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Sport Fußball
07/24/2020

Gerhard Struber: "Dieses halbe Jahr war ein Energie-Vampir"

Der 43-Jährige verrät, wie er mit Barnsley den Klassenerhalt geschafft hat und warum es nicht sicher ist, dass er in England bleibt.

von Andreas Heidenreich

Der vom österreichischen Trainer Gerhard Struber betreute Barnsley FC hat am Mittwoch ein Fußball-Märchen geschrieben.

Die Mannschaft mit den österreichischen Spielern Michael Sollbauer, Marcel Ritzmaier und Patrick Schmidt schaffte dank eines 2:1-Sieges gegen Brentford in der 46. und letzten Runde den Klassenerhalt in Englands zweithöchster Liga.

Der 43-jährige Salzburger war im November vom WAC zum Tabellenletzten gewechselt. Jetzt muss zum letzten Glück nur noch der Zwölf-Punke-Abzug für Wigan bestätigt werden.

KURIER: Gratulation zum Klassenerhalt. Wie lange haben Sie gefeiert?

Gerhard Struber: Wir haben bis in die Nacht Party gemacht im Hotel in London. In der Früh bin ich nach Hause nach Salzburg geflogen.

Wirklich drüber geschlafen haben Sie also nicht.

Nach dem Abpfiff war es ein emotionales Feuerwerk, weil es seit November eine reine Achterbahnfahrt war. Der Druckabfall war massiv.

Vor etwa zwei Wochen, hat es nicht wirklich danach ausgesehen, als würde sich das für Ihre Mannschaft noch ausgehen. Wie haben Sie es geschafft, Zweifel von der Mannschaft fernzuhalten?

Wichtig war, dass die Jungs gemerkt haben, dass ich mit einer unglaublichen Power vorausgehe. Das hat uns, als es in der Achterbahn bergab ging, wieder nach oben fahren lassen. Es hat mir aber extrem viel Energie gekostet, Emotionen abzuschütteln und zugleich glaubwürdig zu bleiben. Du kannst nicht immer einen Entertainer spielen. Jetzt bin ich richtig urlaubsreif.

Aufgefallen ist, dass viele Spiele knapp verlaufen sind.

Das Wichtigste in Bezug auf den Glauben war, dass wir mit der Ausnahme einer Partie gegen Stoke immer richtig stark gespielt haben.

Bei 46 Saisonspielen bleibt kaum Zeit, zu trainieren und Dinge einzustudieren. Wie haben Sie Ihrer Mannschaft ihre Spielidee vermittelt?

Ich hab von Anfang an gewusst, dass es in puncto Periodisierung des Trainings eine brutale Herausforderung wird. Wir haben mit wahnsinnig vielen Videoclips versucht, die Jungs klar und einfach mitzunehmen auf diesen Weg. Ein Vorteil für uns war der Lockdown, weil wir die Zeit bekommen haben, die Jungs mit einer vierwöchigen Vorbereitung auf die letzten neun Spiele einzustellen.

Welche Rolle hat die Sprache gespielt?

Ich habe mir einen Englisch-Lehrer genommen, der im Fußball involviert ist und mir mit den Fachausdrücken geholfen hat. Dann ist es Learning by doing, man macht aber auch Fehler. Ich habe aber nicht von Anfang an den Anspruch auf Vollständigkeit gehabt und versucht, locker zu bleiben. Die Spieler haben gemerkt, dass ich in Bezug auf meine Spielidee Überzeugungstäter bin. Und ich habe schnell personelle Entscheidungen getroffen.

Sie meinen die Transfers?

Die Neuzugänge mit Sollbauer, Ritzmaier oder Ludewig von Liefering haben eingeschlagen. Die waren, was meine Spielidee betrifft, einen Schritt weiter und auf dem Platz Multiplikatoren. Was die Disziplin betrifft, hat es Dinge gegeben, die mir nicht gefallen haben. Vieles ist im Argen gelegen.

Zum Beispiel?

Ich habe eine Mannschaft vorgefunden, die komplett ohne Hoffnung und ohne Glaube war. Sie hatte auch überhaupt keine Hierarchie und Struktur. Was die Disziplin betrifft, waren es banale Dinge, etwa Zeitabläufe, die nicht eingehalten wurden oder die professionelle Herangehensweise an sich. Ich habe relativ schnell Spieler verabschiedet, die nicht auf den Zug aufgesprungen sind. Das war wichtig, um zu zeigen, wie ernst es mir ist. Ich habe die Mannschaft sehr straff und eng führen müssen.

Den englischen Fußball jenseits der Premier League verbindet man traditionell mit Kick and Rush. Wie wird in der Championship gespielt?

Es gibt Teams, die spielen tatsächlich Kick and Rush, aber mit einem klaren Plan, der zwar sehr simpel, aber trotzdem sehr schwer zu verteidigen ist, weil eine unglaubliche Athletik, Dynamik aber auch individuelle Qualität drinsteckt. Mit 1,5 Milliarden Euro an Wert ist es die teuerste zweite Liga der Welt und die fünftteuerste überhaupt. Die Spielstile sind aber sehr unterschiedlich.

Wie weit verbreitet ist das hohe Verteidigen, das man in Österreich von Red Bull kennt und in England von Liverpool praktiziert wird?

Das ist in der Tat noch nicht bei vielen angekommen. Es gibt zwar viele Teams, die offensiv eine gute Ausrichtung, aber diese Arbeit gegen den Ball noch nicht verstanden haben. Das war auch ein Vorteil von uns, damit haben wir viele Gegner vor Probleme gestellt.

Ihr Vertrag in Barnsley läuft noch zwei Jahre. Bleiben Sie dem Klub erhalten?

In den Medien gibt es einen ziemlichen Hype, eben auch in Bezug auf unseren Spielstil. Es gibt Interesse von anderen Vereinen, das ist aber bei meinem Berater geblieben. Bis dato habe ich mich damit nicht beschäftigt. Jetzt muss ich mit meiner Familie klären, was das Beste für uns ist. Wenn es so bleibt, dass man zwischen England und Österreich nicht reisen kann, kann ich mir nur schwer vorstellen, weiterhin auf der Insel zu arbeiten. Ich habe zwei Kinder, elf und 18 Jahre alt und ich habe meine Familie jetzt zweieinhalb Monate nicht gesehen. Das ist nicht ohne. Sollte es so sein, wie vor Corona, dann möchte ich hier den nächsten Schritt machen. Das heißt, die Ziele müssen ambitionierter werden. Sollte Barnsley da mitmachen, dann ist das für mich der erste Ansprechpartner. Zugleich will ich aber nichts ausschließen, weil ich mit so einem halben Jahr wie dem letzten nichts mehr zu tun haben will. Das war ein unglaublicher Energie-Vampir. Und ich will eine Mannschaft haben, die wettbewerbsfähig ist und nicht gegen den Abstieg spielt.

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