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11.11.2018

Fünf Jahre danach: Der Fall Taboga und die Folgen

Am 11. November 2013 löste Dominique Taboga mit einer Anzeige eine Lawine aus.

Es war kein Faschingsscherz. Nicht einmal ein schlechter Scherz. Als Dominique Taboga am 11. November 2013 zur Polizei ging, um Anzeige zu erstatten, hat der damalige Grödig-Kapitän zwar nicht die ganze Wahrheit erzählt. Die Fußball-Welt in Österreich sollte aber für immer eine andere sein, nach der Aussage des damals hoch angesehenen Verteidigers.

Schnell stellte sich heraus, dass die gemeldete Erpressung des St. Pöltners durch eine kriminelle Bande rund um Ex-Teamstürmer Sanel Kuljic nur ein Teil der traurigen Geschichte war. Taboga selbst war über Jahre in Spielmanipulationen verwickelt, hatte Mitspieler angestiftet und war immer tiefer in einen Sumpf aus Lügen, Schulden und Erpressungen versunken. Bis es vor fünf Jahren zum großen Knall kam.

Dass Taboga – immerhin gewähltes Mitglied im Spielerpräsidium der Vereinigung für Fußballer („VdF“) – neben dem Schützenkönig Kuljic und Ex-Profi Johannes L. in die Machenschaften der internationalen Wettmafia verwickelt war, sorgte für österreichweites Entsetzen. Krisensitzungen beim ÖFB und der Bundesliga wurden zur Gewohnheit.

Erstmals wurde einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, dass der Wettmarkt zum Milliardengeschäft geworden war. Mit Spielmanipulationen lässt sich eine höhere Gewinnmarge herausholen als mit Drogenhandel, erklärten Experten. Und Taboga warnte, nachdem er endgültig ausgepackt hatte: „Wenn du einmal Ja sagst, kommst du nicht mehr raus.“

Acht Verurteilte

Am Ende gab es acht Verurteilungen und Haftstrafen. Kuljic musste fünf Jahre ins Gefängnis, Taboga bekam drei Jahre teilbedingte Haft.

Im Dezember würde seine fünfjährige Sperre als Spieler ablaufen. Tabogas Klage gegen die Liga und die zehnjährige Sperre als Funktionär wurde im Herbst abgewiesen. Ende gut, alles gut?

Sicher nicht!

Allein für das Jahr 2018 listete das Magazin Der Spiegel schwerwiegende Fälle von Manipulationen und Betrug im Fußball in Belgien, Spanien, Griechenland, Ukraine, Serbien, Albanien, Malta sowie Brasilien auf.

Der KURIER sprach mit den Experten für Österreich. „Mit der Präventionsarbeit sind wir durch den Play Fair Code in Europa ganz vorne dabei. Derzeit gibt es kein Thema zu Spielmanipulationen, aber ausschließen können und sollten wir nie etwas“, meint Bundesliga-Vorstand Christian Ebenbauer.

tipp3-Geschäftsführer Philip Newald hat auch den internationalen Markt im Blick: „Es gibt schon Auffälligkeiten bei Wetteinsätzen, die außerhalb der Norm sind, aber davon ist nichts Relevantes für Österreich dabei.“

Wege der Wettmafia

Die Schulungen des angesprochenen Play Fair Code leitet Severin Moritzer. Zum Status von Österreich fünf Jahre nach dem Crash meint Moritzer: „Wir glauben, dass ohne unsere Arbeit die Wahrscheinlichkeit eines neuen Fall Taboga viel höher wäre.“ Der Grund dafür? „Die Wettmafia weiß, dass das Feld hier von uns bestellt wird.“ Plakativ gesprochen: Sie gehen lieber in eine andere Liga, wo es leichter geht. Das Muster zum Wettbetrug wird von Fachleuten mit „4A“ zusammen gefasst: „Ansprache – Angebot – Annahme – Ausführung.“

Zuletzt wurde gerätselt, warum dieser Ablauf gerade in Belgien so gut funktionieren könnte. Sogar der Trainer von Großklub Brügge wurde verhaftet. „Belgien habe ich nicht in der Dimension erwartet“, sagt Newald, der in Sachen Wetten und Betrug kaum zu überraschen ist.

Die professionellen Wett-Anbieter nehmen in Österreich überhaupt eine wichtige Rolle ein. „Die Hälfte der größten Anbieter in Europa hat einen Konnex zu Österreich, deswegen ist der Wissensstand bei uns höher“, erklärt Newald mit Blick auf „bwin“ und Co. Daraus ergibt sich auch „eine besondere Verantwortung für die Branche: Was biete ich an? Ereignis-Wetten, wie auf das nächste Foul, sind gefährlich.“ Der Geschäftsführer des zu Casinos Austria gehörenden Anbieters meint: „Auch kleine Randsportarten müssen nicht im Wettbuch aufscheinen. Dort wäre schneller eine Abhängigkeit möglich, die Manipulationen erleichtert.“

Balkan im Verdacht

International wurden zuletzt die Daumenschrauben angezogen. Dem zehnjährigen Ausschluss von Skenderbeu aus dem Europacup ging es ein wegweisendes Urteil voraus: Der oberste Sportgerichtshof CAS hat bestätigt, dass Monitoring als Beweis gilt. Sprich: Wenn beim Verlauf der Wettquoten eindeutige Sprünge feststellbar sind, ist damit auch der Betrug nachgewiesen.

Insider erzählen, dass es noch einige Länder gebe, in denen „immer ein bissl was gehen würde“. An sich hat sich aber die Erkenntnis durchgesetzt, dass Spielmanipulation schwerer Betrug ist – und kein Kavaliersdelikt.

„Besonders erfreulich ist, dass sich der Wissensstand in diesen fünf Jahren bei allen Beteiligten stark erhöht hat“, meint Newald.

Emotionale Rückkehr

Besonders viel weiß Dominique Taboga. Sollte er noch aktiver als in den Schulungsvideos des Play Fair Code eingebaut werden? Diese Frage löst unter den Kickern weiter Emotionen aus, wie bei Schulungen festzustellen war. Newald meint: „Nach der Strafe soll man schon überlegen, wie ihm auf dem Weg zurück zu helfen ist. Das muss aber nicht unbedingt im Fußball oder Sport sein.“ Abseits des Rasens hat der Vater von zwei Kindern seinen Platz gefunden: Taboga ist seit drei Jahren beim Schreibwaren-Fachbetrieb Abraham angestellt.

Ob in fünf Jahren an dieser Stelle über den nächsten Fall mit anderem Nachnamen berichtet werden wird? Ebenbauer meint: „Die Arbeit hört nie auf. Überall, wo viel Geld im Spiel ist, kommt die Gier und die kriminelle Energie.“ Newalds Ausblick: „Ich sehe es wie die Fan-Arbeit: Dieses Thema wird nie ein Ende haben.“