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09.05.2018

Christian Ilzer: Von der letzten Klasse bis in die Bundesliga

Der 40-jährige Steirer war nie Fußballprofi. Bundesliga-Trainer wird er trotzdem. Ab Sommer coacht er den WAC

2095 Einwohner zählt Puch bei Weiz. Zwei Namen finden sich in der Rubrik „Söhne und Töchter der Gemeinde“ auf der Wikipedia-Seite der kleinen Ortschaft. Der Maler Matthias Schiffer, geboren im 18. Jahrhundert und Christian Ilzer, Fußballtrainer. Vielleicht schafft Letzterer auch noch den Sprung in die Rubrik, die darüber angeführt wird und sich „Ehrenbürger“ nennt.

Christian Ilzer hat jedenfalls einen Karrieresprung geschafft. Einen, von dem er lange geträumt und für den er ebenso lange gearbeitet hat. Der 40-Jährige wird ab Sommer erstmals als Cheftrainer in der Bundesliga arbeiten. Der Steirer hat einen Einjahresvertrag beim Wolfsberger AC unterschrieben.

Vermutlich wird der zweifache Familienvater dann auch als „junger Trainer“ bezeichnet werden. „Das wäre einerseits ein Kompliment, wenn du 40 bist, aber so würde ich mich nicht mehr bezeichnen“, betont Ilzer. „Ich bin seit 23 Jahren Fußballtrainer.“ 23 Jahre? Tatsächlich. Christian Ilzer war noch nicht einmal volljährig, als er zum ersten Mal eine Mannschaft coachte.

Der Grund dafür war weniger erfreulich. Ein Kreuzbandriss führte den damals 17-Jährigen Nachwuchsspieler von Puch bei Weiz zum Vereinsobmann. „Ich war besessen vom Fußball und hab’ wegen meiner Verletzung nach einer Alternative gesucht. Also hab’ ich zum Obmann gesagt, er soll mir eine Nachwuchsmannschaft geben.“

Und obwohl die Unter-16 keinen Trainer hatte, ist Ilzer abgeblitzt. „Er hat gemeint, ich bin zu jung und soll erst einmal eine Trainerausbildung machen. Aber ich hab’ nicht locker gelassen. Nachdem ich zum vierten Mal gefragt hab’, hat er eingewilligt.“ Mit ein wenig Wissen aus Trainingsbüchern ließ sich der erste Trainerjob bei den beinahe gleichaltrigen Spielern aber bewältigen. „Ich habe sofort gemerkt, dass mir das enorm Spaß macht.“

Von diesem Zeitpunkt an war Christian Ilzer permanent als Trainer tätig. Die Karriere als Spieler war drei Jahre später abgehakt. Vom dritten Kreuzbandriss an, den er als rechter Mittelfeldspieler bei Anger in der Landesliga erlitten hatte, lebte der 20-Jährige nur noch für den Traum, Profitrainer zu werden.

Der Elektrotechniker

Überzeugt von seinem Vorhaben war zu diesem Zeitpunkt in erster Linie einer: Er selbst. „Ich komme aus sehr einfachen Verhältnissen und hab’ nach der HTL einen Job als Elektrotechniker bei ’Pichler Werk’ angenommen. Eine stabile Stelle bei einem angesehenen Unternehmen, meine Eltern waren zufrieden“, erinnert sich Ilzer. „Aber ich hab nicht gespürt, dass ich in diesem Beruf daheim bin.“ Also hat Ilzer den Job „geschmissen“, wie er es nennt. „Ich hab’ gesagt: ’Ich geh’ Sport studieren und werd’ Trainer.“ An den Blick und die Worte seines Vaters erinnert er sich heute noch: „Du warst kein Fußballer. Wie willst du Trainer werden und davon leben können?“

Abbringen von seinem Vorhaben ließ sich der junge Mann nicht. Die Verletzung verhinderte zunächst aber noch eine erfolgreiche Aufnahmeprüfung auf der Sport-Uni. Also studierte Ilzer zunächst Medizin und erst nach einem halben Jahr Sportwissenschaften. Als Student verdiente er sich als Trainer im Nachwuchs oder bei der Kampfmannschaft von Puch bei Weiz in der letzten Klasse die notwendigen Euro zum „überleben“.

