Rogan, Wahl-Amerikaner mit österreichischem Pass, ist im Auftrag Brasiliens in Rio.

© KURIER/Florian Plavec

Unterwegs
08/07/2016

Ein Abend mit Markus Rogan in Rio: "Bitte kein Schnaps"

Ein Hotel in Rio, Markus Rogan und der KURIER – Aufzeichnungen eines kuriosen, spontanen Abends.

von Florian Plavec, Philipp Albrechtsberger

"Hallo Burschen, darf ich mich zu euch setzen?" So beginnen viele Abende, auch jener am jüngsten Freitag in einem zweckmäßigen Businesshotel von Rio de Janeiro nahe des olympischen Parks von Barra da Tijuca.

Im Fernsehen beginnt gerade die Übertragung der Eröffnungsfeier der Sommerspiele, Liu Jia wird später mit der rot-weiß-roten Fahne die österreichische Olympia-Delegation anführen. Vor vier Jahren in London war diese Ehre noch Markus Rogan vorbehalten gewesen, und der hat sich jetzt in diesem Businesshotel von Rio de Janeiro völlig unerwartet an den Tisch mit den KURIER-Redakteuren gesetzt.

Es gibt heißes, gegrilltes Fleisch und kaltes, brasilianisches Bier – und ein bisschen Unsicherheit. Worüber reden mit dem erfolgreichsten Schwimmer der österreichischen Geschichte, dem zweifachen olympischen Silbermedaillengewinner von Athen 2004, dem rot-weiß-roten Athleten, der zwischenzeitlich kaum jemanden kalt ließ, dem Wahlamerikaner und Psychotherapeuten, der nun hier in Rio de Janeiro Brasiliens Schwimmer auf dem schwierigen Weg durch Heim-Olympia begleitet?

Was tun? Ein Interview beginnen, gar ein Aufnahmegerät einschalten und dadurch vielleicht diese seltene Spontanität zerstören?

Eher nicht.

Ein Schluck Bier zuerst, dazu ein Stück vom Steak. Später wird es noch ein paar Fotos geben. Viel später.

"2012 hätte ich beim Einmarsch ins Olympiastadion mit der Fahne fast ein Kind vor mir erschlagen, so aufgeregt war ich", sagt Rogan und blickt Richtung Fernseher. London sollte sein letzter großer Wettkampf werden. Er trat ab mit einem Knall. Ein technischer Fehler bei einer Wende bedeutete für den Wiener damals die Disqualifikation. "Von der Organisation her war London toll."

Olympischer Rückblick

Es waren seine vierten Olympischen Spiele. Ein schneller Rückblick, begleitet von ein paar Schluck Bier, bevor das Gesöff endgültig warm wird. "Sydney war schon sehr gut, perfekt organisiert und mit einem tollen Publikum. Athen war unfertig, das hier in Rio ist aber eher billig. Peking war bombastisch, aber ohne Charme."

Rio ist billig, Herr Rogan? "Ich kann freilich nur vom Schwimmstadion sprechen: ganz billige Stahlrohre als Tribünen. Das erinnert mich ein bisschen an die Ski-WM in Bormio. Zu der war ich eingeladen."

Das war im Jahr 2005. Zu der Zeit bestimmten Österreichs Sportschlagzeilen zwei Sportler: Hermann Maier, der Unzerstörbare, und Markus Rogan, der Unkonventionelle.

Diese Zeiten sind lange vorbei. Maier ist noch immer ein Held und Rogan noch immer unkonventionell. Doch Österreich hat er hinter sich gelassen. Er weiß, dass "Kern jetzt Kanzler ist" und dass er "bald noch einmal den Bundespräsidenten wählen muss". Fußball-Meister müsse wohl Salzburg sein, denn "die sollten eigentlich immer gewinnen." Sein liebstes Medium aus der alten Heimat ist die Tagespresse. "Was denen immer zur FPÖ oder zu St. Pölten einfällt, das ist schon sehr lustig", sagt er über das populäre Satiremagazin.

Das Bier schmeckt gut, die Stimmung wird besser. Rogan zeigt Videos auf seinem Smartphone von seiner Arbeit mit depressiven Jugendlichen in Los Angeles. Ein Teenager zerschlägt mit einem Baseballschläger eine Flasche, auf die er seine Sorgen und Ängste geschrieben hat. "Ist doch besser als immer nur reden, oder?"

Gut möglich. Jedenfalls ist es unterhaltsamer. In der Praxis mit Rund-um-die-Uhr-Betreuung gibt es mehr Psychotherapeuten als junge Patienten. Das hat seinen Preis: 39.000 Dollar. Pro Monat.

Olympische Aufgabe

In Rogans Gemeinschaftspraxis kamen auch irgendwann Brasiliens Schwimmer, die sich überfordert sahen, den Druck der Olympischen Spiele in der Heimat zu stemmen. Deshalb sitzt er nun hier in diesem Hotel. Doch schon am Tag darauf wird er auschecken und ins nahe gelegene olympische Dorf einziehen.

Rogan kennt das Leben dort, wenn alle unter Stress stehen und auf engstem Raum leben. "Man muss da sehr aufpassen, wenn man verheiratet ist", gibt er zu, "am Anfang geht’s noch, aber wenn die ersten Bewerbe vorbei sind, geht es schon wild zu." Solche Sätze hört man selten von Olympioniken, von Rogan hört man sie oft.

Stichwort Olympia: "Was ist eigentlich aus den Doping-Nachtests geworden", fragt der mittlerweile 34-Jährige. "In Peking war ich Vierter und ein Russe war Dritter."

Wir, der KURIER, werden dem nachgehen, lautet das vollmundige Versprechen, ehe das vollmundige Bier allmählich aus den Gläsern verdampft.

"Wie wär’s jetzt noch mit Açaí?", fragt der redselige Tischgast. "Bitte jetzt kein Schnaps", antworten die ahnungslosen Schreiberlinge. Nicht wissend, dass diese beerenartige Palmenfrucht als brasilianisches Wundermittel gilt, Kategorie Superfood, wirkungsvoll gegen quasi alles, von Grippe über Haarausfall bis lästige Nachbarn.

Brei zum Abschluss

Serviert wird es in geeister, breiiger Form, gelöffelt wie Eis, allerdings nicht im Businesshotel von Rio de Janeiro. Weshalb Ernährungsexperte und Weltbürger Rogan darauf besteht, in das benachbarte Einkaufszentrum weiter zu wandern.

"Und? Gut, oder?", fragt der edle Spender. "Wwuuper", lautet die freundliche Antwort zum violetten, aber in erster Linie saukalten Brei, der nach Banane und Zwetschke schmeckt. Allein: Mit Açaí gleich zu Beginn wäre dieser Abend wohl anders verlaufen.

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