Gemeinsam stark: Österreichs Kicker (im Bild Dragovic und Arnautovic) setzen auf das Kollektiv.

© APA/GEORG HOCHMUTH

EM-Qualifikation
06/12/2015

Die Zeit ist reif für eine EM-Teilnahme

Es sprechen einige Dinge dafür, dass Österreichs Team auch in Russland bestehen wird.

von Alexander Strecha

Vielleicht liegt es ja am Sommerwetter. Vielleicht ist aber auch einfach nur die gute Stimmung innerhalb des Teams Schuld, dass sämtliche rot-weiß-roten Auswahl-Kicker in den Tagen vor dem Russland-Spiel am Sonntag mit einem Grinsen im Gesicht Trainingseinheiten wie Medien-Termine absolvieren.

Die gute Stimmung kommt aber nicht von ungefähr, vielmehr ist sie das Resultat von langer, harter Arbeit. Und sie ist die Basis dafür, dass selbst beim Gastspiel in Moskau einiges für die Koller-Elf spricht. Heute Nachmittag heben die Österreicher mit einem guten Gefühl und viel Selbstvertrauen im Gepäck in Richtung Russland ab.

Die Philosophie Marcel Koller ist mit einer klaren Vorstellung als Teamchef angetreten und versucht, sie den Spielern bei jedem Zusammentreffen aufs Neue einzutrichtern. "Viele neue Dinge bekommen sie von mir nicht zu hören. Vielmehr ist es ein Schärfen des Bekannten."

Hat sein Vorgänger auf die Frage nach der Spielphilosophie noch gemeint: "Na dann spielen wir halt auf Konter", so möchte Koller seine Mannschaft aktiver sehen. Neben einem Plan A existiert gar ein Plan B. Ballbesitz und spielerische Mittel werden ebenso gezielt eingesetzt wie situationsbedingtes Pressing.

Die klare Linie Koller hat schnell sein Stammpersonal gefunden, an dem er in guten, vor allem aber in schlechten Zeiten festhält. Kontinuität macht sich in einem Nationalteam umso mehr bezahlt, da man ohnehin nicht täglich mit den Spielern arbeiten und experimentieren kann. Er hielt an Spielern wie Janko oder Almer fest, obwohl sie über längere Zeit bei ihren Vereinen keine Spielpraxis vorzuweisen hatten. Er hielt an einem Arnautovic fest, wenngleich dieser in der Kritik stand und auch bei seinen Vereinen eher außerhalb des Platzes für Aufsehen sorgte. Das Vertrauen wurde ihm von den Betroffenen mit Toren und guten Leistungen zurückgezahlt.

Das Wohlbefinden "Das Team ist wie eine Wohlfühl-Oase." Martin Harnik wird nicht müde, den Magic-Life-Charakter des Nationalteams hervorzuheben. Dabei handelt es sich nicht nur um eine Floskel, tatsächlich gewinnt man den Eindruck, dass sich die Teamspieler jedes Mal darauf freuen, wenn sie in ein Trainingslager einrücken dürfen. Martin Hinteregger sieht das Länderspiel nach der langen Saison wie alle seine Kollegen nicht als lästige Verpflichtung: "Im Gegenteil, wir freuen uns darauf. Und danach geht es in den Urlaub."

Die Einheit Einer für alle – was für die Musketiere galt, das wird auch im Nationalteam gelebt. Ein gutes Beispiel ist Ramazan Özcan, Kollers Nummer 2, stets hinter Robert Almer, obwohl dieser schon seit Langem keine Spielpraxis hat. Eifersucht? Neid? Keine Spur. "Ich werde sicher nicht blöd daherkommen und ein Theater machen. Unsere Stärke ist ja, dass wir Ruhe bewahren. Wir haben ein gemeinsames Ziel. Persönliche Eitelkeiten haben da nichts verloren. Für den Teamchef ist es auch wichtig, zu wissen, dass er mir vertrauen kann."

Das Selbstvertrauen Erfolge machen stark. Mit den Erfahrungen, die die Spieler vorwiegend im Ausland gesammelt haben, wurde die persönliche Entwicklung vorangetrieben. "Wir stehen ja zu Recht an der Tabellenspitze", meint Martin Harnik und wirkt bei den Worten selbstbewusst. Die Spieler wissen, dass sie jeden Gegner schlagen können.

