Sport | Fußball-WM
05.06.2018

Jogi Löw lässt sich nicht aus der Ruhe bringen

Fünf sieglose Testspiele: Beim Weltmeister ist ein wenig Sand im Getriebe.

Joachim Löw nippte seelenruhig an seinem Espresso, als er im Rahmen einer Livepressekonferenz beiläufig die Namen jener vier Fußballer fallen ließ, die nicht mit zur Weltmeisterschaft nach Russland dürfen. Bernd Leno, Nils Petersen, Jonathan Tah und Leroy Leroy Sané .

Doch so abgeklärt, wie er sich äußerlich vielleicht geben mag, ist der Bundestrainer dann doch wieder nicht. Nach zwölf Jahren im Amt hat Löw zwar schon Erfahrung darin, Spieler kurz vor Turnieren aus dem offiziellen Kader zu streichen, aber auch vor seiner sechsten Endrunde gehen ihm diese Personalentscheidungen noch nahe. „Das tut mir manchmal menschlich ein Stück weit richtig weh“, gesteht der 58-Jährige, „ich sehe die Spieler tagelang im Trainingslager, ich beobachte, wie sie mit Leidenschaft bei der Sache sind und für einen Startplatz kämpfen. Und dann kommt der Tag X, an dem ich ihnen sagen muss, dass sie diesmal nicht dabei sind. Ich verstehe, dass für manchen Spieler in diesem Moment möglicherweise eine kleine Welt zusammen bricht. Aber ich muss als Bundestrainer immer das große Ganze sehen.“

Schlechte Phase

Und da hat der Chefcoach ohnehin genug zu tun. Das 1:2 am Samstag gegen Österreich hat das Selbstbild des Weltmeisters ins Wanken gebracht. Normalerweise weisen die deutschen Medien bei jeder Gelegenheit darauf hin, dass Joachim Löw der erfolgreichste Bundestrainer der DFB-Historie ist, aber wenige Tage vor der WM erinnern nun alle daran, dass der Weltmeister mit fünf sieglosen Partien in Folge gerade die schlechteste Phase seit mehr als drei Jahrzehnten durchlebt.

Zur deutschen Ehrenrettung müsste man freilich auch erwähnen, gegen wen der Champion von 2014 nicht gewonnen hat: Die Testspielgegner England (0:0), Frankreich (2:2), Spanien (1:1) und Brasilien (0:1) werden allesamt als Mitfavoriten auf den WM-Titel gehandelt, und für die Niederlage in Klagenfurt gibt es laut Joachim Löw ebenfalls driftige Gründe. Angefangen von den intensiven Einheiten im Trainingslager in Eppan über die Abwesenheit einiger Stammkräfte bis hin zur fehlenden Feinabstimmung, und: nicht zu vergessen: der couragierte Auftritt der hoch motivierten Österreicher. „Es ist sicherlich nicht so gelaufen, wie wir uns das vorgestellt haben“, gibt aber auch Löw zu.

Gute Bilanz

Großer Grund zur Beunruhigung ist diese 1:2-Niederlage in Klagenfurt dann aber auch wieder nicht. Andere WM-Teilnehmer tun sich gerade ähnlich schwer, und wenn die letzten Jahre und Turniere eines gelehrt haben, dann dass Joachim Löw es noch jedes Mal geschafft hat, seine Mannschaft rechtzeitig für den Ernstfall in Fahrt zu bringen.

Vor allem scheint der 58-Jährige Freiburger die Testspiele wirklich wörtlich zu nehmen. Er nützt sie zum Testen und Experimentieren. Für seine Verhältnisse hat Joachim Löw eine fast schon verheerende Testspielbilanz: In seiner zwölfjährigen Ära verlor Deutschland insgesamt 16 Freundschaftsspiele, Bewerbspiele gingen lediglich neun verloren – das letzte vor zwei Jahren im EM-Semifinale gegen Frankreich.

Joachim Löw scheint sich jedenfalls wenig Sorgen zu machen. Auch wenn manche deutsche Journalisten beim Bundestrainer Nervosität orten wollen, weil er am Montag in Eppan keine Reporterfragen beantwortete. „Ziel ist es, im ersten WM-Spiel gegen Mexiko voll da zu sein“, weiß Löw, „wir werden noch einen großen Schritt nach vorne machen.“