Eine Frage der Zeit: In erster Instanz wurde Kuljic für fünf Jahre verurteilt, Taboga (li.) nur bedingt.

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Lokalaugenschein
12/29/2014

Kuljic: "Du darfst nicht an draußen denken"

Der KURIER besuchte Sanel Kuljic knapp vor Weihnachten in der Haftanstalt Graz-Jakomini.

von Alexander Strecha

Weiße Hose, schwarzer Gürtel, weißes T-Shirt, darüber eine graue legere Kapuzenweste. Das halblange Haar ist wie gewohnt nach hinten gekämmt. Sanel Kuljic macht auf den ersten Blick einen sehr guten Eindruck, wirkt sogar ähnlich fit wie zu seinen aktiven Zeiten, als er noch als Profi-Fußballer im Nationalteam stürmte. Heute sitzt er in der Justizanstalt in Graz. Fünf Jahre laut Ersturteil wegen schweren Betrugs, Erpressung und Nötigung. Kuljic hat Fußballspiele manipuliert. Das Berufungsverfahren läuft noch.

Der Besuch bei zur Seite geschobener Glasscheibe dauert 90 Minuten. So lange wie ein Fußballspiel. Die Anstalts-Direktion zeigte sich bei den Anfragen entgegenkommend. Vor Kuljic liegen ein Notizblock und ein Kugelschreiber, neben ihm ein dicker Stapel mit Gerichtsakten, die er seit Wochen studiert. Es sei sehr viel herauszulesen, meint er mit einem wissenden Lächeln. "Ich gestehe meine Fehler ein, bin mir meiner moralischen Schuld bewusst. Ich will gar kein Mitleid, denn jammern bringt nichts hier herinnen. Da machst du dich nur deppert. Ich schäme mich vor vielen Menschen, die es gut gemeint haben mit mir."

Zu Besuch

Es fällt nicht leicht, mit dem 36-Jährigen zu sprechen, ohne sich von dessen Emotionen anstecken zu lassen und gleichzeitig dem Anspruch der Objektivität gerecht zu werden, immerhin handelt es sich um ein persönliches Schicksal. Aber Kuljic ist schuldig, hat Unrecht getan, das Erstgericht sah darin Strafbares und hat ihn dafür verurteilt.

Im Fokus des Interesses steht vielmehr das Befinden des bekannten Häftlings, der mit Hannes Kartnig und einem weiteren, aber nicht prominenten Insassen die Zelle teilt. Seit 14 Monaten sitzt er nun schon in Untersuchungshaft. "Die setzt mir psychisch sehr zu." Einst, vor des Gegners Tor, da folgte der Goalgetter seinem Instinkt, dachte nicht viel nach. "Heute geht der Kopf rund um die Uhr. Oft gehe ich den Gang auf und ab, den Kopf gesenkt, und denke nach. So mache ich Kilometer."

Kampf mit der Psyche

Alle zwei Wochen wird er beim psychologischen Dienst vorstellig. "Öfter ist es nicht möglich bei 500 Häftlingen. Deine Stimmung da herinnen kann von einer Sekunde auf die andere kippen. Es geht dir nicht gut, wenn du in der Kist’n bist." Im Sommer noch betrieb er regelmäßig Sport, spielte Fußball, vertrieb sich die Zeit in der Kraftkammer. "In letzter Zeit habe ich eine depressive Phase."

Kuljic frischt sein Französisch auf, das er seit seiner Zeit bei Sion spricht, lernt dazu Italienisch. "Damit ich später irgendetwas mitnehmen kann von hier." Er liest Bücher über den Buddhismus, schreibt Briefe an seine Vertrauten "draußen" und versucht sich an Gedichten.

In der Zelle hat jeder Insasse einen Fernseher mit Kopfhörern. Fußballspiele laufen bei Kuljic so nebenbei. Bundesliga, Champions League? "Ich schaue zwar hin, bin mit meinen Gedanken aber ganz woanders. Der Fußball interessiert mich derzeit nicht." Vielleicht später, dann, wenn er wieder "draußen" ist. Die Experten-Gespräche mit Hannes Kartnig halten sich in Grenzen. "Ich bin zurückgezogen und ruhig. Viel Privatsphäre hast du ja nicht. Oft hast du keine Kraft dafür."

