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21.06.2018

Der WM-Ball 2018: Der Star ist eine runde Sache

© Bild: APA/AFP/ADRIAN DENNIS

Telstar 18 heißt das Spielgerät des Turniers und ist ein Mitgrund für viele Tore

Die Zahl 18 trennt 1970 und 2018. Zumindest was die Bezeichnung der Bälle bei den Fußball-Weltmeisterschaften betrifft. Telstar hieß das Leder in Mexiko, Telstar 18 die aktuelle Hightech-Kugel in Russland.

Der erste Telstar war sowohl 1970 in Mexiko als auch vier Jahre später in Deutschland zum Einsatz gekommen. Seinen Namen bekam er vom ersten Kommunikationssatelliten, der 1962 von der NASA für AT&T ins All geschossen worden war. Der Satellit sah aus wie ein Ball mit schwarzen Flecken.

Vor der Einführung des Farbfernsehens war der Ball mit schwarzen Fünf- und weißen Sechsecken eine echte Design-Revolution gewesen. „Der ursprüngliche Telstar ist einer der legendärsten Fußbälle aller Zeiten, der das Fußball-Design nachhaltig verändert hat“, sagt Roland Rommler, Category Director of Football Hardware bei Adidas. Durch das Zusammenspiel von Schwarz und Weiß war der Ball auf den Schwarz-Weiß-Fernsehern besonders gut zu erkennen. 48 Jahre später glänzt der Telstar 18 mit der neuesten Technologie, einem neuen Paneel-Design und einer optimierten Oberflächenstruktur, um bestmögliche Spielbarkeit und den perfekten Grip auf russischem Rasen zu gewährleisten.

Wasserabweisend

Mit der alten Leder-Kugel hat der Telstar 18 nur noch den geometrischen Körper gemeinsam. Leder hat bei den Spielbällen längst ausgedient. Das Material ist das Gleiche wie schon beim Brazuca, WM-Ball 2014 in Brasilien. Der Kunststoff und die Verklebung der Paneele verhindert die Aufnahme von Wasser und somit eine Veränderung der Flug-Eigenschaften.

Genau das war das große Ziel der Entwickler. Kunstschützen wie Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi wollen natürlich, dass der Ball in der 90. Minute bei einem Schuss genauso fliegt, wie in der ersten Minute.

Auf diese Eigenschaft wurden die Bälle intensiv auf allen Kontinenten getestet. Auch in der Schweiz. Ein Telstar 18 wird in einem Spiel zirka 2000-mal getreten. In der Schussanlage der EMPA (Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt) in St. Gallen wurde das simuliert. Mit 50 Stundenkilometern wurde der Telstar 18 gegen eine Metallwand geschossen. Danach wurde der Ball aus einer Höhe von zwei Metern fallengelassen und sein Sprungverhalten dokumentiert. Eine Abweichung von mehr als 1,5 Prozent wurde nicht toleriert. Schließlich wurde der Ball unter Wasser 250-mal gequetscht. Danach musste er immer noch sein Maximal-Gewicht von knapp 450 Gramm haben.

Nachdem der Telstar 18 vor einem Jahr all die Tests bestanden hatte, bekam er das höchste Gütesiegel „Quality Pro“ von der FIFA.

Obwohl die Torhüter bei jedem Ball das Flatterverhalten kritisieren, ist der Telstar 18 in dieser Beziehung berechenbarer. Der Jabulani, WM-Ball 2010, war wesentlich anfälliger dafür. Er war wegen des Designs der Paneele und der geringeren Anzahl an Nähten der rundeste Ball. Dadurch gibt es im Flug kaum Luftverwirbelungen, was für das Flattern verantwortlich ist.

Angewandte Physik

Doch auch der Telstar 18 kann überraschende Flugkurven haben. Das passiert dann, wenn der Schütze die Kugel in der Mitte trifft, sodass sie nicht rotiert und im Flug zum „Wabbern“ beginnt. Martin Camenzind vom EMPA-Labor sagt: „Das ist akkurat angewandte Physik. Die Flugbahn ist eine komplexe und mitunter chaotische Angelegenheit.“ Gute Schützen nutzen diesen Effekt. Und Bälle, die immer die gleichen Eigenschaften haben, tragen dazu bei, dass diese Schüsse trainiert werden können und öfter gelingen.

Herstellung in Pakistan

40 bis 60 Millionen Fußbälle werden jährlich in der Grenzstadt Sialkot hergestellt. Produziert von „Forward Sports“ wird in Sialkot auch der Telstar 18. 3000 Menschen arbeiten in der Fabrik. Der Ballpreis von 149 Euro in Europa entspricht zirka dem monatlichen Durchschnittseinkommen in Pakistan. Sialkot kam auch durch Kämpfe der pakistanische Armee mit indischen Grenzschützern in die Schlagzeilen.

Mehr als doppelt so viele Standard-Tore

Statistik.Die  Berechenbarkeit des Balles für den Schützen hat sich in der Tor-Statistik schon ausgewirkt. Nach der ersten Runde fielen mehr als 50 Prozent der Treffer aus Standard-Situationen. Bei der WM 2014 in Brasilien  waren es 22 Prozent.

Beim 1:0 von Portugal gegen Marokko fiel das Siegestor durch Ronaldo wieder aus einer Standard-Situation. Drei der vier Ronaldo-Tore waren also die Folge von ruhenden Bällen.
Insgesamt wurden bis Dienstag acht Elfmeter  versenkt –  zwei Drittel der Elfertore der kompletten WM vor vier Jahren in Brasilien (12). Verstärkt wird dieser Trend durch den Einsatz des Videobeweises. Vier Elfer wurden bereits nach der Intervention der  Videoreferees  gegeben.

„Die Bedeutung von Standards hat sich unglaublich vergrößert und jedes Team nutzt sie als wertvolles Angriffstool in seinem Team“, schreiben die FIFA-Analytiker in einem Bericht. „Die verteidigenden Teams versuchen, jegliche Freistöße nahe ihres Strafraums zu vermeiden, weil sie sich der großen Gefahr bewusst sind.“

„Wir arbeiten im Training an genau diesen Elementen“, berichtete  Luka Modric über die kroatische Taktik, die zum 2:0 gegen Nigeria führte. Ein Eigentor nach einer Ecke und der Foulelfmeter von Modric entschieden die Partie. „Ecken und Elfmeter sind wesentlicher Bestandteil des Fußballs“, sagte Kroatiens Coach Zlatko Dalic. „Es ist egal, wie du triffst – was zählt ist, dass du triffst.“
Cristiano Ronaldo, Alexander Golowin, Aleksandar Kolarov und Juan Quintero verwandelten ihre Freistöße direkt – damit ist bereits früh die WM 2014 übertroffen (3).

WM-Bälle © Bild: Kurier