Sport | Fußball-WM
29.05.2018

Moritz Bauer über Russland: Liebesgrüße an Moskau

Moritz Bauer spielte 18 Monate in bei Rubin Kasan und räumt mit einigen Vorurteilen über Russland auf.

Dieser Moritz Bauer ist wohl eine der ungewöhnlichsten Erscheinungen in Österreichs Fußball-Nationalteam. Nicht nur, weil er eigentlich Schweizer ist und immer noch wie ein Schweizer redet. Der 26-Jährige unterscheidet sich auch so wohltuend von anderen Akteuren. Interviews scheinen für den vielsprachigen Außenverteidiger (Französisch, Deutsch, Englisch, Spanisch, Russisch, Schwyzerdütsch) kein notwendiges Übel zu sein, es wirkt vielmehr so, als würde der Hobbypilot und Klavierspieler den Meinungsaustausch genießen. Vor dem Duell gegen WM-Gastgeber Russland am Mittwoch im Innsbrucker Tivolistadion (20.45 Uhr, live ORFeins) war der ehemalige Legionär von Rubin Kasan (2016 bis 2018) gefragter Gesprächspartner. Mittlerweile ist der 26-Jährige bei Premier-League-Absteiger Stoke am Ball. Moritz Bauer über ...

Den Fußball in Russland
„Es ist eine spezielle Situation, weil praktisch das ganze Nationalteam in Russland spielt. Man sollte die russische Liga allerdings nicht unterschätzen: Diese Liga ist sehr anspruchsvoll, mir zum Beispiel war es möglich, ohne große Anpassungsschwierigkeiten von Russland direkt in die Premier League zu wechseln.“

Die Fußballeuphorie im Land
„Das ganze Land freut sich auf das Großereignis. Ich würde sagen, die Stimmung in Russland ist realistisch. Die Russen wissen, dass sie jetzt nicht zu den Topfavoriten auf das Finale zählen. Aber sie sind schwer zu knacken, das hat man in den Testspielen gegen die großen Nationen gesehen. Da ist Russland nie untergegangen. Man darf sie als Gastgeber nicht unterschätzen. Wenn da im Land die Euphorie entfacht wird, dann kann auch ein Lauf passieren. Dafür gibt es ja genügend Beispiele. Ich bin selbst schon gespannt darauf, wie sie auftreten.“

Den WM-Gastgeber
„Ich bin überzeugt davon, dass sich Russland im allerbesten Licht präsentieren wird. Da wird sicher nichts dem Zufall überlassen. Russland hat sich herausgeputzt, die Städte sind schön, die Stadien sind allererste Sahne, die Organisation war auch zu meiner Zeit in Kasan schon hervorragend. Ich kann nur jedem empfehlen, dort hinzufahren.“

Vorurteile über Russland
„Die Menschen sind sehr gastfreundlich und auch sehr offen. Da hat man zum Teil bei uns in Mitteleuropa wirklich ein falsches Bild – auch von den Medien vermittelt bekommen. Ich persönlich würde sofort wieder nach Russland zurückgehen, weil ich dort die Zeit sehr genossen habe. Alle Freunde, die mich in Kasan besuchen gekommen sind, waren positiv angetan. Viele denken ja, dort wären nur alte Häuser und verrostete Autos. Aber Russland hat sich wirklich herausgeputzt, es gibt dort moderne Metropolen. “

Die Angst vor russischen Hooligans
„Ich habe die Bilder von der Europameisterschaft in Frankreich gesehen, die waren natürlich schockierend. In der Zeit, in der ich in Russland gespielt habe, hat es im Stadion nie Ausschreitungen gegeben. Es sind auch nie Steine gegen den Mannschaftsbus geflogen. Natürlich gab es Spiele, in denen richtig Zunder drinnen war. Aber wenn Rapid gegen die Austria spielt, dann ist die Luft auch elektrisiert.“

Die Nationalmannschaft
Russland hat ein sehr ausgeglichenes Team. Der große Vorteil ist, dass sich alle Spieler gut kennen, weil sie alle in Russland engagiert sind. Deswegen spielen alle einen ähnlichen Stil. Die auffälligsten Spieler sind sicher einmal Mário Fernandes auf der rechten Seite, dann Alan Dsagojew im Mittelfeld und vorne die Mirantschuk-Zwillinge. Individuell sind die Russen stark, die Mängel haben sie eher in der Defensive.“

Seine persönliche Zukunft
„Es war keine einfache Zeit in Stoke mit dem Abstieg. Ich war froh, dass ich vor der Anreise zum Team einige Tage frei hatte und den Kopf durchlüften konnte. Die drei Spiele im Team werden mir gut tun. Ich habe bei Stoke noch vier Jahre Vertrag, der Verein will sofort wieder rauf.“