20 Jahre später erhält Christian Ilzer die Chance, Trainer in der Bundesliga zu sein. Viel Zeit, die der Steirer nützte. „Ich hab den Beruf Fußballtrainer von der Pike auf gelernt. Mit dem Studium, aber auch mit Erfahrungen in Teilbereichen wie Konditionstrainer oder Video-Analyst. Wie man einen menschlichen Körper in Topform bringt, hat mich immer schon interessiert.“ Als Konditionstrainer war er in Hartberg, sowie beim Unter-17- und Unter-19-Nationalteam tätig.

Die Suche nach der Rolle

Später hat sich Ilzer auch mit taktischen Strategien auseinandergesetzt und sich eine private Analyse-Software geleistet. „Ich hab’ immer gewusst, dass ich ganz hinauf will, war mir früher aber nicht sicher, in welcher Rolle.“ Der Wunsch, sich als Cheftrainer durchzusetzen, kam vor sechs Jahren auf, als er diese Rolle beim SC Weiz in der Landesliga einnahm. „Da habe ich gespürt, dass ich mit meiner Art auch bei den Spielern ankomme, dass ich selbst gestalten will und mich deshalb in dieser Rolle auch am Wohlsten fühle.“

Um als Cheftrainer in der Bundesliga arbeiten zu dürfen, bedarf es aber der höchsten Trainer-Ausbildung. An diesem Punkt erlebte Ilzer zwei Mal einen Rückschlag. 2014 und 2016 wurde er vom ÖFB nicht für den Kurs zur UEFA-Pro-Lizenz nominiert. „Das war zwei Mal ein Schlag ins Gesicht.“ Um die nötigen Punkte für die Selektionskriterien des ÖFB zusammenbekommen, die ihm durch die ausbleibende Karriere als Profi-Spieler fehlten, absolvierte Ilzer auch den Lehrgang zur Elite-Junioren-Lizenz und nahm unter Heimo Pfeifenberger den Job als Co-Trainer in der Bundesliga an.

2018 ist er im Kurs dabei und an seinem vorläufigen Ziel, der Bundesliga, angelangt. „Im Nachhinein denk ich mir: Okay, ich habe jeden einzelnen Schritt gebraucht, um da rauf zu kommen.“ Bereit fühlt er sich jedenfalls. „Neben all den Kompetenzen, die man sich aneignet, ist Erfahrung ein großes Thema. Ich habe genug Fehler gemacht.“

„Diesen Weg bin ich gerne gegangen. Er hat mich geprägt.“

KURIER: War Ihnen von Anfang an klar, dass es ein weiter Weg sein wird, ohne Vergangenheit als Profifußballer?
Christian Ilzer:
Ja. Wenn jemand einen Namen hat, dann trägt ihn dieser schon auf eine Ebene, wo ich einmal zehn bis 15 Jahre brauche, um überhaupt hinzukommen. Aber diesen Weg bin ich gerne gegangen. Er hat mich geprägt.

Was hat ein Ex-Profi, was Sie nicht haben?
Ich hab’ nie erfahren, wie es ist, vor 50.000 Menschen zu spielen und auch nicht, wie der Umgang mit Medien funktioniert. Als Spieler erlebt man viele Dinge. Auch, was man tun und lassen sollte neben dem Platz. Da wollte ich nicht überall hineintappen, deshalb habe ich mir  einen Medienberater genommen. In schwierigen Situationen frag ich  gern nach. Ich versuche, alles abzudecken.

