ÖFB-Debütant Wiegele: Der Tormann mit dem Rugby-Schuh
Florian Wiegele machte sich bei Viktoria Pilsen einen Namen
Wenn sich Florian Wiegele dieser Tage in Marbella beim Trainingslager des Nationalteams bei Alexander Schlager und Patrick Pentz vorstellt, dann sind das keine Gespräche auf Augenhöhe.
Der 24-Jährige ist 2,05 Meter und damit um mehr als 20 Zentimeter größer als Nummer eins und zwei des ÖFB-Teams.
Gardemaß
Florian Wiegele hat das Profil eines international gefragten Tormannes. Deshalb ist es nicht ganz überraschend, dass der Steirer nun noch vor der Weltmeisterschaft von Ralf Rangnick einberufen wurde, damit dieser sich ein genaues Bild von ihm machen kann.
Wiegele ist nun der größte Spieler im Nationalteam, das auch mit der Rückkehr von Sasa Kalajdzic an Lufthoheit gewonnen hat. Den Stürmer überragt Wiegele noch um fünf Zentimeter. Beim kleinsten Teamspieler, Romano Schmid (1,68), sind es 37 Zentimeter.
Der Körperbau
Doch nicht nur die Größe macht Florian Wiegele interessant. Ralf Rangnick jedenfalls hat für die WM in den USA neben Schlager und Pentz noch den Platz des dritten Tormannes zu vergeben, wie er selbst vorige Woche betonte.
Florian Wiegele überzeugt bei Viktoria Pilsen
Belgien-Legionär Tobias Lawal (KRC Genk) dürfte dafür aktuell gute Karten haben. Doch um den Konkurrenzkampf in der Mannschaft noch einmal anzuheizen, hat der Teamchef mit Florian Wiegele nun einen vierten Keeper einberufen. „Wiegele hat durch seinen Körperbau Voraussetzungen, die kein anderer bei uns hat“, sagte der Teamchef.
Lob von Semlic
Einer, der Wiegele schon viel länger kennt als Rangnick, ist WSG-Tirol-Coach Philipp Semlic. Der Steirer hat seinen Landsmann einst in der Akademie von Sturm Graz gecoacht. „Er ist ein sehr intelligenter Bursche, kommt aus gutem Elternhaus und hat die Matura mit einem sehr guten Notenschnitt absolviert“, erinnert sich Semlic.
Sprungbrett Leoben
Dass Wiegele jetzt, mit 24 Jahren, nach wenigen Monaten als Nummer eins bei Viktoria Pilsen plötzlich im Nationalteam aufschlägt, überrascht ihn nicht. „Er ist auch schon in der Akademie ein wenig unter dem Radar geflogen, hatte aber schon immer großes Potenzial.“
Aufgrund seiner Schlaksigkeit, so Semlic, habe Wiegele „manchmal ein bisschen tollpatschig gewirkt. Dabei ist er aber auch richtig gut beim Mitspielen mit dem Fuß und bringt unterm Strich etwas Außergewöhnliches mit.“
Bei Sturm hat es Wiegele nicht zu den Profis geschafft. Über Umwege und Stationen in der Landesliga bei den Vereinen Lebring und Gleisdorf ging es dann doch in den Profifußball zu DSV Leoben in die 2. Liga. 2024 wurde er von seinem heutigen Klub, Viktoria Pilsen, entdeckt und verpflichtet.
Florian Wiegele streckt sich - und wird länger und länger
Die Spielpraxis
Um dem Rohdiamanten Spielpraxis zu gewähren, wurde Wiegele im Vorjahr von den Tschechen für ein halbes Jahr an den GAK verliehen. Dort hatte er im Frühjahr mit starken Leistungen großen Anteil am Klassenerhalt.
Zurück in Pilsen musste sich Wiegele letzten Sommer noch kurz hinter der Nummer eins, Martin Jedlicka, anstellen. Dass er den 28-Jährigen, der in der tschechischen Liga vorige Saison noch zum besten Torhüter gewählt wurde, aus der Mannschaft spielen würde, damit hatten nicht viele gerechnet.
Im November wurde Wiegele zur Nummer eins ernannt, woraufhin Jedlicka im Winter den Klub verließ.
Stark im Europacup
Pilsen ist wie jedes Jahr im Spitzenfeld der Liga zu finden und aktuell Dritter hinter Slavia und Sparta Prag. Auch in der Europa League machte Wiegele in sechs Partien bis zum Aus im Februar gegen Panathinaikos eine gute Figur.
Dabei wurde er stets von Nationalteam-Tormanntrainer Michael Gspurning beobachtet, der schließlich eine Empfehlung bei Ralf Rangnick hinterlegt hat.
Die Zukunft
Beim ÖFB hat man Wiegele jedenfalls nicht erst seit Kurzem im Visier, wie Günter Kreissl, der Chef der Tormanntrainer, erzählt. „Wir versuchen immer, alle Torleute, die fürs Nationalteam infrage kommen, rechtzeitig zu analysieren.“
Von Wiegele habe man sich im Vorjahr beim GAK ein umfassendes Bild gemacht. Für seine Größe habe der Teamneuling „ein sehr gutes Maß an Dynamik und Beweglichkeit“, sagt Kreissl und hebt seine „sehr ruhige Ausstrahlung“ hervor.
Fakt ist: Mehrere Experten trauen Wiegele auch im Nationalteam den Durchbruch zu. In die Fußstapfen anderer wird er aber nicht treten. Das geht sich schlichtweg nicht aus. Wiegele hat Schuhgröße 51 und muss seit Jahren mit Rugby-Schuhen spielen, die ähnlich gebaut sind, da es keine passenden Fußballschuhe für ihn gibt.
Doch egal mit welchen Schuhen: Große Karriereschritte sind jederzeit möglich.
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