Zwiespalt zwischen FIFA und UEFA: Was von den WM-Regeln übrig bleibt
Mert Müldür (re.)
Zehn Tage sind seit dem WM-Finale zwischen Spanien und Argentinien vergangen. In Europa rollt längst wieder der Ball. Da wird es nicht mehr allzu lange dauern, bis dem einen oder anderen Fan auffällt, dass die Fußballregeln in Europa nicht so umgesetzt werden wie bei der WM.
Wie das geht? Die UEFA und das IFAB – als höchstes Gremium im Fußball für die Spielregeln – haben festgehalten, dass sie neue Regeltexte nicht so interpretiert haben wollen, wie es die FIFA während der WM getan hat.
Ein Überblick über Punkte im Regelwerk, die neu sind oder nicht mehr so gehandhabt werden, wie bei der WM:
- Hydration-Breaks
Bei der WM gab es pro Halbzeit eine dreiminütige Trinkpause – jeweils nach rund 22 Minuten, unabhängig von Wetter oder Stadiondach. Die FIFA begründete das mit gleichen Bedingungen für alle Teams bei jedem Spiel, egal wo es ausgetragen wird, egal ob es ein Dach gibt oder wie die Temperatur ist.
Kritiker sahen darin eine Anlehnung an die Viertelaufteilung bei US-Sportarten – und praktisch für Werbeeinblendungen während der Pausen.
Im IFAB-Regelwerk selbst sind diese Pausen aber nicht so verankert, wie sie gespielt wurden: Das Regelwerk 2026/’27 erlaubt Trinkpausen nur „bei bestimmten Wetterbedingungen (hohe Luftfeuchtigkeit und Temperaturen)“ – die pauschale Pause war ein Alleingang der FIFA bei der WM.
- Falsche Identität
Die Gelb-Rote Karte für Breel Embolo war einer der größten WM-Aufreger. Zur Erinnerung: Die Schweiz war im Viertelfinale gegen Argentinien gut im Spiel, da flog Embolo für eine Schwalbe im Mittelfeld vom Platz. Schiedsrichter Pinheiro aus Portugal hatte zunächst Argentiniens Paredes verwarnt, korrigierte sich dann auf Eingreifen des VAR und zeigte Embolo Gelb. Die zweite Verwarnung bedeutete Platzverweis. Die Schweiz verlor in Unterzahl.
Nun sagen die Regelhüter: eine Gelbe Karte, die keine zweite Verwarnung darstellt, dürfe vom VAR nur überprüft werden, „um herauszufinden, ob der korrekte Spieler das Vergehen begangen hat“. Eine Verwechslung des Vergehens, also Schwalbe statt Foul, sei nicht angedacht. Soll heißen: Nur wenn Spieler A Gelb sieht für ein Foul, das Spieler B begangen hat, soll der VAR einschreiten. Davon können sich nun selbst die reichen Schweizer nichts mehr kaufen.
- Rot für Stille Post
Bei der WM flog Paraguays Almiron mit Rot vom Platz, weil er hinter vorgehaltener Hand zum Türken Mert Müldür gesprochen hatte. Der Ex-Rapidler „petzte“ dies beim Schiri, der VAR reagierte und es kam zur Roten Karte. Die UEFA hat sich dazu entschlossen, dabei nicht mitzuziehen. Stattdessen bleibt es bei der bekannten Einstufung: Wer den Mund verdeckt, um die Kommunikation mit dem Gegenspieler zu verschleiern, begeht in UEFA-Bewerben (und in Österreich) weiterhin nur ein unsportliches Verhalten und sieht Gelb.
- Zeitspiel-Maßnahmen
Bei der WM zu sehen waren Sanktionen, wenn Spieler zu lange gebraucht haben, um einen Einwurf auszuführen. Fünf Sekunden sind vorgesehen. Stefan Posch ist das gegen Jordanien passiert. Die Folge: Der Gegner darf einwerfen. Das wird es nun überall geben. Auch bei Abstößen, die zu Eckbällen werden. Bei Auswechslungen müssen die Spieler das Feld innerhalb von zehn Sekunden verlassen. Braucht einer länger, muss der einzuwechselnde Spieler eine Minute lang draußen warten. Für eine volle Minute hinaus müssen auch Spieler, die auf dem Spielfeld behandelt werden.
- Spielen mit Schmuck
Das war seit vielen Jahren verboten und ist nun wieder erlaubt, wenn Accessoires „ungefährlich und sicher abgedeckt“ sind. Soll heißen: Spieler dürfen mit Eheringen oder Ohrschmuck spielen, wenn diese per Tape abgeklebt sind. Ortet der Schiri dennoch Gefahr, muss der Schmuck entfernt werden.
- Neue Vorteile
Bei der WM nicht gesehen, aber jetzt möglich: Wirft ein Spieler falsch ein, indem er etwa ein Bein anhebt, und gelangt der Ball zu einem Gegenspieler, der einen Angriff einleiten kann, kann ein Vorteil angewandt werden.
- Falsche Eckbälle
Gibt der Schiri Eckball statt Abstoß, kann dieser Wahrnehmungsfehler vom VAR korrigiert werden. Umgekehrt ist dies nicht vorgesehen, weil aus einem falschen Abstoß kein Tor fallen kann.
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