Helden, Highlights, Hoppalas: Die Tops und Flops der WM

Helden, Highlights, Hoppalas: Die Tops und Flops der WM
64 Spiele, 169 Tore, drei Millionen Fans in den elf Stadien – Das war die WM in Russland.

Dobryj wjetschir Rossija, Servus die Wadl’n, Auf Wiedersehen in Katar – Die WM in Russland ist Geschichte, der Champion gekürt. Zeit für einen Blick zurück auf die Highlights und Hoppalas, auf Aufreger und Abräumer, auf Heroes und Zeros. Zeit allerdings auch, um sich schon jetzt von Shorts, Sonnenbrille und Bier zu verabschieden. Die nächste Weltmeisterschaft in Katar findet dann zu ungewohnter Zeit im November und Dezember statt. Public Viewing bei Minusgraden und Glühwein? Die Fans haben viereinhalb Jahre Zeit, sich für diese Art von Fußballschauen zu erwärmen.

Was waren jetzt die Tops und Flops bei dieser Endrunde? Wer fiel auf, wer unten durch?

Die Tops

Standardsituationen
Bei ruhenden Bällen ist viel gelaufen bei diesem Turnier. Die Eckbälle und Freistöße vieler Mannschaften hatten einen außergewöhnlich hohen Standard. Das belegt die Statistik eindrucksvoll – 73 der 169 erzielten Treffer (43 Prozent) fielen nach ruhenden Bällen – das zeigte nicht zuletzt auch das Endspiel mit drei Standardtoren. Die Weltmeister in dieser Disziplin waren freilich die Engländer, die gleich neun Mal auf diese Weise trafen.

Europäer
Diese Weltmeisterschaft machte ihren Namen gegen Ende hin keine Ehre mehr, ab dem Semifinale verkam sie zu einer Europameisterschaft. Wie zuletzt 2006 schafften es nur Mannschaften aus Europa in die Runde der letzten vier. Schon im Viertelfinale waren die Europäer (sechs von acht Teilnehmern) unter sich. Und das, obwohl die vergangenen Weltmeister Deutschland und Spanien strauchelten und Großmächte wie Italien oder die Niederlande gar nicht erst dabei waren. In diesem Jahrtausend kam der Weltmeister erst ein Mal nicht aus Europa: Brasilien 2002.

Atmosphäre
Nachdem russische Hooligans bei der EM 2016 in Frankreich gewütet hatten, war im Vorfeld der WM-Endrunde die Sorge vor Ausschreitungen groß gewesen. Doch Russland präsentierte sich, zumindest während des Turniers, von seiner besten Seite. So wurde die Weltmeisterschaft das, was es sein sollte: Ein Fußballfest.

Kolinda Grabar-Kitarovic
Noch vor wenigen Wochen dürfte die kroatische Staatspräsidentin nur Politik-Insidern ein Begriff gewesen sein, seit ihren sympathischen Aufritten bei der WM kennt die 50-Jährige nun wohl die halbe Welt. Nach dem Finale herzte Grabar-Kitarovic Verlierer wie Sieger, selbst den WM-Pokal busselte sie ab. Im Gegensatz zu anderen Politikern in der Ehrenloge wirkte bei ihr die Begeisterung nicht gespielt.

Last-Minute-Treffer
Da soll noch einer behaupten, dass ein Spiel 90 Minuten dauert. Diese Binsenweisheit aus dem Stammbuch des Fußballs hatte in Russland keine Gültigkeit. Nach der 90. Minute ging’s bei diesem Turnier rund, 19 Tore fielen in der Nachspielzeit.

Iran
Sportlich hat es für das Nationalteam trotz eines 1:1 gegen Europameister Portugal nur knapp nicht zum ersehnten Einzug in die K.-o.-Phase gereicht, dafür gelang in der Heimat ein durchschlagender gesellschaftspolitischer Erfolg. Erstmals seit 1981 war es iranischen Frauen wieder erlaubt, ein Fußballstadion zu betreten.

Videoschiedsrichter
Vielen Fans hatte ja vor dieser technischen Revolution gegraut, zu gut war noch die Pannenserie beim Confederations Cup in Erinnerung, als die Schiedsrichter trotz TV-Assistenz nicht im Bilde waren. Nach diesem Turnier darf festgestellt werden: Der VAR (Video Assistent Referee) hat sich grundsätzlich bewährt. Auch wenn sich darüber streiten lässt, ob durch den Einsatz der Video-Schiedsrichter die Quote der richtigen Entscheidungen tatsächlich von 95,73 auf 99,32 Prozent gestiegen ist, wie die FIFA stolz verkündete.

Die Flops

Finalisten von 2014
Die Tops von Brasilien 2014 gehörten vier Jahre später in Russland zu den Flops. Während der argentinische Teamchef Jorge Sampaoli nach dem Achtelfinal-Aus bereits entlassen wurde, bekommt der deutsche Bundestrainer Joachim Löw trotz des historischen Scheiterns in der Gruppenphase die Chance, für eine Neuausrichtung des Weltmeisters von 2014. Die erste Aufgabe nach der WM-Blamage und der Erdoğan-Affäre rund um Mesut Özil und Ilkay Gündoğan ist gleich einmal pikant: Zum Auftakt der UEFA Nations League bekommt es Deutschland mit Weltmeister Frankreich zu tun (6. September).

Afrikaner
Die fünf Teams vom afrikanischen Kontinent standen im Abseits. Erstmals seit der WM 1982 überstand kein Vertreter die Gruppenphase. Ägypten rund um Superstar Mo Salah war eine von zwei Mannschaften, die punktelos blieben. Pech hatte Senegal mit dem Vorrunden-Aus wegen der Fairplay-Wertung.

Tiki Taka
Einst galt das Motto: Wer den Ball hat, der hat auch die Kontrolle über das Spiel. Russland erlebte nun das Ende der Ära des Tiki-Taka-Fußballs spanischer Prägung. Die Spanier spielten sich in vier WM-Partien 3120 Pässe zu – und sich im Achtelfinale gegen Russland ins Out. Auch Deutschland hatte in allen drei Gruppenpartien mehr als 70 Prozent Ballbesitz – und wirkte dabei trotzdem harm- und hilflos. Auch im Finale hatten die Kroaten häufiger den Ball – und verloren gegen clevere, effiziente Franzosen, die sich auf ihre Defensivstärke und individuelle offensive Klasse verlassen konnten.

Wladimir Putin
Beim Finale tauchte der Schirmherr dieser Weltmeisterschaft wieder einmal im Stadion auf, um dann bei der Siegeszeremonie den französischen Amtskollegen Emmanuel Macron und die kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic im Regen stehen zu lassen. Ist das die berühmte russische Gastfreundlichkeit, von der in den vergangenen Wochen so oft zu hören war?

Videobeweis
So sehr sich die FIFA für die hohe Trefferquote bei Schiedsrichter-Entscheidungen auch rühmen mag, die kroatischen Anhänger werden sich gefrotzelt fühlen. Denn im Finale war dem französischen Freistoß zum 1:0 eine Schwalbe von Antoine Griezmann vorausgegangen, wie jeder in der Zeitlupe sehen konnte. Nur: Laut den FIFA-Anordnungen ist es nicht vorgesehen, dass der Video-Assistent auch bei solchen Fehleinschätzungen einschreitet.

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