Reine Zopfsache: Julian Baumgartlinger trat in den letzten Spielen mit neuer Frisur auf.

© DIENER/Extra

Interview
03/22/2017

Baumgartlinger: "Bin ein Freund von Flexibilität"

Der ÖFB-Kapitän über neue Systeme im Team, Vaterschaft und Ersatzbank.

von Alexander Strecha

Gestern noch auf der Bank, heute mitten im Geschehen auf dem Fußballplatz: Julian Baumgartlinger spielte unter Roger Schmidt bei Leverkusen keine Hauptrolle. Nach dem Trainerwechsel zu Tayfun Korkut durfte er gegen Bremen, Atlético und gestern in Hoffenheim zurück ins Rampenlicht. Am Montag rückt der Kapitän ins Teamquartier nach Wien ein. Gegen Moldawien am Freitag ist er gesperrt, kann erst beim Test gegen Finnland in Innsbruck (28. März) spielen.

KURIER: Unter dem neuen Trainer spielten Sie mit neuer Frisur. Ist Ihr Friseur auf Urlaub?

Julian Baumgartlinger: Ich hätte nicht gedacht, dass das so viele Reaktionen hervorruft. Die Haare sind schon extrem lang, deswegen habe ich sie kurzerhand zusammengebunden. Ganz einfach.

Geht es Ihnen persönlich wieder gut in Leverkusen?

Für mich war es wichtig, dass ich sofort wieder zwei Spiele über 90 Minuten absolvieren konnte. Kopf und Beine bekommen wieder Rhythmus. Mir persönlich geht es somit besser als vor zwei Wochen noch.

Wie geht man mit so einer schwierigen Zeit um?

Es ist schwierig. Aber genau das ist die Herausforderung, weil nicht alles perfekt laufen kann. Natürlich macht es keinen Spaß, wenn das Team keinen Erfolg hat und ich mich persönlich nicht mehr präsentieren kann. Aber man darf sich nicht hängen lassen, muss fit bleiben, sich aufdrängen, immer bereit sein.

Und woher haben Sie die Kraft bekommen? Aus Ihrer neuen Rolle als Vater?

Das war sicher auch ein Faktor, aber es ist mir generell wichtig, diverse Dinge nicht überzubewerten. Ja, es ist mein Beruf, aber es ist auch nur Fußball. Außerdem kann man sich mental vorbereiten auf solche Situationen. Und ich bin nicht allein damit. Jeder Fußballer kommt in die Situation, dass er nicht erste Wahl ist. Ich habe viel mit Freunden, der Familie und Kollegen gesprochen.

Teilen Sie sich gerne mit?

Ja, ich bin einer, der dann viel darüber redet. Ich fresse das nicht in mich hinein, weil das für mich nicht gesund ist.

Viele Österreicher spielen in der deutschen Liga. Sie verdienen sehr gutes Geld, der Druck ist aber auch groß.

Es geht oft unter in der Betrachtung, wie es einem mit dem Rundherum geht. Der Druck, die Konkurrenz, der Fokus, in dem man permanent steht. Läuft es bei einem gut, wird man beneidet. Läuft es schlecht, wird man kritisiert. Viele Dinge werden von außen nicht gesehen, die Wenigsten kennen die Zusammenhänge und Hintergründe. Fans drehen den Fernseher auf und schauen Bundesliga. Für diese Menschen haben wir einen Traumjob.

Ist er das nicht?

Doch. Es gibt nichts Schöneres. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht, das ist ein Privileg und keine Selbstverständlichkeit. Aber du musst einmal dorthinkommen und auf dem Weg viel entbehren. Wenn du dann auf dem angestrebten Level bist, musst du dich dort halten und weiter verbessern. Es ist ein ständiger Prozess, so wie bei jedem anderen Job auch. Oft ist man froh, manchmal auch deprimiert. Trotzdem oder gerade deshalb bin ich sehr dankbar für das, was ich tue.

Und dennoch ist Deutschland kein Vergleich zu Österreich.

Es sind verschiedene Welten. Nicht das eine ist gut und das andere schlecht. Man kann es nicht miteinander vergleichen, was die Größe, die Finanzen und die Vermarktung betrifft.

Sie kommen nun zum Team und wissen, dass Sie gegen Moldawien nicht spielen. Komisch?

Das ändert meine Einstellung nicht. Ich freue mich auf die Kollegen, die vertraute Umgebung, die gemeinsame Vorbereitung und die beiden Heimspiele. Ich bin Teil der Mannschaft, trage Verantwortung und möchte zu einer guten Stimmung beitragen.

Ist die Chance auf die WM noch realistisch?

Absolut. Es ist alles eng, wir haben noch viele direkte Duelle. Das war in der EM-Qualifikation nicht anders. Wir mussten auch gegen Russland und Schweden gewinnen.

Teamchef Marcel Koller überlegt ein neues System. Ist es an der Zeit dafür?

Ich bin ein Freund von Flexibilität, man ist dadurch unberechenbarer für die Gegner. Wir haben sicher das Potenzial für mehrere Systeme, viele Spieler sind bei uns variabel einsetzbar.

Vor der EM war Fußball-Österreich euphorisch, danach enttäuscht. Die Medien waren böse, die Fans kritisch. Ist der Fußball ungerecht?

Nein, er ist knallhart. Man kann nicht immer von allen verstanden werden. Fußball ist eben ergebnisabhängig. Man kann diesen Umstand nur akzeptieren, die Lehren daraus ziehen und besser werden. Im Team ist alles etwas schwieriger, weil die Zeit begrenzt ist. Das klingt nach einer Floskel, es ist aber tatsächlich so.

Wann hört bei Ihnen die Akzeptanz auf?

Wenn mit Unwahrheiten gezielt Stimmung gemacht wird. Da hört sich für mich der Spaß auf. Und das war leider nach der EM der Fall.

Sind Fußballer die Gladiatoren der Moderne?

Der Vergleich trifft schon zu. 50.000 kommen in die Arena, um uns zu sehen. Danach fällen sie ein Urteil. Wobei alles viel schneller ist in der digitalen Welt mit Social Media und Internet-Medien. Da wird geurteilt, verurteilt und abgestempelt. So ist das Geschäft. Dafür werden wir bezahlt. Zum Glück geht es nicht um Leben und Tod.

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