Symbol-Charakter: Schon lange nicht stand ein Gesicht dermaßen für das Auswahl-Team Österreichs wie Marcel Koller für das Team. Mit einer Qualifikation für die EURO würde ein großes Ziel in Erfüllung gehen.

© APA/ROBERT JAEGER

Interview
08/31/2015

Teamchef Koller: "Ab und zu ist es wie in einer Familie"

Der Schweizer Marcel Koller über die EURO 2016, seine Zurückhaltung, seine Teamspieler und seine Job-Zukunft.

von Alexander Strecha

Was ist der Unterschied zwischen Tom Cruise und Marcel Koller? Die Mission des Schweizer wird demnächst möglich. Denn gewinnt das ÖFB-Team kommenden Samstag gegen Moldawien, und gelingt den Russen kein Sieg über Schweden, dann ist Österreich fixer Teilnehmer an der EURO 2016 in Frankreich, da man von Russland nicht mehr eingeholt werden kann und zumindest Gruppen-Zweiter werden würde.

KURIER: Das Team hat die Möglichkeit, gegen Moldawien die EM-Teilnahme fix zu machen. Warum wehren Sie sich gegen Rechnereien? Schlechtes Omen, schlechte Erlebnisse?

Marcel Koller:Meine Erfahrung in all den Jahren ist, dass man in solchen Situationen dann zu euphorisch ist. Man sieht sich schon am Ziel. Dabei sind wir nur auf der Ziellinie, aber noch nicht im Ziel. Das sieht man oft im Skilanglauf, dass einer doch noch daherkommt und den Führenden überholt.

Jetzt hat man aber ein Heimspiel vor vollen Rängen.

Gegen Moldawien sind wir daheim noch dazu Favorit. Jeder weiß, unter normalen Umständen, sollten wir gewinnen. Aber die Moldawier werden dazwischenhauen und uns wehtun wollen. Wenn die beim Gruppenersten etwas holen, ist das für sie super.

Auswärts gegen Moldawien und Liechtenstein hat der Fokus gestimmt.

Ja, das war auch hervorragend, wie wir das umgesetzt haben. Das Gute ist jetzt, dass nur noch vier Matches zu spielen sind. Wir wissen, wir sind nah dran. Aber: Wenn ich zehn Meter vor dem Ziel zu Fuß gehe, kommt ein anderer mit dem Zug daher und packt das noch ...

Das Team wirkt gefestigt. Haben Sie in Ihrer Karriere schon einen ähnlichen Teamgeist gesehen wie in dieser Truppe?

Ja, schon. Ich habe ja selbst einige Jahre gespielt (lacht).

Die Entwicklung dieser Mannschaft ist aber beeindruckend.

Richtig, aber das hat auch damit zu tun, dass es ein Nationalteam ist, wo man sich zwischendurch längere Zeit nicht sieht. Wäre das ein Klub, und einer ist ständig die Nummer 12, dann wird die Stimmung nicht ganz so gut sein. Es war mein Ziel, dass Spieler gerne zum Team kommen.

Sie haben sich für eine Vertragsverlängerung beim ÖFB entschieden. Bauchgefühl oder Kopf? Wie entscheiden Sie? Einsam? Mit Rücksprache?

Von allem etwas. Wichtig ist, dass ich mich bei der Entscheidung und der Vorstellung wohlfühlen muss. Es muss für mich passen. Und wenn das Rundherum dann auch passt, ist es leichter. Ich bin ja mittendrin. Freunde aus der Schweiz bekommen meine Emotionen nicht mit, die haben ihre eigenen Emotionen.

Was hier entstanden ist – sehen Sie das als Ihr Werk?

Überall, wo ich längere Zeit tätig war, hat man diese Handschrift dann gesehen. Die Art, wie ich spielen lassen möchte, versuche ich ja zu vermitteln. Eine schöne Bestätigung ist für mich, wenn Freunde zu mir sagen: Die spielen ja so, wie du das willst. Das ist eine Koller-Mannschaft. Natürlich möchte ich aber auch Erfolge vorweisen, denn nur mit dem schönen Spiel kommt man auch nicht weit.

Sie haben Ihren Stamm gefunden, das sind "Ihre Jungs". Haben Sie Vatergefühle?

Ja, manchmal gibt es solche Situationen, wo man das meinen könnte. Wenn jemand kommt und meinen Rat und meine Meinung braucht, gebe ich die gerne weiter, dränge mich aber nicht auf. Es gibt auch bei uns Regeln, was den Umgang betrifft. Da gehe ich notfalls auch dazwischen. Ab und zu ist es wie zu Hause in einer Familie.

