Sport | Formel-1
13.04.2017

Formel 1: Immer noch die Königsklasse?

Die Formel 1 gilt als die Königsklasse des Motorsports. Sie erhält aber zunehmend Konkurrenz - vor allem von der MotoGP.

Die Saison 2017 steht für die Formel 1 im Zeichen der Revolution - auf vielen verschiedenen Ebenen. Die auffälligste Veränderung sind die Autos selber. Es gilt das Motto "Breiter, flacher, schneller". Mit höheren Kurvengeschwindigkeiten und dem aggressiven Aussehen kommen die neuen Boliden bei den Fans bisher gut an, selbst wenn man über einzelne aerodynamische Auswüchse (Stichwort: T-Flügel und Heckflosse) sicherlich diskutieren kann.

Aber auch hinter den Kulissen hat sich einiges getan - mit dem Verkauf der Formel-1-Gesellschaft an die amerikanische Liberty Media Group und der Ablöse des langjährigen Alleinherrschers Bernie Ecclestone ist plötzlich Bewegung in die alteingesessenen Strukturen gekommen.

Eines der ersten Anzeichen für den Wechsel? Eine Kleinigkeit: Den Teams ist es erstmals in der Geschichte der Königsklasse gestattet, während der Rennwochenenden selbst Videomaterial anzufertigen und in den sozialen Medien zu verbreiten. Die Blicke hinter die Kulissen kommen bei den Fans bestens an und machen den sonst so distanzierten Sport ein gutes Stück greifbarer.

Das Problem dabei: Andere Rennserien auf WM-Niveau sind der Formel 1 in dieser Hinsicht um Jahre voraus. Ein kleines Beispiel: Die Formel 1, seit 2016 immerhin mit einem offiziellen Facebook-Auftritt, verzeichnet dort knapp über 3 Millionen Fans. Die Motorrad-Weltmeisterschaft MotoGP kommt auf knapp unter 12 Millionen Fans. Selbst die Rallye-Weltmeisterschaft WRC, mit deutlich weniger TV-Präsenz, liegt mit gut 2,5 Millionen Fans nicht weit hinter der Formel 1 zurück.

Was macht die MotoGP besser?

Mit Stars wie Valentino Rossi und Marc Marquez gespickt, erfreut sich die Motorrad-WM vor allem wegen ihrer spannenden Rennen und zahlreichen Überholmanöver großer Beliebtheit. Sicher ist es einfacher, mit einem schmalen Motorrad zu überholen als mit einem zwei Meter breiten Formel-1-Boliden; aber vor allem die Saison 2016 unterstrich eine der herausragenden Qualitäten der MotoGP. Innerhalb von neun Rennen bekamen die Fans neun verschiedene Sieger auf vier verschiedenen Motorrädern - Yamaha, Honda, Ducati und Suzuki - zu sehen. Diese Leistungsdichte, und die Präsenz fast aller weltweit bedeutenden Hersteller - mittlerweile auch KTM - machen die Rennen unvorhersehbar, spannend und damit auch attraktiv.

Zudem holt die MotoGP ihre Nachwuchsstars schon früh ins Rampenlicht. Im Rahmen der WM werden auch die NachwuchsklassenMoto2 undMoto3 sowohl ausgetragen als auch im Fernsehen gezeigt. Nicht nur, dass diese Nachwuchsklassen dank weitgehend einheitlicher Technologie spannenden Motorsport bieten; die Fans lernen die Helden von morgen schon frühzeitig kennen.

Einen jungen Fahrer vom Beginn seiner Karriere bis in die Königsklasse zu verfolgen, schafft einen zusätzlichen Anreiz, den Sonntag vor dem Fernseher zu verbringen. In der Formel 1 läuft die Nachwuchsförderung weit schlechter: Aus der GP2, immerhin die dem Namen nach höchste Stufe auf der Leiter hin zur Formel 1, schaffte kein Champion der letzten drei Jahre den direkten Sprung in die Formel 1.

Von der MotoGP kann sich die Formel 1 nur bedingt etwas abschauen. Lektionen kann man hier vor allem im Bezug auf die sozialen Medien lernen - aber auch auf den Umgang mit Fans an der Rennstrecke. Die Formel 1 hat sich - und das ist ja durchaus legitim - zu einem hochexklusiven Event für die Reichen und Schönen entwickelt. Topstars aus Sport, Film, Fernsehen und Musik sind in der Startaufstellung und in den Boxen gern zu Gast. Bei aller Exklusivität bleibt aber oftmals die Zuschauernähe auf der Strecke.

Konkurrenz auf vier Rädern

Aber auch aus dem "eigenen" Lager regen sich Versuche, der Formel 1 den Rang als Königsklasse des Motorsports abzulaufen. Allen voran die Langstreckenweltmeisterschaft WEC, zu deren Kalender etwa das 24-Stunden-Rennen in Le Mans zählt, erfreut sich in jüngerer Vergangenheit zunehmender Beliebtheit. Ein möglicher Grund? Ähnlich wie in der MotoGP engagieren sich große Hersteller dort. In den vergangenen Jahren nahmen mit Audi, Porsche, Toyota, Peugeot und kurzfristig Nissan wichtige Automobilkonzerne an der Langstreckenweltmeisterschaft teil (auch wenn der Abgasskandal-bedingte Ausstieg von Audi die Serie in eine kleine Krise gestürzt hat).

Auch dieFormel Eschickt sich an, dem Klassenprimus das Wasser abzugraben. Und sie unterstreicht einen der vielleicht schwerwiegendsten Interessenskonflikte in der Formel 1: Den krampfhaften Versuch, sich einen grünen Anstrich zu verpassen. Das aktuelle Motorenreglement ruft bei niemandem Begeisterungsstürme hervor, Fans und Fahrer gleichermaßen rufen nach einem neuen Konzept - nur der Weltverband FIA sperrt sich beharrlich und hält an den V6-Turbo-Hybridmotoren fest. Dabei ist das bestenfalls ein Tropfen auf dem heißen Stein, vor allem neben den zunehmend aufkommenden, rein elektrischen Rennserien.

Was kann die Formel 1 besser machen?

Mit dem Management-Wechsel bietet sich der Formel 1 die Chance, einen neuen Kurs einzuschlagen. Vor allem Ross Brawn, seit diesem Jahr für die sportliche Entwicklung der Formel 1 verantwortlich, ist kein Freund der V6-Motoren und denkt offen über die Einführung hybrid-freier V8-Turbomotoren ab 2021 nach. Auch am Kalender könnten Änderungen bevorstehen - Chase Carey, Geschäftsführer der F1-Gruppe, liebäugelt mit nicht zur WM-Wertung zählenden Rennen, etwa für Nachwuchsfahrer.

Eine wesentliche Änderung wird aber die TV-Rechte betreffen. Carey hat bereits angekündigt, dass die Einnahmen aus den weltweiten Fernsehgeldern in Zukunft anders verteilt werden sollen - den Teams soll ein größeres Stück vom Kuchen zugesprochen werden. Auch die Lizenzgebühren für Rennstreckenbetreiber sollen sinken, um Traditionskurse - vor allem in Europa - zurück in den Kalender zu holen.

Aktuell haben Formel-1-Fans die Möglichkeit, ihre Meinung zu äußern: Unter Fans aus aller Welt wird unter f1survey.motorsport.com eine Umfrage durchgeführt, bei der Fans mitteilen können, welche Entwicklungen sie sich für die Zukunft wünschen und was ihnen an der Rennserie wichtig ist - damit der Titel "Königsklasse" eines Tages wieder unangefochten zutrifft.