In seiner Roma-Zeit wurde Prohaska zur Vereins-Legende.

© KURIER/Wilhelm Schraml

Interview
10/16/2016

Als aus Schneckerl der Herberto wurde

Im Interview erinnert sich Prohaska an seine Zeit in Italien, wo er 1983 Meister und zum Idol wurde.

von Alexander Strecha

Am Donnerstag gastiert die Wiener Austria in der Europa League bei der AS Roma. Einer, für den das Spiel etwas ganz Besonderes ist, muss durch seine Abwesenheit glänzen. Herbert Prohaska, Jahrhundert-Austrianer und Roma-Legende in einer Person, hebt am Spieltag, dem Geburtstag seiner Frau Elisabeth, in die USA zum Familien-Urlaub ab. Der KURIER sprach daher vorab mit "Schneckerl" über seine Austria und sein italienisches Abenteuer bei Inter Mailand und der Roma.

Vorweg aber eine Anekdote, die Prohaskas damaligen Stellenwert in Italien verdeutlicht: Es trug sich zu eines Abends in Mailand, Prohaska tat, was man in Italien zu dieser Tageszeit vorzüglich machen kann: fein essen. Als der damalige Inter-Spieler mit seiner Familie in seinem Stammlokal "Carlo ed Emilio" Fisch verspeiste, entdeckte er an einem der Nebentische Adriano Celentano, die lebende italienische Schauspiel- und Sänger-Legende.

"Schneckerl" wollte sich schon ein Autogramm holen, als ihn seine Frau Elisabeth einbremste, er solle Celentano doch nicht beim Essen stören. Kurz darauf kam aber der Kellner an den Tisch des Wieners und meinte: "Entschuldige bitte die Störung, aber Adriano ist ein großer Fan von Inter und lässt fragen, ob du ein Foto bei dir hast. Er würde dich gerne um ein Autogramm bitten."

Prohaska wurde nicht azzurro im Gesicht, sondern vielmehr rosso. Laut eigenen Angaben sei er so perplex gewesen, dass er vergessen hätte, sich selbst eine Unterschrift von Celentano zu besorgen. Grande Herberto!

KURIER: Herr Prohaska, wie war das damals Anfang der 1980er-Jahre, als Sie nach Italien wechselten und von Ihrer geliebten Austria weggingen?

Herbert Prohaska:Eigentlich war es für mich nicht vorstellbar, von der Austria wegzugehen. Die Situation im italienischen Fußball war zu dieser Zeit nicht einfach, weil die Italiener zwanzig Jahre lang die Grenzen dicht gemacht hatten für ausländische Spieler.

Warum das?

Der Hintergrund war das schlechte Abschneiden bei der WM 1966 in England, wo sie gegen Nordkorea ausgeschieden sind. Die Spieler wurden mit Paradeisern und Eiern bei der Rückkehr empfangen. Daraufhin hat der Verband beschlossen, dass man wegen der Nationalmannschaft in der Liga vermehrt auf Italiener setzt. Mein erster Vertrag bei Inter Mailand wäre fast gescheitert, weil ich unbedingt eine Klausel haben wollte.

Welche Klausel genau?

Dass ich um drei Millionen Schilling nach Österreich zurückgehen darf. In jedes andere Land konnten sie mich natürlich um jede Summer verkaufen, aber für Österreich wollte ich, dass die Entscheidung bei mir liegt und nicht beim Verein. Weil ich wusste, dass ein heimischer Klub die drei Millionen Schilling stemmen könnte. Außerdem hat mich damals Austria-Boss Joschi Walter darum gebeten.

Wie hat Inter Mailand auf Ihren Wunsch reagiert?

Die Verantwortlichen waren zutiefst enttäuscht von mir und meinten, ich sei noch gar nicht da und denke schon ans Zurückgehen. Die Klausel wollten sie mir nicht geben. Daraufhin entstand eine Patt-Situation in den Verhandlungen, und wir machten eine halbe Stunde Pause, in der sich jede Seite etwas überlegen sollte. Mit meinem Berater Skender Fani bin ich dann am Inter-Trainingsgelände spazieren gegangen. Dann habe ich zu ihm gesagt: ‚Skender, ich weiß, wie wir es machen. Mir ist was Gutes eingefallen.‘

Und was war Ihre Idee?

Ich bin rein zur Verhandlung und habe gesagt, dass ich auf die Klausel verzichte und einen Zehn-Jahres-Vertrag möchte. Damit sie sehen, dass ich gern bei Inter bleiben möchte. Es soll mir doch Schlimmeres passieren als zehn Jahre bei Inter bleiben zu müssen (lacht). Da haben sie geschluckt und gemeint: Machen wir drei Jahre und die Klausel.

Warum wurde es letztlich Inter und nicht Milan?

