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Sport Fußball
01/20/2019

Die Akte Marko Arnautovic: Vom Liebling zum Buhmann

Der Österreicher fehlte beim Premier-League-Spiel von West Ham in Bournemouth. Die Fans schäumen.

von Stephan Blumenschein, Günther Pavlovics

In China ist Marko Arnautovic offenbar beliebt – zumindest, wenn man den englischen Zeitungen glauben darf. Nachdem das Interesse von Meister Schanghai SIPG abgeklungen ist, soll jetzt mit Guangzhou Evergrande ein zweiter Spitzenklub aus der Chinese Super League am Team-Star interessiert sein.

Bei den Fans seines Klubs West Ham United schaut das ganz anders aus. Dort wurde aus Liebling Marko der Buhmann Arnautovic – und das in zehn Tagen. Begonnen hat das Theater mit der Ansage seines Bruders und Managers Danijel Arnautovic, dass er nach China wechseln will, um dort um Titel zu spielen.

 

 

Der Sturm der Entrüstung war groß. Und dieser entwickelte sich am Freitag zu einem Orkan, nachdem publik wurde, dass Arnautovic mental nicht bereit ist, um im Premier-League-Spiel in Bournemouth mitzutun.

In den sozialen Netzwerken wurde Dampf abgelassen. Viele Postings gegen den Österreicher gingen weit unter die Gürtellinie. Die West-Ham-Fans fühlen sich verraten und reagierten extrem emotional.

Enthusiastische Fans

Der Premier-League-Verein ist ein außergewöhnlicher Klub. Die Fanbasis ist riesig. Nur neun Vereine in ganz Europa hatten vergangene Saison mehr Zuschauer. Im Schnitt kamen fast 57.000 zu den Liga-Heimspielen.

Erfolgsfans sind das keine: 2017/’18 kämpfte West Ham gegen den Abstieg. Meistertitel gewann der Klub in seiner 124-jährigen Geschichte keinen einzigen. Der letzte von drei FA-Cup-Triumphen gelang 1980.

West Ham, von Werftarbeitern gegründet, ist bis heute ein Arbeiterverein, der den sozial benachteiligten Osten Londons repräsentiert. Die Fans sind extrem loyal. Und dies verlangen sie auch von den Spielern.

Arnautovic ist nicht der erste, den der Bannstrahl der West-Ham-Fans trifft. Erst vor zwei Jahren streikte mit Dimitri Payet ein anderer Hammers-Star, um seine Rückkehr nach Marseille zu erzwingen. Der Franzose durfte schließlich um rund 30 Millionen Euro gehen.

 

 

Pikanterweise könnte jetzt Payet bei Schanghai landen. West Ham wäre am Verkauf beteiligt. „Die perfekte Lösung. Wir behalten Arnie und bekommen ein bisschen Geld. Win-win“, twitterte eine West-Ham-Anhängerin.

Aber der Großteil der Fans will den Wiener gar nicht mehr im bordeauxroten und hellblauen Trikot sehen. „Ich frage mich, wie viele Freunde er in London noch haben wird, wenn er doch noch bleibt“, schrieb ein anderer Anhänger auf Twitter.

Arnautovic steht als Synonym für jene, die nur den Geldes wegen Fußball spielen. An sich ist ja sein Gehalt bei West Ham (102.000 € pro Woche) schon fürstlich, in China soll er aber mehr als das Doppelte verdienen können.

Um den Österreicher gab es schon im November Ärger. Damals zitierte der Guardian einen KURIER-Artikel, in dem Arnautovic verkündete, dass er Champions League spielen wolle. „Ich bin 29, also im besten Alter. Es ist klar, dass ich mich mit den Allerbesten messen will. Aber in solchen Angelegenheiten vertraue ich voll meinem Bruder“, meinte Arnautovic.

Unverständliches Ziel

Diesen sportlichen Traum konnten viele Fans noch nachvollziehen. Sich mit West Ham für die Champions League zu qualifizieren, ist wegen der Stärke der Konkurrenz in der Premier League unrealistisch. Den Wunsch, in China um Titel zu spielen, kann hingegen niemand nachvollziehen.

Dass West Ham gestern ohne seinen besten Stürmer in Bournemouth 0:2 verlor, hat die Situation nicht beruhigt. Dass mit Callum Wilson just jener Angreifer traf, den sich viele West-Ham-Fans als Arnautovic-Nachfolger wünschen, passt zur Causa, die sich in die Länge ziehen könnte. In China endet die Transferzeit erst Ende Februar.