Sport | Fußball-WM
23.06.2018

WM-Lust und Frust in Hernals und Ottakring

"Tagebuch": Kroatischer Jubel, 24 Stunden später serbische Prügel für Polizisten. Und das alles wegen der Russland-WM in Wien.

„Waterloo sunset“ – mit dem Kulthit seiner Lieblingsband (Kinks) sang sich Hans Krankl beim Nostalgie-Fest „40 Jahre Córdoba“ gerade zum vermeintlichen Stimmungshöhepunkt, als zu gleicher Zeit sein Lieblingsspieler Lionel Messi mit Argentinien in Nischni Nowgorod unterging.

Sekunden danach wurde hinter Krankl auf der Leinwand im Hernalser Metropol neben dem Logo der Argentinien-WM 1978 der zwischenzeitliche Spielstand eingeblendet.

ArgentinienKroatien 0:2.

„Jetzt könn’ ma haam gehen“, rief Krankl resignierend ins Mikrofon. Er und die (vom Entertainer begeisterten) 400 Gäste gingen natürlich nicht.

Nur zwei Tormann-Ausschüsse vom Metropol entfernt wurde die Ottakringerstraße zu Klein-Zagreb. Letztlich sogar 3:0 für Kroatien. Buenas noches, Messi.

Kochende Volksseele

Jugendliche rannten eingehüllt in rot-weiß-karierte kroatische Fahnen jubelnd aus den Cafés. So wie das vor zehn Jahren der Fall war, als mit Luka Modric derselbe, der gegen Argentinien das 2:0 erzielte, im Prater mit seinem Elfer-Tor zum 1:0 den Österreichern bei deren Heim-EM den Auftakt verpatzt hatte. Immerhin gelang Ivica Vastic danach beim 1:1 gegen Polen das bis heute einzige österreichische EM-Tor.

Vastic, der aktuell Austrias U 16 trainiert, ist einer von 70.000 österreichischen Staatsbürgern mit kroatischen Wurzeln. Menschen mit serbischem Migrationshintergrund leben hierzulande fast vier Mal so viele. Sie dürfen sich (noch?) nicht über einen Aufstieg Serbiens freuen. Im Gegenteil: Die Volksseele kocht.

Politik und Elferfrust

Auf der Ottakringer Straße flackerte wie am Vortag Blaulicht. Nur galt es diesmal nicht, jubelnde, sondern wütende Jugendliche einzubremsen, die von den Bildschirmen weg ins Freie stürmten. Und Polizisten attackierten.

Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri hatten ein 1:0 Serbiens in ein 2:1 für die Schweiz verwandelt. Ausgerechnet zwei Spieler kosovarischer Abstammung. Die beiden Schützen nutzten ihren Triumph zu eindeutig zweideutigen politischen Gesten. Eindeutig war auch eine Elferszene im Schweizer Strafraum:

Alle sahen, wie der Serbe Aleksandar Mitrovic von zwei Schweizern niedergerungen wurde. Nur der deutsche Schiedsrichter Felix Brych (was in der Hektik passieren kann) und der deutsche Video-Referee Felix Zwayer (was unerklärlich ist) sahen es nicht.

Im Gegensatz zur so konträr beurteilten Elferszene darf sich die FIFA bei Xhaka und Shaqiri nicht aus der Verantwortung stehlen. Denn auch für deren Provokationen gibt es einen Videobeweis. Den Schweizern gebührt zumindest eine Ein-Spiel-Sperre des Weltfußballverbandes, auch wenn dessen Präsident Gianni Infantino Schweizer ist. Andernfalls erlebt die Objektivität ein Waterloo. wolfgang.winheim