Sport | Fußball-WM
10.07.2018

Titelverdächtig: Der fabelhafte Mister Martínez

© Bild: APA/AFP/PATRIK STOLLARZ / PATRIK STOLLARZ

Teamchef Roberto Martínez führte Belgien ins Halbfinale. Erinnerung an eine besondere Begegnung mit dem Spanier.

Roberto Martínez weiß, wie man Favoriten besiegt, um Titel zu gewinnen. Nach dem 2:1 gegen WM-Favorit Brasilien soll Frankreich, die neue Nr. 1 der Buchmacher, nach Hause geschickt werden.

Dem 44-jährigen Spanier wird mittlerweile zugetraut, die Liste der Weltmeister-Länder zu verlängern: Sein Arbeitgeber Belgien wäre als neunter Titelträger ein Neuling in dieser illustren Runde.

So wie Wigan 2013 ein Neuling war. Der FA-Cup-Triumph durch ein 1:0 gegen den haushohen Favoriten Manchester City im Londoner Wembley-Stadion brachte Roberto Martínez am 11. Mai 2013 seinen ersten Titel als Trainer, machte Paul Scharner zum ersten Österreicher, der den wichtigsten Pokalbewerb des Klub-Fußballs gewann und sorgte für den wohl auf ewige Zeiten größten Erfolg von Wigan.

Für den Autor dieser Zeilen sorgte Martínez für die Krönung einer großartigen Dienstreise.

London calling

Aufgebrochen im Morgengrauen, um mit einer bekannt billigen Fluglinie von Bratislava aus London zu erreichen, durfte ich für den KURIER von Paul Scharners Titelmission berichten. Der heutige Kolumnist hatte bekannt selbstbewusst angekündigt, dass er den FA-Cup gewinnen wird.

Martínez setzte auf Scharner als linken Part einer Dreierkette. Also auf jene Formation, die bei dieser Endrunde groß in Mode ist, damals in England aber noch kaum eingesetzt wurde. Die Latics stoppten alle Angriffe der Star-Stürmer Tévez und Agüero. In der 91. Minute köpfelte ein gewisser Ben Watson als perfekter Joker Wigan zum Sieg. Es war einer der ganz wenigen Momenten, in denen ich auf einer Pressetribüne jubelte.

Bei der anschließenden Pressekonferenz richteten englische Journalisten Roberto Mancini in gnadenloser Direktheit aus, dass er seinen Job bei City los sei. Der Italiener blieb ganz Sir, bedankte sich für diese Info – und war am nächsten Tag in Manchester tatsächlich Ex-Trainer.

© Bild: APA/AFP/ANDREW YATES

Trainer im Vergleich

Das Verhalten von internationalen Trainern bei öffentlichen Auftritten zu beobachten, zählt zu den erhellendsten Details bei Dienstreisen. Im Herbst 2010 verblüffte der damals 32-jährige André Villas-Boas mit seiner Mischung aus Charisma und Lässigkeit. Am Saisonende machte der Portugiese den FC Porto zum Sieger der Europa League. Auch die Auftritte von Eusebio Di Francesco nach den gar nicht so tollen Spielen von Sassuolo gegen Rapid ließen 2016 darauf schließen, dass der redegewandte Italiener noch mehr erreichen wird. Nach der Saison wurde er von AS Roma abgeworben. Und bei Ernesto Valverde fiel auf, wie höflich aber präzise der Coach von Bilbao die Stärken und Schwächen von Rapid zerlegte. Ein halbes Jahr danach rief der FC Barcelona bei Valverde an.

Nach Mancini kam der Sieger, Roberto Martínez, in den großen aber natürlich restlos gefüllten Pressekonferenz-Saal. „Es gibt kein Champagner-Bad, nur ein warmes Bad für die Spieler. Morgen wird trainiert“, erklärte der neue Champion. Meine Chance auf eine Frage, anstelle eines englischen Platzhirschen? Nahe bei Null.

Letzte Hoffnung

Planänderung. Ich sah Wigans Pressechef, der bei der Tür im Eck wartete. Schnell war erklärt, dass Österreich erstmals einen FA-Cup-Sieger stellt und ich deswegen angereist wäre. Ob das reicht, um Mister Martínez zu Paul Scharner zu befragen? „I’ll ask the manager.“ Na ja, eine kleine Hoffnung blieb.

Nach der PK wollte Martínez bei der Tür raus, endlich feiern. Der bejubelte Trainer erfuhr von meinem Ansinnen, sah mich an – und blieb tatsächlich stehen. Mit ein, zwei Handbewegungen holte der Spanier die Print-Kollegen von Wigans Lokalzeitungen herbei. Er erklärte ihnen, dass er diesem „guy from Austria“ jetzt ein Interview über Scharners Rolle geben würde. Sie könnten den Inhalt ja auch verwenden.

Martínez erzählte, dass Scharner nach seiner Rückkehr vom HSV im Jänner „allen klar gemacht hätte, dass wir es wirklich bis ins Finale schaffen können.“ Sogar eine eigene Motivationsansprache ließ der bereits 1995 als Spieler nach Wigan gekommene Spanier den Latics-Rekordspieler aus Österreich halten: „Paul hatte die Vision, die uns hierher gebracht hat.“

Saft der Sieger

Zum Dank bekam Scharner als einziger Spieler einen Tag frei, um mit der angereisten Familie in London zu feiern. Der Rest des Kaders bekam als Siegergetränk lediglich Orangensaft erlaubt. Bei seinem Querdenker aus Purgstall war Martínez sicher, dass er den Freiraum nicht für ein Besäufnis nutzen würde.

Der Mann aus Balaguer kündigte höflich an, dass er jetzt wirklich gehen würde. Ich schüttelte Martínez die Hand und war glücklich.

Diesem Trainer würde ich ab sofort alles zutrauen. Auch den Weltmeister-Titel. Obwohl ich vor der WM auf Frankreich getippt habe.