Sport | Fußball
14.09.2018

Die Bundesliga ist am Video Assistant Referee dran

Elf nationale Ligen haben ihn. Österreich arbeitet daran.

Pierluigi Collina macht kein Geheimnis daraus, was er vom Video Assistant Referee hält. „Ich denke nicht, dass es eine Zukunft ohne VAR geben kann. Die Menschen würden das nicht verstehen, weil wir in einem Zeitalter leben, in dem alles, was wir tun, auf Basis der Technologie geschieht“, sagte der Schiedsrichter-Chef der FIFA unlängst in einem Interview mit der Gazzetta dello Sport. Der einstige Star-Referee hatte maßgeblichen Anteil daran, dass der Videobeweis, wie er im Volksmund genannt wird, bei der Weltmeisterschaft in Russland zum Einsatz gekommen ist.

Warum es der VAR noch nicht in die Champions League geschafft hat, erklärt der 58-Jährige wie folgt: „Bis jetzt wurde der VAR nur bei Turnieren und Meisterschaften eingesetzt, die in einem Land ausgetragen wurden. In der Champions League wäre es komplizierter, weil du in vielen verschiedenen Ländern spielst und dadurch ebenso viele verschiedene TV-Broadcaster hast.“

Tatsächlich nehmen an der bevorstehenden Gruppenphase der Königsklasse 32 Teams aus 15 verschiedenen Ländern teil. Weil dabei bis zu acht Spiele gleichzeitig stattfinden, wäre auch der Personalaufwand enorm. Schließlich bräuchte die UEFA für jede einzelne Partie mehrere Unparteiische vor den Bildschirmen. Bei der WM in Russland bestand ein VAR-Team pro Spiel aus vier Personen. Alle Mitglieder des Teams waren erstklassige FIFA-Schiedsrichter.

Ab der K.-o.-Phase wird all dies leichter sein. Und die UEFA scheint dem auch Rechnung zu tragen. Wie die englische Times wissen will, möchte Europas Verband den VAR ab dem Viertelfinale zum Einsatz bringen.

Nationale Ligen

Schneller waren aufgrund der Gegebenheiten bereits elf Nationalverbände bzw. Ligen Europas, in denen der VAR bereits eingeführt wurde. Von den westlichen Ländern fehlen nur noch die britischen Ligen, Irland, die Schweizer Super League und die österreichische Tipico-Bundesliga sowie die skandinavischen Länder, wo aber Fußball nicht die populärste Sportart ist.

Während in der schottischen Premiership schlicht das nötige Kleingeld fehlt, sind die Traditionalisten aus dem Mutterland des Fußballs offenbar noch nicht von der Thematik überzeugt. 18 von 20 Premier-League-Klubs haben sich im März gegen eine Einführung des VAR ab der Saison 2018/’19 ausgesprochen. Im weniger prestigeträchtigen Ligacup wurde er indes im August in einigen Spielen zum wiederholten Mal getestet. Ebenso in den finanzstarken Ligen in Saudi-Arabien und in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Weiter ist man in zwei östlichen Ländern: In der tschechischen 16er-Liga spielt man seit Saisonbeginn fürs Erste in vier von acht Partien pro Runde mit VAR. Keine halben Sachen macht man in Polen. In der Ekstraklasa kommt die Technik nach einer Testphase im Vorjahr in dieser Saison bereits in allen 296 Spielen zum Einsatz.

Kolportierte Kosten

In Österreich erstreckt sich die Meisterschaft in der Bundesliga über 192 Spiele, dazu kommen drei Play-off-Partien, in denen es zu Saisonende um den letzten offenen Europacup-Startplatz geht. Bei rund 5000 Euro, die als Kosten pro Spiel kolportiert werden, würde von den Klubs also eine knappe Million Euro zu stemmen sein.

Wie in der Schweiz, wo eine Taskforce aktuell alle Möglichkeiten prüft, ist man in Österreich derzeit in der Evaluierungsphase, wie Liga-Vorstand Christian Ebenbauer (siehe Interview, Anm.) bestätigt. Grundsätzlich für den VAR ausgesprochen haben sich unlängst bereits die Spieler der Bundesliga.

Wie die Fans werden sich die Aktiven aber noch eine Weile gedulden müssen.

Bundesliga-Vorstand Ebenbauer: "Wir holen seit Mai Angebote ein"

KURIER: Wie stehen Sie zum Projekt VAR in der Bundesliga?

Christian Ebenbauer: Ich persönlich bin ein klarer Befürworter davon, weil es unfair ist, dass der Schiedsrichter sich als Einziger nur auf seine zwei Augen verlassen kann. Der VAR macht den Fußball gerechter, aber es muss jedem klar sein, dass es eine hundertprozentige Gerechtigkeit nicht gibt. 