Ich wäre zu beiden gegangen. Aber das mit Abstand beste Angebot hatte ich von Bologna. Die haben gewusst, dass mich Inter und Milan wollen und haben gesagt, dass sie auf jedes Angebot eine Million Schilling drauflegen. Ich habe Fani enttäuscht und ihm gesagt: ‚Nicht böse sein, aber ich kann in Italien spielen und dann soll ich zu Bologna gehen? Ich möchte bei Inter oder Milan spielen.‘ Und Milan ist dann ausgeschieden, weil sie in den Toto-Skandal verstrickt waren und in die zweite Liga mussten. Ich war also auf dem Weg nach Mailand zu Inter, da hat sich Barcelona bei Fani gemeldet, weil mich der Hans Krankl dorthin lotsen wollte.

Und warum haben Sie abgesagt?

Weil ich von Barcelona enttäuscht war. Der Holländer Neeskens ist damals von Barcelona nach Amerika gegangen, und sie wollten mich als seinen Nachfolger. Aber ich war alles, nur keine Kampfmaschine wie der Neeskens. Barcelona-Präsident Gaspart hat gemeint, wenn mich Inter will, dann muss ich gut sein. Davor war ich offensichtlich nicht gut genug. Da konnten sie mich gern haben.

Warum war das Mailänder Abenteuer nach nur zwei Jahren wieder zu Ende?

Inter hat noch in den 1960er-Jahren gelebt, in der Zeit hatten sie zwei Mal den Meistercup und den Weltpokal gewonnen. Sie hatten ein paar super Kicker im Kader, waren aber damals nicht besser als die Austria. Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt und war auch beliebt, aber das System war nicht so toll. Inter ist Meister geworden, als ich kam. Daher war die Zielsetzung: Meister mussten wir sowieso werden, darüber hinaus wollten sie den Europacup. Dort sind wir im Semifinale gegen Real Madrid ausgeschieden, in der Liga wurden wir nur Dritter. Da sind sie schon unrund geworden. Im Jahr darauf sind wir zwar Cupsieger geworden, in der Liga reichte es wieder nur zu Platz drei. Dann haben sie sich den Hansi Müller eingebildet, der dann leider ein Flop geworden ist, weil er schon verletzt zu Inter gekommen war.

Also ging es für Sie ab nach Rom.

Genau. Die Roma wollte mich unbedingt haben. Bei Roma war alles ähnlich wie bei der Austria. Viel Schmäh, viele Freiheiten, lockeres Leben, weniger Druck vom Verein. Und wir sind Meister geworden. Das war das erste Jahr, wo zwei Ausländer zugelassen waren. Ich war der zweite neben Falcao.

Jener Falcao war der Grund, dass Sie gehen mussten nach dem Meistertitel ...

Ja. Im Winter hat er seinen Vertrag um drei Jahre verlängert. Zwei Monate vor Saisonende hat er gemerkt, dass wir Meister werden, und wollte seinen Vertrag nachbessern. Der Präsident hat das vom Tisch gewischt. Nach dem letzten Spiel ist Falcao nach Brasilien geflogen und hat gemeint, er kommt nicht mehr.

Also ein Pokerspiel?

Genau. Falcao ist in Brasilien gesessen, Roma hat von Sampdoria Genua Antonio Cerezo für drei Jahre verpflichtet. Dann ist Falcao unruhig geworden, reumütig nach Rom zurückgekehrt und hat versichert, dass er selbstverständlich seinen Vertrag erfüllen wird. Jetzt aber hatte Roma drei Ausländer und musste einen loswerden und auszahlen: Falcao mit drei Jahren Vertrag, Cerezo mit drei Jahren, Prohaska mit nur einem Jahr. Also Prohaska. Für mich ist damals eine Welt zusammengebrochen.

Wären Sie ewig in der ewigen Stadt geblieben?

Ja. Es hat alles dafür gesprochen, dass die kommende Saison wieder so gut werden würde. Roma ist dann sogar ins Meistercupfinale gekommen. Wäre ich geblieben, hätte ich einen neuen Vertrag unterschrieben für ein paar Jahre. Danach hätte ich irgendwann im Nachwuchsbereich des Vereins gearbeitet. Das alles hätte ich mir vorstellen können. Wir wollten schon die Wohnung kaufen, haben für unsere Töchter sogar eine Schule gefunden, wo Deutsch und Italienisch unterrichtet wurde.

Hätten Sie nicht noch im Ausland bleiben können?

Doch. Der AC Torino hat auf Intervention von Walter Schachner bei mir angerufen und hätte mich gekauft. Aber nach dieser Enttäuschung wollte ich einfach nicht mehr. Und es hat mir nicht gefallen, wie man damals generell in Italien mit Legionären umgegangen ist.

Die Austria gastiert am Donnerstag in Rom. Hat sie eine Chance?

Eine Chance gibt es immer. Man muss aber realistisch sein: Die Roma hat derzeit eine wirklich starke Mannschaft. Es wird ganz schwer für meine Austria.

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