© Lupi Spuma

Sport
06/11/2019

Extremes auf zwei Rädern: „Die Schmerzen dauern nur acht Tage“

5.000 Kilometer und 52.000 Höhenmeter durch die USA. Christoph Strasser kämpft um den Sieg beim Race Across America.

Am 11. Juni stürzt sich Christoph Strasser zum neunten Mal in das Abenteuer Race Across America (RAAM). Fünf Mal hat er das Rennen gewonnen, mit einem sechsten Sieg wäre der 36-jährige Steirer alleiniger Rekordhalter. Von der Westküste in Oceanside/Kalifornien bis zur Ostküste in Annapolis/Maryland sind 5.000 Kilometer nonstop zurückzulegen. Nach acht Tagen wird der Sieger im Ziel erwartet.

KURIER: Herr Strasser, sind Sie verrückt oder masochistisch?

Christoph Strasser: Masochistisch streite ich ab. Das Ziel muss sein, das Rennen mit so wenig Schmerzen wie möglich zu bestreiten. Denn Schmerzen machen langsam. Natürlich ist es zwischendurch brutal und schmerzhaft. Dadurch, dass ich sehr viel trainiere, bin ich fit und schnell genug, und die Schmerzen dauern nur acht Tage und nicht zwölf. Über die Eigenschaft „verrückt“ kann man diskutieren. Aber richtig verrückt kann ich nicht sein. Das ist so ein komplexes Unterfangen. Wenn man verrückt ist, hat man unterwegs ein Problem.

Was sind die schlimmsten Momente, die auf Sie warten werden?

Am meisten fürchte ich gravierende Sitzprobleme, also einen offenen Hintern. Schlimm ist auch das sogenannte Shermer’s Neck. Das ist eine bizarre Situation, wenn die Nackenmuskulatur nachgibt und der Kopf plötzlich nach unten hängt. Damit man noch gerade schauen kann, braucht man dann eine Halskrause. Zum Glück ist mir das noch nie passiert. Und dann ist da noch der Schlafentzug mit all seinen Zuständen: Stimmungsschwankungen, Orientierungslosigkeit, Vergesslichkeit.

Kann man Schlafentzug trainieren?

Nein. Aber man kann besser damit umgehen, je öfter man ihn erlebt hat. Im Überlebenskampf oder in anderen Extremsituationen kommen Menschen sehr lange ohne Schlaf aus. Das RAAM ist so eine künstlich herbeigeführte Ausnahmesituation.

Wie haben Sie sich vorbereitet?

In den Monaten seit Dezember bin ich 800 Stunden am Rad gesessen. In der letzten Trainingswoche bin ich 39 Stunden gefahren, teilweise auch hohe Intensitäten. Das ist also ein Vollzeitjob auf dem Fahrrad.

Was ist ihr Antrieb?

Ich sehe das pragmatisch. Für mich ist das Wettkampfsport. Warum spielt Roger Federer immer noch Tennis? Der hat 20 Grand Slams gewonnen! So gehe auch ich an die Sache heran. Ich mache das gern. Es überwiegen die positiven Erfahrungen. Es ist erfüllend, gemeinsam mit einem Team auf ein großes Ziel hinzuarbeiten. Ohne mein Team wäre ich nichts. Und natürlich schiele ich heuer auf die Chance, als Erster zum sechsten Mal zu gewinnen.

Das heißt, Sie würden nach einem möglichen Rekord nicht sagen: „Das war’s“?

Das könnte schon sein. Denn das Rennen birgt Gefahren. In den USA sind es Autofahrer nicht gewöhnt, dass es Radfahrer gibt. Dort ist man der einzige Radfahrer, den ein Lkw-Fahrer in seinem Leben sieht.

Wo lauern sonst noch Gefahren?

Gefährlich kann es in den Rockies werden, wenn man bergab fährt und ein Hirsch steht auf der Straße. Das in Verbindung mit der Müdigkeit … Es hat in 37 Jahren beim Race Across America bisher zwei Todesfälle gegeben. Beide Unfälle sind passiert, weil die Radfahrer mit Sekundenschlaf Verkehrsunfälle verursacht haben. Es ist aber noch nie jemand an Überanstrengung gestorben. Und das wird auch sicher so bleiben. Wenn man nicht mehr kann, kippt man um und schläft ein.

Was sind die schönsten Momente beim Race Across America?

Man kann die Gegend genießen, gerade der Westen Amerikas ist traumhaft schön. Schön ist aber auch, wenn man in den Flow kommt. Wenn man merkt: Ich habe mein halbes Leben darauf hingearbeitet, und jetzt ist der Moment, wo alles funktioniert, wo ich schwierige Passagen meistere, wo ich die Wüste hinter mir lasse. Schön ist es auch wenn man merkt, dass nach jedem körperlichen Tief wieder ein Hoch kommt.

Wie sind Ihre Schlafpausen geplant?

Früher gab es das Motto: Wer schläft, verliert, und wer länger die erste Pause hinauszögert, gewinnt. Wir haben jetzt mehr Mut zur Pause. Meine erste Pause von 20 Minuten lege ich schon nach einem Tag ein. Das reicht für einen Powernap. Ab dem vierten Tag mache ich eine Stunde Pause in der Nacht und 20 Minuten pro Tag.

Wie ist der Moment, wenn man aufgeweckt wird?

Eine Katastrophe. Es ist brutal. Das ist die schwierigste Phase. Die Muskeln sind kalt, die Gelenke sind steif, es tut alles weh. Man ist verwirrt und braucht eine halbe Stunde bis man weiß, wo man ist. Ein gutes Betreuerteam schafft es, dass es mich auf das Fahrrad setzt und dass ich schon kurble, bevor ich weiß, was da eigentlich los ist.

Wie ernähren Sie sich während des Rennens?

Der Kalorienverbrauch liegt bei 15.000 pro Tag. Ich führe etwas weniger wieder zu, damit der Körper keine Flüssigkeit einlagert. Denn dann könnten sich Ödeme bilden, etwa geschwollene Waden oder geschwollene Unterarme. Das kann bis zu einer Lungenentzündung führen, wenn man zu viel trinkt. Deshalb beschränke ich mich auf 20 Liter pro Tag.

Was ist in den Trinkflaschen drinnen?

Vor allem Krankenhausflüssignahrung, die von Pharma-Firmen produziert wird. Das schmeckt nach Schoko und Vanille und hat sich bei uns Langstreckensportlern bewährt. Dazu kommen klassische Sport-Elektrolytgetränke.

Welchen Tipp haben Sie für alle Hobby-Radfahrer, denen der Hintern wehtut?

Ganz einfach: Mehr Rad fahren. Dadurch wird die Haut robuster. Ein natürlicher Tipp ist Hirschtalg, damit es zu keiner Reibung kommt. Und der Sattel sollte richtig gepolstert sein. Zu hart ist nichts, aber wenn der Sattel zu weich ist, sinkt man ein und hat den Druck nicht auf den Sitzknochen, sondern auf dem Nervenstrang. Das ist dann auch schlecht.