Der Kader Rubin Okotie ersetzte Marc Janko als Solospitze und machte den Unterschied gegen Russland und Montenegro aus. Das Duo Ilsanker/Leitgeb sprang kurzfristig für Alaba/Baumgartlinger ein und trug nicht unwesentlich zum 1:0-Sieg über die Russen in Wien bei.

Die Ausgangslage Österreich ist Erster, Russland unter Druck. Der Gruppenfavorit hat schon einige Punkte verschenkt und möchte sie gegen Österreich zurückholen, was der Koller-Mannschaft durchaus in die Karten spielen könnte.

ÖFB-Team bei großen Turnieren:

Warnung vor dem Großverdiener

Das EM-Qualifikationsspiel gegen Russland in Moskau wird vom Serben Milorad Mazic geleitet. Mit dem 42-Jährigen hat das ÖFB-Team unliebsame Bekanntschaft gemacht: Mazic pfiff das 0:3 gegen Deutschland in der WM-Qualifikation im September 2013 in München und damit die bisher letzte Partie, in der die Mannschaft von Marcel Koller kein Tor erzielen konnte.

Nur ein einziges Mal in diesem Jahr hat bislang Russlands Top-Stürmer Alexander Kokorin getroffen. Diese bescheidene Ausbeute plus Kokorins Fünf-Millionen-Gehalt sind der Grund, weshalb der bestbezahlte russische Profi für Medien und Fans der Buhmann ist. Ungeachtet dessen warnen sowohl der ehemalige Russland-Legionär Jakob Jantschner ("Er ist schnell und kann Spiele allein entscheiden") als auch der russische Sturm-Graz-Profi Naim Scharifi ("Kokorin ist Russlands wichtigster Spieler") vor dem 24-jährigen Angreifer von Dynamo Moskau.

Im Gegensatz zur Kritik an Großverdiener Kokorin ist jene am weltweit bestbezahlten Teamchef, Fabio Capello, zumindest vor dem so wichtigen EM-Qualifikationsspiel gegen Österreich etwas verstummt. Es wird sogar damit spekuliert, dass der italienische 7,5-Millionen-Euro-Trainer die Sbornaja auch bei der russischen Heim-WM 2018 coacht.

Das Verhältnis zwischen Verband und Capello war zwischenzeitlich getrübt. Einerseits wegen des unbefriedigenden sportlichen Abschneidens, andrerseits wegen ausstehender Gehälter. Mittlerweile dürfte der Verband seine Schulden beglichen haben, zumal Oligarch Alischer Usmanow einen zinsfreien Kredit über 6,5 Millionen Euro gewährt hat.

Anstoß: 1:0 für die Damen

ORF-Analytiker Herbert Prohaska begleitet das Nationalteam nach Moskau. Er wird zum ersten Mal die russische Hauptstadt sehen. Denn Österreichs Jahrhundertfußballer hat fast überall auf der Welt, nur nie in Moskau gekickt oder gecoacht.

Mit der Austria 1978 im Semifinale gegen Dynamo Moskau und im März 1985 mit der Nationalelf gegen die UdSSR wurde wetterbedingt im Süden, in Tiflis, gespielt. Inzwischen ist das Verhältnis Moskaus zum heißen Georgien gegen null abgekühlt. Und inzwischen wird in Russland auch im Winter um Punkte gekämpft, weil man den Terminplan den großen westeuropäischen Ligen angepasst hat. Seither sackte der Besucherschnitt im 143-Millionen-Einwohner-Land auf 10.000 ab.

Selbst für das sonntägige Länderspiel, in dem die Russen in der Otkrytije-Arena unter Siegzwang stehen, gibt es noch Karten. In Österreich hingegen werden die Patschenkinos ab 18 Uhr Hochsaison haben. Der ORF darf mit einer Top-Quote rechnen. Wie überhaupt sich der Fußball trotz der Inflation an Übertragungen und Skandalen international nicht umbringen lässt. So sah am letzten Sonntag in Deutschland um eine Million Menschen mehr beim Spätabend-Match DeutschlandElfenbeinküste als davor zur TV-Prime-Time beim GP-Rennen von Montreal zu. Was Motor-Machos gar nicht gefallen wird: Handelte es sich doch beim Kick, der den Quoten-Vergleich mit der Formel 1 gewann, um ein Damen-Länderspiel.

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