Sind Sie Perfektionist?
So würde ich mich schon bezeichnen. Ich habe einen enormen innerlichen Antrieb. Ich bin nie von meinem Vater, einem Trainer oder sonst jemandem zu etwas gedrängt worden. Es ist alles in mir selber entstanden. Die Energie und der Hunger, ganz nach oben zu kommen. Als Kind war es mein Traum, Profifußballer zu werden. Und jetzt ist es mein Traum, ein sehr kompletter Trainer zu werden, der Meisterschaften gewinnt. Dafür bin ich bereit, enorm viel zu tun. Ich habe aber auch gelernt, dass man in allem, was man tut,  eine gewisse Lockerheit braucht. Zu viel Verbissenheit bringt dich nicht ans Ziel.

Sie haben Sich über 23 Jahre viel Wissen angeeignet und wollen ein kompletter Trainer sein. Wie entscheidend ist aber die Qualität der Spieler?
Sehr entscheidend. Aber es kommt auch drauf an, wie viel du aus einem Spieler herausholen kannst. Da ist es enorm wichtig, den Spieler im Kopf zu erreichen und von einem Weg zu überzeugen, den du gehen willst. Die Kaderzusammenstellung ist enorm wichtig. Da kannst du Charaktere und Skills zusammenstellen und dir  überlegen,  welche Möglichkeiten du hast, mit dem jeweiligen Spielertypen richtige Waffen zu entwickeln.

Verfolgen Sie eine bestimmte Fußball-Philosophie?
Ich habe mit einigen Trainern zusammengearbeitet, die sehr geprägt sind von dem Stil, den sie zuvor als Fußballer erlebt haben. Mein Vorteil ist: Ich war diesbezüglich völlig frei, hab’ mir enorm viel angeschaut und  aus gewissen Teilbereichen meinen Stil zurechtgelegt. Auch durch Analysen, die ich gemacht habe.

Was haben Sie analysiert?
Ich habe im Rahmen meiner Ausbildung zum Spielanalysten in München alle quantitativen Daten aller Spiele einer Halbsaison in der deutschen Bundesliga ausgezählt. Das sind 153 Spiele. Ich habe nach Erfolgsschlüsseln gesucht. Ich wollte wissen, was signifikant ist für Siege.

Und welche Erkenntnisse haben Sie dabei erlangt?
Dass Ballbesitz überhaupt keine Aussage darauf hat, ob eine Mannschaft gewinnt oder nicht. Aber definitiv waren jene Mannschaften, die im Ballbesitz mehr gesprintet sind, diejenigen, die die Spiele gewonnen haben. Das ist für mich auch zum Prinzip meiner Spielidee geworden. Durch Sprints öffnet man Räume.

Was prägt Ihren Stil noch?
Für mich muss Fußball auch Entertainment sein. Mein Fußball muss aktiv sein, es müssen Zweikämpfe vorkommen, aber er braucht auch das schöne und kreative Element. Dinge fußballerisch schön zu lösen. Diese Dinge will ich verschmelzen lassen. Ein absolutes Attraktivitätsmerkmal für mich ist Geschwindigkeit. Ich will, dass das Spiel meiner Mannschaft schnell in Richtung gegnerisches Tor geht und dass es viele Strafraumszenen gibt.

Steht das Resultat über allem?
Resultate werden verlangt, du musst performen. Aber bei der Herangehensweise gibt es große Unterschiede. Ich denk’, mein Stil bringt auch Ergebnisse. Aber ich will nicht nur hinten den Bus vor dem Tor hineinstellen und 17 Mal in der Saison 1:0 gewinnen. Also ein 5:4 ist mir definitiv lieber als ein 1:0.

Seit wann können Sie vom Trainerjob leben?
Das kommt auf die Ansprüche an, die man hat. Überlebt hab’ ich jedenfalls. Vieles von meinem Verdienst hab’ ich wieder investiert in Literatur und Ausbildungen. Es war lange ein Nullsummenspiel. Das Plus auf meinem Konto entwickelt sich erst seit zwei, drei Jahren.