Tägliche Routine

Die heikle Frage, ob er, der Wettmanipulation betrieben hatte, die letzte Sendung von "Wetten, dass ..?" gesehen hat, lässt ihn lächeln. "Jaja, den blöden Schmäh höre ich hier auch immer wieder. Oft lasse ich auch dumme Wuchteln über mich fallen."

Sein Tagesablauf ist schon zur Routine geworden. "Ich stehe um halb sechs Uhr auf, trinke ein, zwei, drei Kaffee, rauche meine zehn Zigaretten wie immer. Dann ist es halb acht, und die Arbeit beginnt." Kuljic ist auf der Krankenstation, schlichtet Medikamente, gibt Essen zu Mittag aus. Ein guter Job, der Einfühlungsvermögen verlangt. In einzelnen Fällen hilft er dem Personal als Dolmetscher. "Ich kann einige Sprachen des Ex-Jugoslawien und daher helfen. Das mache ich gerne, weil das Personal in Ordnung ist."

Ab 16 Uhr ist er wieder für sich. "Ich denke von Tag zu Tag. Hier herinnen bringst du den Tag schon rüber, der vergeht. Du darfst nicht an draußen denken, das macht dich fertig." Jeden Dienstag kauft er in dem kleinen Supermarkt in der Anstalt für die ganze Woche ein. "Das Übliche. Wurst, Schokolade, Obst, Gemüse, diverse Toiletteartikel."

Die Hoffnung

Wann die Berufung verhandelt wird, ist noch nicht bekannt. Kuljic hofft auf eine baldige endgültige Entscheidung in seinem Fall. "Dann ist es, wie es ist, was wiederum gut für meinen Kopf ist." Sein Denken erfolgt von Tag zu Tag, von Schritt zu Schritt.

Konkrete Gründe für seine Aktivitäten, die ihn ins Gefängnis Graz-Jakomini brachten, hat er schon in der Verhandlung genannt. "Ich würde einiges anders machen. Ich war , wie ich war. Ich war bei den meisten Spielabsprachen dabei, das habe ich auch ausgesagt. Auf dem Platz war ich dagegen selten dabei. Ich habe viele Fehler gemacht." In manchen Punkten fühlt er sich ungerecht behandelt. Während sich er in Haft befindet, erhielt Mitspieler Dominique Taboga eine bedingte Strafe. "Irgendwo bin ich schon wütend. Er wollte seine Haut retten, das ist wiederum verständlich."

Das bis dato gültige Entlassungsdatum für Kuljic ist der 13. November 2018. "Ich werde ganz neu anfangen. Und werde den Menschen etwas zurückgeben, die zu mir stehen." Am meisten fehlen ihm die sozialen Kontakte. "Du bist hilflos und angewiesen, kannst nur hoffen, dass man das an dir schätzt, was sie an mir gehabt haben, dass die Menschen zu mir stehen und auch durchhalten. Die Leute draußen sind ja oft mehr gestraft als du selbst und haben nichts gemacht."

Eines aber hat er sich fest vorgenommen, wenn er wieder frei ist. "Ich werde das Rückgrat haben, die Kärntner Straße so wie früher einen Tag lang rauf und runter zu gehen und mich den Blicken zu stellen. Das muss ich für mich machen. Ich kann dann allen sagen, was Gefängnis bedeutet."

Der Fußballer

Sanel Kuljic spielte seit 2000 bei Bad Bleiberg, Pasching, LASK, Ried, Sion, Austria Wien, Wr. Neustadt, Xamax Neuchâtel, Larisa und Kapfenberg. In 333 Spielen erzielte er 149 Tore. Für Österreich spielte er 20-mal von 2005 bis 2007 (3 Tore).

Das Verfahren

Im August startete in Graz der Prozess um den größten Fußballwettskandal Österreichs. Die Ex-Bundesliga-Profis Sanel Kuljic, Dominique Taboga und Thomas Zündel sowie sieben weitere Beschuldigte müssen sich für die Manipulation von 18 Spielen verantworten. Den Beschuldigten wird unter anderem schwere Erpressung, schwerer gewerbsmäßiger Betrug, Nötigung und das Bilden einer kriminellen Vereinigung – zum Teil auch als Versuch – vorgeworfen. Kuljic wurde in erster Instanz nicht rechtskräftig zu 5 Jahren Haft verurteilt. Die Berufung läuft derzeit.

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