „KraSava“ ließ der Verband wissen, dass Pustovoitova vielleicht doch schon in der ab Juli beginnenden Saison Partien der Premier League leiten könnte.

Zahlenspiel: Nur noch acht Spiele bis zum Titel

- 4 von 23 Trainern/Trainerinnen haben selbst bei einer WM gespielt. Martina Voss-Tecklenburg spielte bei drei Endrunden für Deutschland. Asako Takakura war bei zwei Endrunden für Japan dabei. Die Französin Corinne Diacre spielte eine Endrunde, ebenso die Südkoreanerin Yoon Deokyeo. Englands Trainer Phil Neville durfte nie bei einer WM spielen.

- 6 WM-Spiele in Folge hat US-Stürmerin Carli Lloyd mit dem Tor beim 3:0 gegen Chile getroffen. Sie ist die Erste, der das gelungen ist.

- 13:0 haben die USA zum Auftakt Thailand geschlagen. Der höchste WM-Sieg aller Zeiten.

- 15 Spielerinnen stellt der FC Barcelona, 14 Lyon, 12 Chelsea und Manchester City.

- 16 Jahre liegen zwischen den beiden WM-Einsätzen der 38-jährigen Argentinierin Mariela Coronel. Das schaffte bislang nur Kolumbiens Ex-Tormann Faryd Mondragon.

- 17 Tore hat Marta erzielt. Sie ist die Erste, die bei fünf Endrunden getroffen hat. Ein Rekord, der etwas später von Christine Sinclair eingestellt wurde.

- 23 von 23 Amerikanerinnen verdienen ihr Geld in der amerikanischen Liga. Bei China und Italien spielen 22 in der eigenen Liga. Die US-Liga stellte 73 Spielerinnen gefolgt von der spanischen (52).

- 41 Jahre und 112 Tage war die Brasilianerin Formiga („Ameise“) bei ihrem Einsatz im Achtelfinale gegen Frankreich. Bei den Männern führt der ägyptische Tormann Essem El-Hadary, der letzten Juni bei seinem Einsatz 45 Jahre und 161 Tage alt war.

- 206 Länderspiele hat Kanadas 35-jährige Stürmerin Christine Sinclair bestritten. Das sind mehr als alle Jamaikanerinnen zusammen.

- 148 Zentimeter misst Javiera Grez. Die 18-jährige chilenische Stürmerin war die Kleinste des Turniers.

- 187 Zentimeter misst Wendie Renard. Die französische Verteidigerin ist die Größte.

- 150 Spielerinnen waren noch nicht geboren, als Formiga 1995 ihr erstes WM-Spiel bestritt.

- 6,5 Millionen Follower hat die 29-jährige US-Amerikanerin Alex Morgan auf Instagram. Cristiano Ronaldo folgen 172 Millionen.