Sport | Fußball-WM
17.06.2018

Streifzug durch die riesige Stadt der Gegensätze

Von einem russischen Popstar, langen U-Bahnfahrten zwischen verschiedenen Welten und der Erinnerung an vergangene Zeiten.

Emin Agarlov ereilt ein neuerlicher Energieschub, er greift in geschäftlicher Angelegenheit zum Handy, entschuldigt sich für die Unterbrechung des Gesprächs und fährt fort, auf ein Blatt Papier geometrische Figuren zu zeichnen. Ob er denn mit Donald Trump noch im Kontakt stehe? „Nein. Einen US-Präsidenten ruft man doch nicht jeden Tag an.“

Ein Blick durch das und aus dem Büro erinnert daran, wo man sich eigentlich befindet. In der Crocus City, knapp außerhalb des Moskauer Autorings MKAD, also bereits in der Region Krasnogorsk, in einer 90 Hektar großen Satellitenstadt. 14 Hochhäuser werden hier einmal stehen. So sieht es die großzügige Planung jedenfalls vor. Ein Zentrum des Business und Entertainments ist es schon jetzt. Im Inneren der Shopping Mall sind Liebhaber von Luxusartikeln und Normalverbraucher nur durch eine Rolltreppenfahrt voneinander getrennt. Nachgebaut wurden der Times Square von New York, das Rockefeller Center, Schlittschuhlaufen im Sommer inbegriffen. Dann vielleicht doch ein Drink am Yachthafen an der Moskwa.

Alles scheint hier möglich und wird dementsprechend präsentiert. Künstlich geschaffen zwar, aber tauglich als Beweis für die Überlegenheit des Kapitals und des dazugehörigen Systems.

Ein anderes Universum ist es jedenfalls. Dort, wo das alltägliche Bild von Russland verschwindet, man eintaucht in eine Welt der milliardenschweren Geschäfte und Beziehungen zu höchsten Kreisen, die man niemals kennenlernen darf und manchmal auch nicht will. Weil Emin Agarlov Geschäftsmann, aber eigentlich leidenschaftlicher Musiker und einer der größten Popstars Russlands ist, versammeln sich gewonnene Auszeichnungen fein säuberlich aufgereiht im Raum. Von der BBC, zwei Mal für die beste Single, oder einmal für das beste Album in England. Dahinter steht der Vater. Aras Agarlov, aus Aserbaidschan stammender Bauunternehmer und Milliardär, lächelt von der Titelseite des Magazins Forbes. Die WM-Stadien in Kaliningrad und Rostow am Don sind sein Beitrag zu dieser WM.

Weiter im Gespräch. Wie und wann sich die Wege mit Trump eigentlich gekreuzt haben? Ein Treffen, das Jahre später in den russischen Verwicklungen bei Trumps Präsidentschaftswahl eine mediale Rolle spielen sollte.

Reich und schön

Es geschah vor sechs Jahren in Las Vegas. Trump investierte noch in Immobilien und schon längst in klatschhaltige Medienpräsenz. In die Veranstaltung zur Miss-Universe-Wahl 2012 zum Beispiel. Emin Agarlov war zu Gast und suchte gerade eine Schönheit für ein Musik-Video. Also warum nicht gleich die Gewinnerin nehmen, die Amerikanerin Olivia Culpo? „5000 Dollar wollte sie für den Dreh. Pro Tag.“ Agarlov engagierte sie. „Aber nur für zwei Tage.“

Ein Jahr später, Damen-Wahl 2013 in der Crocus City am Rande Moskaus. Die Agarlovs hatten die Lizenz erworben. Und den Ehrengast Donald Trump gleich dazu. Wieder nutzte Emin die Bekanntschaft für seine Musik. Trump sagt als Video-Darsteller im Titel „In Another Life“ einen seiner Lieblingssätze: „You’re fired.“

Befeuert war der Beginn einer verworrenen Geschichte. Eine, in der Emin Agarlov und sein Vater eine Rolle gespielt haben sollen, als eine russische Anwältin behauptete, sie hätte Informationen über Hillary Clinton, also gewinnbringende Informationen für den Konkurrenten Trump im US-Wahlkampf.

Kritisch

Emin Agarlov lächelt. Gewinnbringend natürlich. Ende des Themas. Viel mehr störe ihn das Verhältnis des westlichen Europa zu Russland. „Russland wird immer als Feind dargestellt. Das spricht gegen eine logische und gute Wirtschaftsverbindung.“ Aber was ist mit Trump und Europa? Gute Beziehungen sehen anders aus. „Trump war doch immer ein Geschäftsmann, und er war immer so, wie er jetzt ist. Das ist doch keine Überraschung.“

Investieren will Agarlov künftig in den umweltschonenden Verkehr. Elektro-Autos und die dazu nötige Infrastruktur als Geschäftsidee. Beraten wird er dabei von Georg Redlhammer, einem Oberösterreicher. Auf der „Mobilistic“, der in der Crocus City stattfindenden größten Autoshow Russlands, soll im kommenden August ein Anfang gemacht werden. Eine Zukunftsvision? „Mag sein“, sagt Agarlov, „aber die Menschen werden es annehmen, sobald sie merken, dass ihnen das Geld bringt.“

Zurück zur Metro-Station Mjakinino. Zurück in eine vertraute Welt. Die Türen schließen und sperren die Passagiere in die Vergangenheit. Der Fall des Kommunismus hat vielen Waggons der Moskauer U-Bahn nichts anhaben können. So rumpelt man in unendlich empfundenen zeitlichen Abständen von Station zu Station dem Inneren der riesigen Stadt entgegen. Eineinhalb Stunden braucht man ins Zentrum. Zeit, die früher genutzt wurde, um Bücher auszulesen. Moskau war einst berühmt für sein hohes Leseraufkommen im Untergrund. Heute erledigt das – wie überall auf dieser Welt – das Smartphone.

Nur in der Apartstraße, der ersten Fußgängerzone Moskaus, in der sich die Menschen gegenseitig auf die Füße treten, hält ein laut schreiender Mann die Erinnerung wach. Was er denn da zum Besten gebe? „Puschkin“, sagt einer von vier Zuhörern. Hält den Zeigefinger vor den geschlossenen Mund. Man habe still zu lauschen in solch seltenen Momenten.

Moskau bleibt die Stadt der Gegensätze, zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Bis an die Schmerzgrenze schrill in seinem Mittelpunkt. Abendessen im White Rabbit im 16. Stock, Panna Cotta, dekadent serviert in einer Muschelschale, die ihrerseits in einer mit Eiswürfeln gefüllten, aufsehenerregenden Blechschüssel fast verschwindet.

Zurechtgewiesen

Man denkt an diesen überdimensionalen Lenin, der vor dem Luschniki-Stadion auf einem Sockel stehend den Ankommenden entgegenschaut. Mit strengem Blick. Kein Wunder, zu seinen Füßen tobt der Kapitalismus, die FIFA verkauft ihre Fan-Artikel.

Es reicht.

Zurück ins ziemlich ruhige Hotel. Jedoch der Lebendigkeit beraubt und an dunklere Zeiten erinnert ist, wer einmal einer Metro-Station entstiegen ist, die zum Beispiel wie ein plötzlicher Niesanfall klingt, aber eben doch Nischegorodskaja heißt.