Klartext von Guido Burgstaller: "Ich habe dem Täter verziehen"
Abschied zum Feiern: Guido Burgstaller vor dem Block West
Am 10. April 2025 hat Guido Burgstaller im Europacup-Viertelfinale gegen Djurgården sein Comeback gefeiert. Nur vier Monate nachdem der Rapid-Stürmer vor dem Volksgarten zusammengeschlagen worden war und durch den Sturz auf den Hinterkopf einen Schädelbasisbruch erlitten hatte.
Zum Saison- und Karriereende rettete der Kärntner Rapid sogar noch die Europacup-Qualifikation.
Ein Jahr nach dem Comeback spricht der 36-Jährige so offen wie noch nie über den Weg zurück, Rapid und seine neuen Aufgaben als Trainer.
KURIER: Welche Emotion kommt beim Gedanken an das Comeback auf?
Guido Burgstaller: Das Gefühl, als ich in die Kabine zurückgekehrt bin und in Stockholm wieder Teil der Mannschaft war, als wäre nichts passiert. Dass ich wieder das tun konnte, was ich am meisten geliebt habe. Gerade weil mit diesem Comeback lange nicht zu rechnen war.
Wann haben Sie gespürt, dass es mehr werden kann als eine letzte Einwechslung?
Ich wollte mehr als Mitleidsapplaus bei ein paar abschließenden Spielminuten. Damit hätte ich mich nicht abfinden können. Deswegen war ich so verbissen, habe so hart gearbeitet wie noch nie und auch Risiko genommen. Bis zur Gewissheit, dass es funktionieren kann, hat es sehr lange gedauert.
Warum?
Weil es kaum vergleichbare Fälle gibt. Ich konnte keine anderen Kicker befragen, wann es ihnen wie gegangen ist. Und auch mit den Ärzten war es ein tagtägliches Abwegen des Risikos. Es war die härteste Zeit meiner Karriere.
Es lag nur ein Monat zwischen dem Comeback und der Rückkehr in die Startelf mit dem Tor beim Sieg im Auswärtsderby. Haben Sie sich selbst überrascht?
Ja! Ich war am Anfang nicht bei 100 Prozent, es waren nicht einmal 90. Und ein paar Spiele braucht man ohnehin, um wieder in Schwung zu kommen – dann war ich schnell eine Hilfe.
Wie viel vom erfolgreichen Comeback war Ihr purer Wille und wie viel war Routine?
Hälfte-Hälfte. Der Brustlöser war das Derbytor und der Sieg, obwohl wir nach einer sehr schweren Phase nicht gut gespielt haben. Das war reiner Kampf und auch Glück. Das war entscheidend, um noch in den Europacup kommen zu können.
Tatsächlich in den Europacup gekommen ist Rapid durch Ihre letzte Ballberührung: Es war die Flanke zu Karas Kopfball zum 3:0 gegen den LASK im Play-off. Das klingt nach Hollywood.
Eigentlich wollte ich schon länger ausgewechselt werden, aber der Kulo hat als Interimstrainer nicht reagiert. Es ist wirklich nicht mehr gegangen, ich hätte auch unmöglich eine Verlängerung bestreiten können. Und dann konnte ich Rapid noch einmal helfen – es hätte nicht besser enden können.
Haben Sie dem Täter, der Sie niederschlug, verziehen?
Ja, ich habe dem Täter verziehen. Im ersten Strafprozess hab’ ich seine damalige Entschuldigung nicht angenommen, weil sie weder ehrlich noch authentisch gewirkt hat. Bis zum Treffen beim Zivilgericht hat sich das aber geändert. Auch seine Eltern sind auf mich zugekommen. Wir haben uns ausgesprochen, er hat sich noch einmal entschuldigt, und ich habe das dankend angenommen. Jeder Mensch macht Fehler, auch ich.
Gibt es Langzeitschäden?
Ich brauche als Folge des Schlags eine Brille, aber eigentlich ist alles gut ausgegangen – Geruch und Geschmack sind zurück, auch das Kopfweh ist weg.
Guido Burgstaller bei seiner Rückkehr nach Hütteldorf
Wer hat von Anfang an an Sie geglaubt?
Der Steff! Ohne Familie und meine Freundin wäre es nicht gegangen. Aber wenn ich eine Person aus dem Umfeld und von Rapid hervorheben soll, ist es Steffen Hofmann. Er hat sich extrem um mich gekümmert und ist oft ins Krankenhaus gekommen.
Distanzierter war es in dieser Zeit mit Robert Klauß. Einige Mitspieler waren davon irritiert. Wollen Sie über das Verhältnis zum damaligen Trainer etwas sagen?
Wir hatten ein normales, distanziertes Verhältnis. Es muss mit einem Trainer aber auch nicht eng sein. Ich war inhaltlich nicht mit allem d’accord, aber das haben wir stets professionell gehandhabt.
Wie gefällt Ihnen der neue Stil von Rapid unter Trainer Johannes Hoff Thorup?
Gut! Mir gefällt es, wenn das Selbstvertrauen da ist, einen Stil zu entwickeln und den dann auch durchzuziehen. Denn das ist besonders wichtig: Der Verein soll eine Philosophie vorgeben, der Trainer soll dazu passen und dann darf es in einer Krise nicht wieder einen starken Wechsel geben.
Als Sie mit Steffen Hofmann Ihre Zukunft bei Rapid besprochen haben, war er von Ihrer umfangreichen „Stürmer-Datenbank“ samt Videos begeistert. Verraten Sie, was Sie da angelegt haben?
Mich hat immer sehr interessiert, wie und wohin sich die besten Stürmer im Strafraum bewegen und welche Unterschiede es für die diversen Stürmertypen braucht, um zum Abschluss zu kommen. Bei St. Pauli hab’ ich mit Co-Trainer Fabian Hürzeler (jetzt Chefcoach von Brighton in der Premier League, Anm.) eine gemeinsame Präsentation für den Kader erarbeitet. Das habe ich seither verfeinert und mit entsprechenden Übungen verbunden, damit über das Training ein Automatismus entstehen kann.
Zurück bei Rapid: Guido Burgstaller
Sie sind jetzt Stürmertrainer im Rapid-Nachwuchs und Assistent von U-19-Teamchef Martin Scherb beim ÖFB. Wohin geht es mit Österreichs Nachwuchs?
Mich erfüllt diese Arbeit jetzt sehr. Aber in den Akademien wurde in den vergangenen zehn Jahren einiges trainiert, das für 14- bis 16-Jährige ein Schmafu, also sinnlos ist. Es braucht mehr Positionstraining, auch in Kleingruppen. Ähnlich zum Football. Wir haben schon ewig Tormanntrainer – warum soll es das nicht auch für Verteidiger, Flügelspieler oder Stürmer geben? Dann könnte Österreich auch wieder mehr Goalgetter entwickeln.
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