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Interview
12/07/2012

Koller: "Jetzt geht’s ins Detail"

Kurz vor dem weihnachtlichen Heimaturlaub blickt der Teamchef zurück, aber auch nach vor.

von Bernhard Hanisch, Günther Pavlovics

Marcel Koller, seit Kurzem 52 Jahre alt, hat sich nach der Niederlage gegen die Elfenbeinküste mit seiner Frau eine Woche Urlaub gegönnt. Und über Weihnachten fahren die beiden in die Schweiz. Koller war schon ein halbes Jahr nicht mehr daheim.

Im KURIER spricht er über seine Lehren und seine Highlights, aber auch über seine Zukunft in Österreich.

KURIER: Sie sind jetzt ein Jahr in Österreich und voll anerkannt als ranghöchster Fußballtrainer. Auf den gesellschaftlichen Nebenschauplätzen machen Sie sich aber rar. Meiden Sie grundsätzlich Society-Events?

Marcel Koller: Meine Frau mag das nicht sonderlich, wenn man überall herauslacht. Und ich bin auch keiner, der in der Öffentlichkeit aufzeigt: Hallo, da bin ich. TV-Kameras haben bei mir zu Hause ohnehin nix zu suchen. Einladungen zu Veranstaltungen gibt’s einige, ich muss aber nicht überall dabei sein. Okay, wenn ein Fotograf irgendwo auftaucht, wehre ich mich nicht.

Jedenfalls haben Sie Überzeugungsarbeit geleistet, wonach ein Teamchef keine Teilzeitkraft ist. Finden Sie nicht, dass Ihr Privatleben zu kurz kommt?
Manchmal. Bin ich am Wochenende einmal zu Hause, gibt’s meistens ja auch Fußball im Fernsehen. Na gut, dafür nehme ich mir unter der Woche ab und zu einen Tag frei.

Vier Siege, zwei Remis und drei Niederlagen stehen zu Buche – welches sportliche Resümee ziehen Sie bisher?
Natürlich brauchst du Ergebnisse, um weiterzukommen. Aber ich leg’ nicht übertriebenen Wert auf die Statistik. Wichtiger ist die Weiterentwicklung. Und die ist erkennbar. Es war schon ziemlich heftig, was wir den Spielern an neuen Ideen an den Kopf geworfen haben. Schließlich hat ein Spieler ein bestimmtes Verhaltensmuster seit seiner Jugend verinnerlicht, oder nimmt die taktische Idee seines Vereinstrainers mit. Das kann sich von dem unterscheiden, was wir im Nationalteam wollen. Aber das Grobkonzept stimmt jedenfalls. Jetzt geht’s ins Detail.

Was wiederum bedeutet?
Viel Zeitaufwand. Die mannschaftliche Geschlossenheit, für die Defensive und die Bewegung nach vorne zu arbeiten. Dies verlangt Laufbereitschaft und Leidenschaft. Auch für Wege, die umsonst sind. Ein Spieler soll nicht da- und dorthin rennen, weil da vorne gerade die Sonne scheint. Das heißt für das Trainerteam, Begründungen parat zu haben und individuell einzugreifen.

Sie schienen gar nicht unglücklich zu sein, als das letzte Spiel in Linz 0:3 gegen die Elfenbeinküste klar und deutlich verloren ging. Eine Klatsche ...
Eine Watsch’n heißt das doch hier.

... zur rechten Zeit?
Also gejubelt hab’ ich auch innerlich nicht. Ich war natürlich enttäuscht, aber so eine Niederlage kann bereinigend wirken. Die Spieler haben gesehen, dass 80 Prozent nicht ausreichen. Es wirkt sich gleich aus, wenn man auf solch einem internationalen Level einen Bock schießt. Auch wenn so ein Spiel in die Hose gehen kann, doch eine gewisse Konstanz der Einstellung muss man verlangen. Und dieser Gegner hat außerdem perfekt umgesetzt, was wir noch suchen. Nämlich die Effizienz, aus wenigen Möglichkeiten das Optimum herauszuholen.

