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26.07.2017

Frauen-EM: Ein Punkt für die Glückseligkeit

Österreich will heute gegen Island (20.45, live ORF eins) ins Viertelfinale. Sieben Gründe für den Aufschwung.

Das letzte Mal, dass Österreich bei einer WM oder EM die Vorrunde überstanden hat, ist 35 Jahre her. Es war 1982 der Nichtangriffspakt zwischen Österreich und Deutschland, der beide Teams in die Zwischenrunde gebracht hat und mit dem Austragungsort Gijón in die Fußballgeschichte eingegangen ist. Österreichs Älteste im EM-Kader, Ersatztorfrau Jasmin Pfeiler, kam erst zwei Jahre danach zur Welt.

Aber Österreichs Frauen-Team ist bei der ersten EM-Teilnahme in der ÖFB-Geschichte schon jetzt die Sensation dieses Turniers.

Die Gründe?

Die Vision
2011 war der akribische Arbeiter und Analyst Dominik Thalhammer angetreten mit dem Ziel, zu Großveranstaltungen zu fahren. Das gelang bei der U-17-Auswahl, der U-19-Auswahl und zuletzt auch beim A-Team. Österreichs Frauen glaubten an diese Vision, diesen eingeschlagenen Weg, arbeiteten hart, trugen ihre Trainingseinheiten auch brav ins ÖFB-System ein. Und wie sein Vorgänger Ernst Weber ist Thalhammer ein ruhiger Zeitgenosse, der den Frauen wenig Druck macht. "Emotional", sagt der 46-Jährige, "bin ich selten. Das käme bei den Mädchen nicht so gut an."

Die Vorbereitung
Österreichs Herren kamen vor einem Jahr nach einer Marathon-Saison mit unterschiedlichen Belastungen zur EM-Vorbereitung und hatten einen Monat weniger Zeit. Bei den Frauen wurden zwei Monate optimal genutzt, um alle Spielerinnen körperlich auf Topniveau zu bekommen. Fehlte in den letzten Vorbereitungsspielen vor allem die Explosivität, so waren Österreichs Frauen vom ersten EM-Spiel an top.

Das Umfeld
Dominik Thalhammer ist als Teamchef der Manager eines 15-köpfigen Teams. "Manchmal habe ich mich schon gefragt, ob alles stimmt, weil hier alles so locker und gut abläuft", sagt er. Vor dem Spiel ist aber Schluss mit lustig. Thalhammer: "Wir sind bereit, fokussiert und aggressiv." Und gut auf den Gegner eingestellt. "Es gibt für uns kein Rasten", sagte er nach den Spielen. Sowohl die eigene Leistung als auch der Gegner wurden sofort genau analysiert und diskutiert.

Der Teamgeist
Im Spiel ist ersichtlich, dass nicht nur die Taktik ohne Wenn und Aber umgesetzt wird, in der Defensivarbeit geht jede Spielerin auch lange Wege, wenn dies notwendig ist. Trotz der Fehlerkette beim Gegentor gegen Frankreich gab es keine Anzeichen von Schuldzuweisungen, keine großen Gesten und keine langen Diskussionen. Auch im Teamhotel ist zu keiner Zeit spürbar, dass es Gruppen und Grüppchen gibt. Viktoria Schnaderbeck kommt als Kapitänin offensichtlich zu allen durch. Und es gibt keinerlei Rivalität. Nina Burger, die gegen die Schweiz Kapitänin war, sagte: "Es war gut zu wissen, dass so eine Spielerin wie Viki schon wieder auf der Bank sitzen konnte, ich übergebe ihr gerne wieder die Schleife."

Der Glaube
Österreichs Teamchef startete schon Anfang des EM-Jahres beim Turnier auf Zypern, um an der taktischen Flexibilität zu arbeiten. "Wir waren taktisch super eingestellt." Es klingt schon fast sektenhaft wie viele Spielerinnen diesen Punkt so oft betonen. Tatsache ist, dass sie bedingungslos an den Teamchef, die Taktik und sich selbst glauben. Sie schalten von einer Minute auf die andere von Angriffspressing um auf totale Defensive, um als kompakter Block wieder Kräfte zu sammeln.

Die Härte
Österreichs Frauen bekamen vor dem Turnier das Vorurteil umgehängt, dass sie hart und aggressiv spielen. Dabei mussten sie mehr Härte zu sich selbst zeigen als den Gegnerinnen gegenüber. Ellbogenschlag gegen Makas, Brutalogrätschen gegen Zadrazil und Schnaderbeck – allesamt nicht einmal mit Foulpfiffen bedacht. Kein Problem, kein Jammern bei den Spielerinnen, kein Geplärre über Verletzungspech beim Teamchef.

Die Legionärinnen
Jeweils elf Spielerinnen aus der deutschen Bundesliga haben begonnen. Sebastian Prödl, selbst neun Jahre im Ausland, sagt: "Man merkt, dass viele unserer Mädchen im Ausland spielen. Diszipliniert waren sie schon immer, aber was sich da taktisch und technisch getan hat, davon war ich richtig angetan." Nina Burger, 29-jährige Polizistin und beste Spielerin in der Liga bei Neulengbach, ließ sich 2015 karenzieren und ging zu Sand nach Deutschland. "Ich wollte mich sportlich weiterentwickeln. Als Profi bist du einfach fitter, du wirst im Training und in den Spielen mehr gefordert." Teamchef Thalhammer wechselte mit Prohaska, Eder und Pinther ein Trio aus der österreichischen Liga ein. "Die Spielerinnen aus der österreichischen Liga haben sich in der Vorbereitung gut an das Niveau angepasst."