Ein treuer Austria-Fan beklagt: "Derzeit ist die Luft draußen"

Fußball, St. Poelten - Austria Wien
Stefan Herles, seit 42 Jahren Austria-Fan, spricht über Fehler der Vergangenheit und Leiden der Gegenwart.

"Die Austria ist wie ein abgewirtschaftetes Haubenlokal, das nicht einmal mehr ein g’scheites Gulasch zusammenbringt. Die Leute kommen nicht, weil man das Lokal umbaut, sondern wegen des Essens." Stefan Herles ist seit seinem 5. Lebensjahr Austrianer, seine Treue zu den Violetten hält mittlerweile 42 Jahre lang. Kulinarisch fasst er im Café Engländer in der Wiener Innenstadt die Lage der Veilchen wie folgt zusammen: "Jetzt hat man nicht einmal mehr ein Rezept, um gute Lebensmittel zu kaufen."

Herles, dessen Idol Tibor Nyilasi war, hat sämtliche Höhen und Tiefen mit seiner Austria durchlebt. Früher fuhr er mit den Veilchen auch in die Ferne, das Gastspiel am heutigen Sonntag (17 Uhr) beim LASK wird er nicht vor Ort erleben. "Für Auswärtsfahrten fehlt mittlerweile der Anreiz." Die Austria ist in Pasching Außenseiter.

Ein treuer Austria-Fan beklagt: "Derzeit ist die Luft draußen"

Austria-Fan seit 42 Jahren: Stefan Herles.

Zu viele Löcher

Wie fühlt es sich an, in dieser sportlichen wie wirtschaftlichen Krise Austria-Fan zu sein? Verschwimmt die Leidensfähigkeit schon mit Masochismus? Wie Stefan Herles geht es aktuell vielen Anhängern des angeblich so gepflegten Fußballs, dennoch möchte er primär für sich reden. Er spricht dabei in Bildern. "Es fühlt sich an, als wäre irgendwie die Luft draußen. Als würde Luft aus einer Luftmatratze entweichen. Man versucht, sie wieder aufzublasen, doch es sind einfach zu viele Löcher drinnen."

Auf der intellektuellen Ebene ist es verständlich, dass man sich am Verteilerkreis noch einige Zeit in Geduld wird üben müssen. Allerdings liegt einem die Situation emotional schon viel mehr im Magen. "Man wird schön langsam resignativ", gibt Herles zu. "Denn seit Jahren ist der Stadionbesuch überwiegend mit Frustration verbunden."

Diverse PR-Floskeln und Ausreden der Vereinsführung finden bei ihm absolut kein Gehör mehr. "Das Vereinsmotto ,Anspruch und Stil‘ wird massiv zum Bumerang." Seine Austria sieht er "stuck in the middle" – stecken geblieben im Mittelmaß, wie auch Sportvorstand Peter Stöger bei einem Treffen mit dem Club 1911 bestätigte.

Geduld statt Eitelkeit

Herles, der Granden wie Nyilasi zugejubelt hat, kann sich mit den aktuellen Spielern kaum noch identifizieren. "Wer ist denn sympathisch und cool?" Das System Mannschaft, meint der Wiener, sei toxisch in der Gruppendynamik. Es fehlt an Mechanismen, damit talentierte Spieler unter Druck nicht zerbröckeln. Der Fan wagt einen Seitenblick Richtung Kärnten. "Weniger Talentierte sind beim WAC besser, weil sie wissen, dass in jedem Spiel harte Arbeit nötig ist."

Bei der Austria geht ihm die Geduld ab. "Fußball ist keine lineare Arbeit, der Verein hat eine geringe Frusttoleranz. Und die Eitelkeit verzerrt das Bild." Harte Worte eines Austrianers, der das Schönreden der Klubführung schon leid ist.

Fu§ball, FK Austria Wien - WAC

FUSSBALL TIPICO-BUNDESLIGA GRUNDDURCHGANG: FK AUSTRIA WIEN - SK PUNTIGAMER STURM GRAZ

Fu§ball, FK Austria Wien - WAC

Fu§ball, FK Austria Wien - WAC

Fu§ball, FK Austria Wien - WAC

Fu§ball, FK Austria Wien - WAC

Fu§ball, FK Austria Wien - WAC

Fu§ball, FK Austria Wien - WAC

Fu§ball, FK Austria Wien - WAC

Stotternder Motor

In guten wie in schlechten Zeiten, die Fans leisten gerne Hilfe. "Aber sie wird ja nicht angenommen, ihnen ist offensichtlich nicht zu helfen." Viele Anhänger, die zum violetten Inventar gehören, gehen nicht mehr ins Stadion. "Es gibt derzeit keinen objektiven Grund, Austrianer zu sein." Einige Fans seien in die innere Emigration gegangen.

Herles nennt den aus seiner Sicht größten Fehler der jüngsten Vergangenheit: "Man hat geglaubt, dass neben dem Stadionbau das Sportliche schon irgendwie gehen würde. Doch nur eine funktionierende Kampfmannschaft kann eine wirtschaftliche Stabilität gewährleisten. Dabei hat man unterschätzt, wie sehr die Kampfmannschaft der Motor für alles ist."

Disneyland-Rivalität

Auch die seit Jahren immer aggressiver werdende Rivalität zwischen Austria und Rapid ist ihm ein Dorn im Auge. "Ich verstehe den Tribalismus nicht. Die zwei Vereine müssten jede Woche zusammensitzen und diskutieren, wie der Wiener Fußball wieder besser wird. Das gelingt nur in Kooperation." Denn aktuell sei dieser nur ein unbedeutender Nebenschauplatz. Herles spricht von einer "Disneyland-Rivalität". Eine moderne Unsitte, die im Gewand der Tradition erscheint. "Doch die Tradition war doch eine ganz andere."

Von der Tradition kann sich die Austria schon seit einiger Zeit nichts kaufen.

Kommentare