Norwegen gegen England: Die zwei Seiten der Wahrnehmung
Einer geht voran: Erling Haaland ist der Anführer einer eingeschworenen Mannschaft.
Seit 1969 gibt es im norwegischen TV jede Runde ein Livespiel der englischen Liga zu sehen. Da wir Norweger selbst bis zur Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1994 nichts zu feiern hatten, entwickelte sich eine enge Bindung zum englischen Fußball. Die meisten Norweger sind Fans von Liverpool oder Manchester United, aber selbst Klubs wie Millwall oder Sheffield United haben Fanklubs, die regelmäßig zu den Heimspielen reisen.
Die Fußballnation
1993 stand eine Reise ins Wembley an – weil Norwegen dort spielte! Wir haben in der WM-Quali ein 1:1 geschafft, mit dem 2:0-Heimsieg haben wir es schließlich zur Endrunde in die USA geschafft. Und in der eigenen Wahrnehmung wurde Norwegen zu einer Nation, die auch im Fußball alles erreichen kann.
Bei einem kurzen Aufenthalt in meiner Heimat habe ich nun festgestellt: Diese Überzeugung gilt auch für das Viertelfinale gegen die Engländer.
Passend dazu sehe ich einen Erling Haaland, der viel lacht, komplett relaxt wirkt und einfach genießt, dass bei seiner ersten WM noch mehr möglich erscheint.
Genau das ist Norwegens Stärke: Wir können, England muss. Das macht im Kopf der Spieler einen großen Unterschied.
Leistungstechnisch wäre ein Aus der „Three Lions“ gegen eine Mannschaft, die verdient gegen Brasilien gewonnen hat, kein Drama. Die britische Presse würde aber dennoch von einer Blamage schreiben. Und erwähnen, dass unser linker Verteidiger Möller Wolfe nur Reservist bei Wolverhampton ist. Oder dass Flügelstürmer Bobb kein Stammspieler bei Fulham ist.
Wie kann man gegen die nur ausscheiden?
Die spezielle DNA der Engländer
Dieser Zugang liegt in der englischen DNA, ihrem Drang seit 1966, endlich wieder Weltmeister zu werden. Sie wollen den Titel erzwingen. Selbst Finaleinzüge wie unter Teamchef Southgate, der jetzt ein Sir ist, waren in der öffentlichen Wahrnehmung zu wenig.
Deswegen halte ich es für besonders gut, dass mit Thomas Tuchel ausgerechnet ein Deutscher der Teamchef ist. In seiner Heimat gilt der 52-Jährige als taktisch stark, jedoch menschlich schwierig. Achtung, da spielen mediale Lobbyisten ihre Spielchen! Tatsächlich ist Tuchel sehr gut darin, Teams zu bauen, zusammenzuhalten und Siegermentalität zu entwickeln. Diese Energie spürt man jetzt bei Kabinen-Videos der Engländer und sie war auch zu sehen, als er mit PSG ins Finale der Champions League 2020 gekommen ist.
Die Goalgetter
Auf dem Feld sehe ich zwei überragende Goalgetter: Harry Kane und Erling Haaland. Zwei außergewöhnliche Spielmacher: Jude Bellingham und Martin Ödegaard. Und zwei Teams, die am ehesten in der Defensive Probleme haben. Ich erwarte ein ganz enges Spiel, das vielleicht durch eine geniale Einzelaktion entschieden wird. Noch wahrscheinlicher ist für mich sogar ein Elfmeterschießen.
Eines weiß ich ganz sicher: Während die Norweger nach einem Aus zu Hause wie die Helden empfangen würden, müssten die Engländer nach einer Niederlage von einer „Blamage“ lesen – die aber gar keine wäre.
Jan Age Fjörtoft war mit Norwegen bei der WM 1994 in den USA und analysiert die Endrunde als TV-Experte bei ServusTV.
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