Was hat Ihnen in den letzten Jahren am meisten gefallen?

Dass wir einen Schritt nach vorne geschafft haben. Das hat Zeit gebraucht. Zu Beginn war es für mich schwierig, dass die Spieler kaum da waren. Ich wollte etwas vermitteln, und schon waren sie wieder bei ihren Vereinen. Entscheidend war die Zeit der Vertragsverhandlungen rund um die Spiele gegen Schweden und Färöer. Einige Spieler sind zu mir gekommen und haben gemeint, ich solle doch bleiben. Das Färöer-Spiel damals war mir extrem wichtig.

Weshalb?

Hätten wir verloren, wäre das Vertrauen, das wir uns bei den Fans bis dahin aufgebaut hatten, wieder weg gewesen. Es war wichtig für mich zu sehen, dass die Spieler als Team harmonieren und auch dieses Spiel für sich entscheiden, in dem es um nichts mehr ging.

Zu Beginn Ihrer Amtszeit haben Sie den Wunsch geäußert, alle Spiele in Wien zu absolvieren. Fühlen Sie sich bestätigt, wenn es für das Match gegen Liechtenstein keine Karten mehr gibt?

Ja. Ich hatte schon eine Vision. Für mich war klar, die Österreicher kommen ins Stadion, wenn Deutschland kommt, England, Frankreich oder Brasilien. Das kenne ich auch aus der Schweiz. Für mich war wichtig, dass wir so spielen, dass die Fans wegen uns kommen. Ob der Gegner dann Liechtenstein heißt oder Brasilien – beim einen soll das Stadion in drei Wochen ausverkauft sein, beim anderen in 24 Stunden.

Wann kommt der Zeitpunkt, an dem Sie fühlen, es ist hier alles erledigt und erfüllt?

Hatten Sie den schon einmal in Ihrem Leben?

Nur, wenn ein anderes Angebot vorgelegen ist ...

Ja. Es kann sein, dass der Zeitpunkt einmal kommt. Ich habe keine Ahnung, ob und wann das sein wird, das werden wir sehen.

Ist der Teamchef-Posten nicht der herrlichste Job, den es im Fußball-Geschäft gibt?

Wenn man erfolgreich ist, schon. Ich bin das erste Mal Teamchef. Vielleicht sollte man andere fragen, die weniger Erfolg haben. Denen ergeht es sicher anders. Wir sind ja froh, dass es so gut läuft. Die Belastung ist sicher größer als bei einem Klubtrainer, wenn es schlecht läuft. Denn das betrifft dann das ganze Land.

Haben Sie sich an das Teamchef-Dasein schon gewöhnt? Oder gehen Ihnen immer noch Facetten des Vereinstrainers ab?

Ich freue mich über jede Kader-Bekanntgabe. Weil das heißt, es dauert nicht mehr lange, bis die Jungs kommen und die gemeinsame Arbeit beginnt. Ich bin gern auf dem Platz. Das hast du als Vereinstrainer regelmäßig.

Sind Sie mit den Spielern per Du?

Ja.

Und die Spieler mit Ihnen?

Nein.

Was muss ein Spieler anstellen, damit Sie von ihm maßlos enttäuscht sind?

Das hat dann wahrscheinlich weniger mit dem Fußball zu tun, sondern mit Zwischenmenschlichem. Zum Beispiel, wenn einer lügt.

Können Sie sich vorstellen: Einmal Teamchef, immer Teamchef?

Das kann ich jetzt nicht sagen. Zu Beginn meiner Tätigkeit war es für mich ein echter Entzug, nicht täglich auf dem Platz zu stehen. Es war auch schwierig, wenn du den Spielern noch etwas mitgeben möchtest nach dem Spiel, und sie sagen "Tschüss Teamchef und bis in zwei Monaten". Aber daran habe ich mich schon gewöhnt (lacht).

Wie schwer fällt Ihnen der Spagat zwischen Zurückhaltung in der Euphorie und gleichzeitiger Planung für die EURO?

Es ist ja normal, dass wir vom ganzen Verband her nicht bis in den Dezember warten können. Natürlich muss man sich einiges anschauen und planen. Ich beschäftige mich dann einen Tag hier, einen Tag da damit. Ich bin aber so lange dabei, dass ich weiß, wann ich es auf die Seite schieben soll. Jetzt wollen wir über die Ziellinie gehen, und dann geht’s wieder weiter in einer neuen Phase.

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