Sport | Fußball 05.12.2011

Gregoritsch: "Lass mich nicht verbiegen"

Die Bundesliga-Trainer im Interview: Warum Kapfenberg-Coach Werner Gregoritsch Lehrer und ein Original bleiben will.

Wo Werner Gregoritsch auftaucht, ist immer etwas los. Der emotionale Trainer des Kapfenberger SV gewährt Einblicke in seine Arbeit, seine Philosophie und sein Seelenleben.

KURIER: Herr Gregoritsch, Sie sind ja ausgebildeter Lehrer. Dürfte bei Ihnen ein Kicker drei Mal einen Blödsinn machen und trotzdem bei der Gruppe bleiben?
Werner Gregoritsch: Das kommt drauf an. Wenn ein Spieler irgendwelche spielerischen Dinge nach der dritten Erklärung nicht kapiert, wird er sich eben ein Match von draußen ansehen müssen. Bei der dritten disziplinären Verfehlung sieht es anders aus. Da werde ich ihm sagen: 'Danke, war sehr nett und auf Wiedersehen.'

Ist der Lehrerjob vergleichbar mit dem Trainerdasein?
Durchaus. Heute ist es so, dass immer mehr junge Spieler in den Mannschaften stehen. Da muss man Geduld aufbringen, für die Burschen ist es ein ständiger Lernprozess. Früher waren mehr ältere Spieler in den Teams, die man nur bei Laune halten musste. Aber ich profitiere viel vom Dasein als Lehrer, was Respekt und Einstellung betrifft.

Wie waren Sie eigentlich als Schüler, pardon, Spieler?
Da haben Sie mich jetzt erwischt. Ich war ein Sturschädel, habe als Spieler genau das gemacht, was ich meinen Spielern nicht empfehlen würde. Der einzige Trainer, der mich kontrollieren konnte, war Gustl Starek. Der hat es verstanden, mich bei meiner Fußballer-Ehre zu packen. So weiß ich aber, wie die Spieler ticken.

Wie authentisch sind Sie, wie viel Show ist dabei?
Wenn wir gewinnen, kann es sein, dass ich schon mal der Schiedsrichterin Tanja Schett ein Busserl geb' (lacht). Aber ich lass ' mich nicht verbiegen. Es gibt so viele Trainer, die privat anders sind als in der Öffentlichkeit, die sich verstellen. Das ärgert mich maßlos. Deshalb gefällt mir der Peter Pacult, der ist authentisch.

Man sieht Sie immer mit aufgekrempelter Trainingsjacke ...
Weil Sie vorhin die Authentizität angesprochen haben, es symbolisiert: Wir sind ein Arbeiterverein, der mit Fleiß so weit raufgekommen ist. Ich sag's auch meinen anderen Trainern: Ärmel aufkrempeln und ein Schäuferl nachlegen. Zu Kapfenberg passt niemals ein Anzug. Ansonsten bin ich ja ein sehr eitler Mensch.

Wirklich? Und was für ein Trainertyp sind Sie?
Ein autoritärer Kumpel. Man darf nicht zu viele Einzelgespräche mit den Spielern führen, sonst verliert man den Respekt und gilt als Weichei. Aber man sollte wissen, was privat los ist. Du musst in der Nähe Distanz bewahren.

Ihr Sohn Michael hat für Hoffenheim unterschreiben. Mit 17 Jahren zu früh?
Eine andere Option wäre Inter Mailand gewesen, da hätte er im Nachwuchs gespielt. Da ist es besser, er trainiert bei uns mit Teamspielern wie Fukal oder Mavric, da lernt er mehr.

Hat er es leichter in Kapfenberg als Trainersohn?
Nein. Sein Stürmerkollege Deni Alar hat sogar gemeint, Michael würde benachteiligt werden. Michael hat eine anständige Erziehung genossen, und er behandelt seine Mitmenschen mit großem Respekt. Das spüren seine Kollegen auch.

Nimmt Trainer Gregoritsch die Emotionen auch mit nach Hause?
Nein. Ich geh' laufen oder ins eigene Fitness-Studio, außerdem hab' ich einen Boxsack, wo ich draufhau', um mich abzureagieren. Aber es gibt auch andere Möglichkeiten. Unlängst hab' ich mich über mich selbst geärgert, und mir gesagt: 'Du Depp, du hast 300 Bücher zu Hause, lies etwas'. In der Hausbibliothek bin ich in meiner Welt. Man muss als Mensch funktionieren, sonst besteht man als Trainer nicht.

Sie waren vor 14 Jahren krebskrank. Prägen einen solche Erfahrungen?
Fußball ist nicht alles. Ich verstehe Fans nicht, die alles geben für den Verein, für die Fußball Religion ist. Ich erzähl' Ihnen etwas: Vor wenigen Tagen starb ein Freund an Krebs, der mich emotional begleitet hat über die letzten Jahre. In diesen Stunden bist du dankbar für alles, was du hast. Ich weiß, dass nichts selbstverständlich ist.

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( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011