Aufgefallen ist, dass Ihre Meinungsäußerungen im Laufe Ihrer Amtszeit mutiger, weil konkreter und kritischer geworden sind. Stecken Sie schon tief in der rot-weiß-roten Materie?
Das hat mit Mut nix zu tun. Ich habe mir ganz einfach mein eigenes Bild gemacht. Es ist ohnehin nicht mein Ding, alles ungeprüft zu übernehmen, was mir von links und rechts erzählt wird. Ich will mir auch ein eigenes Bild machen. Die Entscheidung, den derzeit besten Torschützen in der Bundesliga nicht einzuberufen, kam einer realistischen Einschätzung der österreichischen Leistungsniveaus gleich und wurde relativ kritiklos von den Medien hingenommen.

Was halten Sie nach einem Jahr intensiver Beobachtung von dieser Bundesliga?
Ich bin sicher kein Hüpfer, der jeden gleich ins Team holt, wenn er gut spielt. Ja, Fans oder Journalisten sehen das vielleicht anders. Verständlich, ich habe trotzdem einen anderen Hintergrund. Hosiner zum Beispiel hat viele Tore geschossen, er ist auf einem guten Weg und soll so weitermachen. Grundsätzlich ist es natürlich so, dass Spieler, die in Deutschland engagiert sind, ein anderes Tempo, einen anderen Rhythmus und auch eine höhere Intensität der Zweikämpfe zu bewältigen haben.

Was muss sich in Österreich ändern?
Die Trainer und die jeweiligen Klubverantwortlichen müssen dranbleiben und mit den Spielern hart arbeiten. Mir ist natürlich nicht entgangen, dass sich in Österreich das eine oder andere Talent in den Vordergrund gespielt hat. Gleichzeitig ist es schade, dass wir die 15- und 16-Jährigen nicht halten können. Sie sind die Basis der Vereine, aber sie werden oft weggekauft. Andererseits sieht man bei Zlatko Junuzovic, dass man es auch später schaffen kann, er hatte sich zuerst bei der Austria in den Vordergrund gespielt.

Aber sind die finanziellen und sportlichen Reize nicht zu groß?
Klar, in der deutschen Bundesliga herrscht ein Hype, da können weder Österreich noch die Schweiz mit. Ich verstehe, dass die ausländischen Klubs sehr junge Spieler holen, damit sie ihre Mentalität reinbringen können. Dort muss man sich in einem beinharten Konkurrenzkampf durchsetzen, um an den Honigtopf zu kommen. Jedes Wochenende sitzen dort sieben auf der Tribüne, unter der Woche muss man immer Gas geben. In Österreich hat ein Junger schneller die Chance, zu spielen.

Das ist nicht unbedingt negativ?
Stimmt, aber das Ganze ist allerdings auch verbunden mit einer gewissen Genügsamkeit. Wichtig ist aber, die Jungen dauernd zu fordern.

Wie beurteilen Sie den Kontakt zu Ihren Kollegen in der Liga?
Wir tauschen uns aus. Ich rede mit ihnen über die Spieler, aber ich halte nicht bei jeder Entscheidung Rücksprache. Wir können viele Dinge selbst beurteilen.

Was war der absolute Höhepunkt, was der Tiefpunkt in diesem ersten Jahr?
Tja. Vor meinem Auge taucht jetzt das Tor ins Kreuzeck zum 3:2 von Marko Arnautovic in Innsbruck gegen die Ukraine auf. Tiefpunkt? Gab’s überhaupt einen? Na gut, dass wir gegen die Deutschen keine Punkte gemacht haben war eine Enttäuschung, kein Tiefpunkt. Aber ich bin kein Typ, der hinterher jammert. Ich bin noch immer ziemlich ausgeglichen.

Und die Sache mit Paul Scharner, der im Teamcamp plötzlich seinen Koffer gepackt hat?
Das hat in den Medien mehr Aufregung erzeugt als bei mir selbst. Für mich war klar, was zu machen ist, der ÖFB ist hinter mir gestanden. Da hat’s kein Herumeiern gegeben.