Ab wann könnte es in der Bundesliga so weit sein? 

Wenn wir uns bis Saisonende für die Einführung entscheiden, ist die Saison 2020/’21 der frühestmögliche Startzeitpunkt, weil man ein Jahr Vorlaufzeit benötigt und wir nicht während einer Saison beginnen wollen. Die Anforderungen von IFAB und FIFA sind hoch. Auch der Schulung der Schiedsrichter muss man Zeit einräumen.

Was spricht dagegen, während der Saison, zu beginnen, etwa mit Start des Play-offs?

Es ist üblich, so grundlegende Veränderungen mit einer neuen Saison zu starten. Etwa wie wir es mit dem einheitlichen Ligaball getan haben. Aber wenn die Einvernehmlichkeit gegeben ist, ist auch ein Start während der Saison nicht auszuschließen.

Was ist die größte Hürde? 

Das Geld. Wir holen  seit Mai Angebote ein. Die bisherigen sind weit über dem Rahmen, den wir uns vorstellen. Daher müssen wir schauen, dass wir es billiger bekommen. Wenn es so weit ist, werden wir den finanziellen Rahmen mit dem ÖFB abstimmen, den Klubs ein Konzept vorlegen, ihre Meinungen einholen und einen Beschluss fassen, in welche Richtung es gehen soll.

Von welchen Beträgen ist da die Rede?

Das ist schwer zu beziffern, weil die Voraussetzungen sehr unterschiedlich sind. Lohnkosten, infrastrukturelle Voraussetzungen und die Produktionsbedingungen sind von Land zu Land sehr unterschiedlich.

Wie kommt der Gesamtbetrag zustande?

Man benötigt pro Spiel eigene Übertragungswagen, dazu Regisseure, die den Schiedsrichtern die Bilder schnellstmöglich liefern. Und pro Spiel zumindest einen Schiedsrichter und Assistenten zusätzlich. Also sechs statt bisher vier Referees pro Spiel.

Geht es auch um das Ansehen der österreichischen Bundesliga im internationalen Vergleich, wenn etwa die polnische Liga schon seit dieser Saison so weit ist? 

Nicht unbedingt. Es geht darum, dass es einfach sinnvoll ist, die gleichen Standards zu schaffen. Vor allem, wenn der VAR künftig auch in den UEFA-Bewerben zum Einsatz kommt.

Zahlen, bitte: Der VAR im Detail

Nach der WM in Russland analysierte die FIFA die Einsätze des VAR exakt. Die Zahlen dazu liefern die eine oder andere Überraschung.

In den 64 Partien wurden von den Video-Referees 455 Entscheidungen (7,1 pro Spiel) im Video-Raum überprüft. Verblüffend scheint, dass dabei im gesamten Turnier lediglich bei 20 Entscheidungen interveniert wurde. Davon änderten die Referees auf dem Platz 17 Mal selbst nach TV-Studium („On Field Reviews“) ihre Entscheidung, drei Mal griffen die Video-Referees gleich direkt ein, ohne dem aktiven Schiedsrichter die Ansicht der TV-Bilder nahezulegen.

Gegner des VAR sprechen immer wieder davon, dass der Spielfluss durch die Unterbrechungen gestört wird. Das konnte durch folgende Zahlen widerlegt, die aus 800 Spielen mit dem VAR ausgewertet wurden: Unabhängig vom Einsatz des VAR ist der Ball ohnehin schon pro Spiel mehr als 30 von 90 Minuten nicht im Spiel. Im Vergleich dazu ist es beinahe lächerlich, dass im Schnitt in drei Partien von 750 getroffenen Entscheidungen nur 15 vom VAR überprüft werden und es dabei nur bei einer einzigen zu einem Review kommt.

Auch die Annahme, ein Spiel würde aufgrund des VAR viel länger dauern, ist falsch. Ebenso aus 800 Partien wurde errechnet, dass sich die Nachspielzeit im Schnitt nur von 4:47 Minuten auf 5:47 – also um eine Minute – erhöht. Allerdings: Für diverse Freistöße gehen im Schnitt 8:51 Minuten drauf, für Einwürfe 7:02 Minuten, für Abstöße 5:45 Minuten und für Spielerwechsel 2:57 Minuten pro Partie.

Klar erhöht werden konnte durch den VAR indes die Richtigkeit der Entscheidungen. So wurde etwa die Korrektheit von erzielten Toren von 92,1 auf 99,2 Prozent gesteigert. Die Richtigkeit von Elfmeter-Entscheidungen wurde von 90 auf 98,3 Prozent erhöht. Bei Roten Karten wurde der Wert von 96 auf 99,1 Prozent gesteigert.

Bereits im Jahr 2017 waren 81 Prozent der Fans davon überzeugt, dass der VAR den Fußball verbessert.

Und Sie?