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Interview
05/20/2020

UEFA-Präsident Ceferin: "Fußballprofis sind nicht gierig"

Der mächtigste Mann im europäischen Fußball über Millionengagen, die Rückkehr der Ligen und neue Bewerbe.

Von Sebastián Fest

Es war vier Uhr morgens an jenem Tag im März, als sich die Europäische Fußball-Union UEFA endlich dazu durchgerungen hatte, die EM der Herren um ein Jahr auf 2021 zu verschieben und Aleksander Ceferin, ihr Präsident, endlich Schlaf fand. So erzählt es der 52-jährige Slowene im Interview, als er sich an jene Tage erinnert, die auch das Verhandlungsgeschick des Juristen auf die Probe gestellt haben. "Nach so vielen neuen Informationen, Spielkalender-Problemen und Dutzende Millionen, die wir durch diese Entscheidung verlieren, wäre es fast unverantwortlich gewesen, seelenruhig einschlafen zu können."

KURIER: Herr Ceferin, wie erleben Sie die derzeitige Situation im europäischen Fußball?

Aleksander Ceferin: Es ist noch eine Menge Arbeit zu tun. Ich war letzte Woche das erste Mal seit zwei Monaten wieder in der Zentrale in der Schweiz und hatte gleich ein Meeting von 9 Uhr morgens bis 11 Uhr abends. Aber wir, die UEFA, sind in keiner besorgniserregenden Situation. Wir sind für die Klubs, Ligen und unsere Partner da.

Würden Sie darauf wetten, dass die EURO 2021 stattfinden kann?

Ja, das würde ich. Ich glaube nicht, dass uns das Coronavirus ewig beschäftigen wird. Die Lage wird sich früher normalisieren, als manche aktuell glauben.

Der Slowene wurde am 13. Oktober 1967 in Ljubljana geboren. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften arbeitete er in der Kanzlei seiner Familie und betreute vor allem Sportvereine und deren Athleten. 2005 startete er seine Funktionärslaufbahn, sechs Jahre später wurde der Vater von drei Kindern Präsident des slowenischen Fußballverbandes. Im Jahr 2016 wurde Ceferin zum siebenten Präsidenten der Europäischen Fußball-Union UEFA gewählt. Erst im Februar 2019 wurde er bis 2023 im Amt bestätigt.

Was macht Sie da so sicher?

Die Situation ist ernst, aber die Infektionszahlen gehen in Europa sukzessive hinunter. Wir alle sind vorsichtiger geworden. Ich halte nichts von den Aussagen, dass wir erst noch die zweite oder dritte Welle abwarten sollten. Wir müssen uns nicht fürchten. Die UEFA ist bereit und wird den Empfehlungen der Behörden folgen. Ich bin überzeugt, dass der Fußball, wie wir ihn kennen, bald wieder Realität sein wird. Wir setzen auch alles daran, die Champions und Europa League bis Ende August fertigspielen zu können. Wenn nun allmählich die Ligen wieder starten, sehe ich keinen Grund, warum der Europacup nicht auch wieder den Spielbetrieb aufnehmen kann.

Die Deutsche Bundesliga ist als erste große Liga wieder gestartet. Was bedeutet das für die anderen?

Es ist ein gutes Zeichen. Die Deutschen werden sehr streng sein bei den Kontrollen. Nachdem die deutsche Liga angekündigt hatte, dass sie den Spielbetrieb wieder aufnehmen wird, haben wir von 15 Ligen Meldungen erhalten, dass sie es den Deutschen gleichtun wollen. Das zeigt uns, dass die Welt langsam wieder zur Normalität zurückkehrt.

Wirtschaftlich trifft die Krise auch den Profifußball hart. Wäre jetzt gerade nicht ein guter Zeitpunkt, die Financial-Fair-Play-Regeln neu auszurichten?

Wir denken daran, die Regularien zu verbessern und an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Wer dagegen verstößt, gehört sanktioniert. Wir überlegen auch, eine Art Luxussteuer einzuführen. Allerdings wird das alles nicht rasch geschehen können. In diesen schwierigen Zeiten mussten wir alle zukünftigen Pläne hintanstellen und danach trachten, das Schiff irgendwie auf Kurs zu halten.

Am Beginn der Krise meinte FIFA-Präsident Gianni Infantino, der Zeitpunkt wäre günstig, den Fußball neu zu organisieren und zu reduzieren. Stimmen Sie dem zu?

Ich habe versucht, zu verstehen, was er damit gemeint hat. Es klingt für mich ein bisschen merkwürdig, wenn man einerseits eine Reduzierung des Fußballs andenkt und andererseits eine neue, größere Klub-Weltmeisterschaft einführen will.

Diskutieren Sie das mit dem FIFA-Boss?

Ich hatte keine Gelegenheit dazu. Um ehrlich zu sein, besprechen wir derzeit nicht allzu viel miteinander. Es gehört sich auch nicht, ihm etwas über die Medien ausrichten zu lassen. Wenn die Idee aber offiziell wird, werde ich um Antworten bitten.

Wollen Sie FIFA-Chef werden?

Nein. Ich liebe meinen Job, die UEFA ist eine tolle Organisation. Es geht hier um täglichen Fußball und weniger um Politik. Das liegt mir näher.

Wir alle wissen, wo der beste Fußball zuhause ist."

Aleksander Ceferin | über neue Kooperationen zwischen Europa und Südamerika

Auch die UEFA und andere Verbände überlegen, weitere Bewerbe einzuführen. Stimmt es, dass Sie mit ihrem Kollegen aus dem südamerikanischen Verband im engen Austausch darüber sind?

Wir sind Verbündete. Ich persönlich finde es etwa schade, dass es das Spiel zwischen dem Champions-League-Sieger und seinem Pendant in Südamerika nicht mehr gibt. Außerdem haben wir über einen Bewerb zwischen dem Europameister und dem Copa-America-Sieger gesprochen. Solche Matches wären fantastisch, denn bei allem Respekt: Wir alle wissen, wer bisher alle Weltmeisterschaften gewonnen hat und wo der beste Fußball zu Hause ist. Aber wir müssen dafür erst passende Termine finden. Der Kalender ist schon jetzt ungemein voll.

Es wird gerade viel über die Gehälter der Fußballprofis diskutiert. Finden Sie, dass die Spieler weniger gierig und etwas klüger bei den Ausgaben sein sollten?

Ich glaube nicht, dass Fußballer gierig sind. Der Markt entscheidet über Preise und Gagen. Wenn Sie oder ich ein Angebot über 20 Millionen bekommen, glaube ich auch nicht, dass wir ablehnen und sagen würden: ‚Geben Sie mir nur 200.000!‘ Warten wir ab, wie der Markt nun auf die Krise reagiert. Spieler und Klubs sorgen aber für einen gewaltigen Umsatz. Fußball ist eine Industrie, die Steuern im hohen Ausmaß abführt.

Bei der Bezahlung von männlichen und weiblichen Profis könnte der Unterschied kaum größer sein.

Man muss auch den Unterschied in den Umsätzen sehen. Die UEFA investiert viel in den Damen-Fußball und erkennt, dass er immer populärer wird.