Sport
08.03.2012

Freiheitskampf im Boxring

Sadaf Rahimi will für Afghanistan bei Olympia boxen. Die 17-Jährige wird zur Symbolfigur für die Frauenbewegung in ihrem Land.

Wie alles im Leben von Sadaf Rahimi handelt auch ihre sportliche Geschichte vom Krieg. Die junge Frau, 54 Kilo schwer, kräftige Statur, dunkle, große Augen, wird im Sommer in London am ersten olympischen Boxturnier für Frauen teilnehmen.

Als 17-Jährige. Für Afghanistan. Für jenes Land, über das die westliche Welt in den vergangenen Jahren so unendlich viel erfahren hat und das dennoch so fremd ist. Vor vier Jahren stieg Sadaf Rahimi erstmals in den Ring, ihr Kampf begann aber bereits als Kleinkind.

Wenige Monate nach ihrer Geburt übernahmen die Taliban in Afghanistan die Macht. Die radikal-islamistische Bewegung beschnitt alsbald die Rechte der Frauen: Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung, Ausübung von Arbeit – die Beschränkungen waren weitreichend. Das Verbot zur Ausübung von Sport war lange Jahre nebensächlich.

Verbot

Die vierte weibliche Olympia-Teilnehmerin in der Geschichte Afghanistans soll Sadaf Rahimi sein, sofern sie vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) eine Wildcard bekommt. Die Chancen stehen gut. Die Bewegung will und braucht solche Geschichten.

Noch im Jahr 2000 hat das IOC Afghanistan von den Spielen in Sydney ausgeschlossen, nachdem die Taliban den Frauen jegliche sportliche Betätigung verboten hatten. "Sadaf Rahimi repräsentiert in London alle afghanischen Frauen", sagt ihr Trainer Saber Sharifi, "das macht sie zur derzeit größten weiblichen Persönlichkeit im Land." Ihr Gesicht wird in London für die Unterdrückung stehen. Wie das verstümmelte ihrer Landsfrau Bibi Aisha, deren Mann ihr Nase und Ohren abschnitt, als sie ihn verlassen wollte.

Rollenspiel

Sadaf Rahimi kennt ihre Rolle. "Der Unterschied zwischen mir und den anderen ist, dass ich den anderen Ländern zeigen will: Ein afghanisches Mädchen kann kämpfen", sagt sie in ihrem Trainingscamp. Es liegt unweit des Ghasi-Stadions, in dem die Taliban vor wenigen Jahren Frauen öffentlich folterten und töteten, die gegen den Ehrenkodex verstoßen hatten.

"Ich hoffe, sie schlägt sich gut", sagt Yunes Amiri über seine Landsfrau. Der 19-Jährige flüchtete vor fünf Jahren aus Afghanistan, in Wien blieb er hängen. "Langsam sind Fortschritte erkennbar, aber es ist noch immer verdammt gefährlich", sagt Amiri.

Erst vor wenigen Tagen erlitten die Bemühungen einen neuerlichen Dämpfer. Der mächtige Religionsrat im Land unterbreitete der afghanischen Regierung den Vorschlag, die Frauenrechte wieder stärker einzuschränken.

Sadaf Rahimi wird das nicht bremsen. Ihr einziges Zugeständnis im Boxring sind schwarze Strümpfe, die ihre Knie bedecken.

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