Das Al Thumama Stadium im Südosten von Doha wird 40.000 Zuschauer fassen.

© APA/AFP/KARIM ABOU MERHI

Sport Fußball
10/06/2019

Katar 2022: Der Preis für die Fußball-WM in der Wüste

36.000 Männer aus 41 Nationen errichten in Katar die acht Stadien für die Weltmeisterschaft 2022.

von Florian Plavec

16.30 Uhr, tief steht die Sonne, 41 Grad. Links die Schnellstraße, rechts die Baustelle des Al Thumama Stadium im Südosten von Doha, kein Schatten. Transparente versperren den Blick auf die Arbeiten. Zu erkennen ist, dass die Ränge der Arena gerade hochgezogen werden, dass an der Dachkonstruktion gearbeitet wird. Fünf Kräne bewegen ihre Arme, Lastwagen fahren hin und her.

"Einfach schildern, wie das da so ist, drei Jahre vor der Fußball-WM", war der Wunsch der Redaktion. "Und schreiben, wie es den Arbeitern dort geht."

Eine klare Vorgabe, und doch so schwer umzusetzen. Ganz besonders in einem Land wie Katar. Einem Land, gegen das Amnesty International schwere Vorwürfe erhob. Katar sei ein "Tummelplatz skrupelloser Arbeitgeber", schrieb die Menschenrechtsorganisation. Geschichten über ausgebeutete, versklavte Arbeiter auf den WM-Baustellen schockierten die Welt. Hunderte Todesfälle soll es gegeben haben, Tausende werden befürchtet. Kranke Männer sollen zur Arbeit gezwungen, andere verprügelt worden sein.

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Die Veranstalter der WM 2022 sind sich der Brisanz des Themas bewusst und wissen, dass die westliche Welt sie kritisch beobachtet. Bei einem Info-Termin für Journalisten wurden vergangene Woche alle Fragen beantwortet. Nur zitieren darf man niemand, es gibt noch keinen offiziellen Sprecher der WM.

Um die Arbeiter kümmere man sich besser als zuletzt, heißt es. Auf den Baustellen gelten die höchstmöglichen Standards. Wasser werde genug zur Verfügung gestellt. Sollte ein Arbeiter kein Geld bekommen, könne er sich an eine Hotline wenden. Und dass Reisepässe eingezogen werden, soll nicht vorkommen. 26 Firmen hätten sich bisher nicht an die Vorgaben gehalten, ihnen seien die Aufträge entzogen worden.

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Große Projekte

An den acht spektakulären Stadion-Projekten änderte all dies nichts. Zwei Arenen sind bereits fertig, bei den sechs weiteren liege man voll im Zeitplan. Die meisten Stadien werden nach der Weltmeisterschaft rückgebaut. Das modular aufgebaute Ras Abu Aboud Stadium für 40.000 Zuschauer im Hafen von Doha soll sogar komplett abgetragen und verschifft werden.

Das Wetter während der WM? Die Temperatur soll sich im Dezember in den "niedrigen 20ern" befinden; dennoch verfügen alle Stadien über Klimaanlagen. Die Transportmöglichkeiten? Das neu errichtete Metro-Netz wird "selbstverständlich" rechtzeitig fertig. Alkohol? Man werde "bestimmt" eine Lösung finden, damit Fußballfans in manchen Bereichen Bier trinken können, auch wenn das nicht der katarischen Kultur entspreche. Das sind Themen, über die man gerne spricht.

Großes Schweigen

Die drei Arbeiter, die neben der Einfahrt zur Baustelle beim Al Thumama Stadium auf dem Boden neben der Plane hocken, sprechen nicht. Ob sie hier arbeiten? Ja. Wie es ihnen dabei geht? Ihr Englisch sei leider zu schlecht, sagt einer – in gutem Englisch. Das Betreten der Baustelle ist für Fremde selbstverständlich verboten.

Klar ist, dass die Arbeit hart ist für die 36.000 Männer aus 42 Nationen. Es sind vor allem Inder, Sri Lanker, Pakistani und Bangladescher, die die Stadien für die 64 WM-Spiele errichten. Trotz des extremen Klimas tragen alle Arbeiter Helm, Sicherheitsschuhe, lange Hosen und gelbe Warnwesten. Doch ist die Arbeit menschenunwürdig? Das lässt sich schwer beurteilen. Im Sommer wahrscheinlich schon, als es bis zu 50(!) Grad hatte, eine für den Mitteleuropäer völlig unvorstellbare, abartige Hitze.

Die Frage, weshalb eine Fußball-WM überhaupt an einen Wüstenstaat vergeben wird, stellt sich längst nicht mehr. Es geht nicht um den Sport allein, es geht um Geld und Gier, Politik und Prestige, Bestechung und Bereicherung. Bauaufträge in Milliarden-Höhe wurden an jene Nationen vergeben, die Katar zur WM verholfen haben. Zudem festigt das Emirat seinen Ruf als Sportnation – und seine Position gegenüber Saudi-Arabien.

Um 17 Uhr ist Schluss für die Arbeiter. In Bussen werden sie von der Baustelle geschafft und in die Sammelquartiere gebracht, die ihre Arbeitgeber zur Verfügung stellen. Diese sollen durchwegs "okay" sein.

"Ich teile mir mein Zimmer mit fünf anderen Menschen – und das ist keinesfalls okay", sagt Hassan, der seinen vollen Namen in keiner Zeitung lesen möchte. Hassan, 29, stammt aus Uganda, seit drei Jahren lebt er in Katar. Im Vergleich zu den Bauarbeitern hat er es besser. Er sitzt links vorne in einem klimatisierten Skoda Superb und chauffiert als Taxifahrer Menschen durch die Stadt.

Hassan ist einer von mehr als zwei Millionen Gastarbeitern, die die Wirtschaft im Land am Laufen halten. Ohne sie wäre das Leben für die 300.000 Einheimischen nicht möglich. Nach UN-Angaben hat Katar prozentuell weltweit die höchste Quote an Arbeitsmigranten. Männer übernehmen alle manuellen Arbeiten, Frauen arbeiten im Service und als Haushaltshilfen. Auch diesbezüglich gingen Berichte über körperliche, psychische und sexuelle Gewalt um die Welt.

Große Probleme

"Sie brauchen uns Gastarbeiter, ohne uns können sie nicht existieren", sagt Hassan. "Denn Katarer arbeiten nicht." Und wenn sie arbeiten, dann vor allem als Staatsbedienstete. 9.000 Euro soll das Einstiegsgehalt eines katarischen Lehrers betragen, schrieb die Zeit. Hassan verdient 1.500 Katar-Riyal (378 Euro) als Fixum pro Monat, läuft das Geschäft gut, kann es um 40 Prozent mehr werden. "Aber die Lebenshaltungskosten sind hier sehr hoch", sagt er. "Es ist schwer, sich etwas zur Seite zu legen."

Noch schwerer hätten es aber die Arbeiter auf den WM-Baustellen, sagt Hassan. Sie müssten im Monat mit 800 Riyal (200 Euro) auskommen. Und viele von ihnen werden das Land verlassen müssen, sobald die Stadien fertiggestellt sind.

Hassan wird länger bleiben. "Ich möchte 2022 unbedingt ein Spiel bei dieser WM sehen. Das ist mein Traum", sagt er. "Und das wird auch mein letzter Tag in diesem Land sein. Am Morgen danach reise ich nach Hause."