Am Beginn Ihrer Tätigkeit als Teamchef haben Sie befürchtet, der tägliche Kontakt mit den Spielern könnte Ihnen abgehen. Sind Sie jetzt fast lieber Teamchef als Klubtrainer?
Ich bin gerne ... Trainer. Ich würde es so sagen: Was jetzt wegfällt, ist die negative Energie, der man beim Klub wegen einer Niederlagenserie ausgesetzt sein kann. Das ist die angenehme Seite des Jobs. Andererseits: Verlierst du mit dem Team, hast du meist nicht die Gelegenheit, das drei Tage später wieder auszubügeln.

Schafft Österreich die WM-Qualifikation?
Wir sind momentan Vierter. Also müssen wir zulegen. Bisher war in der Qualifikation das Glück nicht unbedingt auf unserer Seite. Das hatten beispielsweise bei allem Respekt die Schweden gegen die Deutschen im Übermaß. 4:4 nach 0:4 innerhalb einer halben Stunde – da hat jeder Ball gepasst. Dieses Glück, die Konsequenz und den Glauben muss man sich aber erst einmal erarbeiten.

Mit Ende der Qualifikation endet Ihr Vertrag. Wurde schon über eine Verlängerung gesprochen?

Darüber red’ ich jetzt nicht.

Also ja?
Wir haben diesen Zeitraum vereinbart, weil wir ja nicht wussten, wie die Findungsphase enden würde. Es hätte ja sein können, dass ich nach einem halben Jahr die Schnauze voll hab. Hab ich aber nicht. Das steht jedenfalls fest.

Marcel Koller und die Zukunft des Teams

Meistermacher Marcel Koller wurde am 11. November 1960 in Zürich geboren. Von 1972 bis 1996 spielte er in seiner Heimatstadt bei den Grasshoppers, von 1982 bis 1996 55-mal im Nationalteam, der finale Höhepunkt war die EM 1996.
1997 begann er als Trainer bei Wil, danach wurde er Meister mit St. Gallen und den Grasshoppers. 2003 ging er nach Köln, 2005 nach Bochum. Seit 1. November 2011 ist er österreichischer Teamchef.

Das Jahr 2013  
6. 2.: Wales – Österreicher
22. 3.: Österreich – Färöer
26. 3.: IrlandÖsterreich
7. 6.: Österreich – Schweden
6. 9.: DeutschlandÖsterreich
10. 9.: ÖsterreichIrland
11. 10.: Schweden – Österreich
15. 10.: Färöer – Österreich

Das erste Jahr von Teamchef Koller

Die Spiele

4 Siege, 2 Unentschieden, 3 Niederlagen, 14:10 Torverhältnis

Ukraine - Österreich 2:1 (Freundschaftliches Länderspiel)

Österreich - Finnland 3:1 (Freundschaftliches Länderspiel)

Österreich - Ukraine 3:2 (Freundschaftliches Länderspiel)

Österreich - Rumänien 0:0 (Freundschaftliches Länderspiel)

Österreich - Türkei 2:0 (Freundschaftliches Länderspiel)

Österreich - Deutschland 1:2 (WM-Qualifikation)

Kasachstan - Österreich 0:0 (WM-Qualifikation)

Österreich - Kasachstan 4:0 (WM-Qualifikation)

Österreich - Elfenbeinküste 0:3 (Freundschaftliches Länderspiel)

Die Spieler

8 Einsätze: Kavlak, Arnautovic, Baumgartlinger, Janko, Ivanschitz

7 Einsätze: Harnik, Prödl, Garics, Junuzovic

6 Einsätze: Pogatetz, Almer, Alaba

5 Einsätze: Suttner, Fuchs, Burgstaller, Jantscher

4 Einsätze: Dragovic, Pehlivan

3 Einsätze: Klein, Leitgeb

2 Einsätze: Lindner, Schiemer, Scharner, Bürger, Weimann

1 Einsatz: Gratzei, Ortlechner, Säumel, Hoffer, Sabitzer, Okotie

Die Debütanten

Almer, Burgstaller, Suttner, Lindner, Bürger, Sabitzer, Weimann

Die Torschützen

4 Janko

2 Arnautovic, Harnik, Ivanschitz, Junuzovic

1 Alaba, Kavlak

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