Charles Leclerc (21) ist der neue Star im Team

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Sport
09/08/2019

Der rote Mythos: Unruhe beim runden Jubiläum Ferraris

Das Ferrari-Team feiert in Monza den 90. Geburtstag. Ein 21-Jähriger stellt die Hierarchien auf den Kopf.

von Florian Plavec

Rot, schnell und das aufbäumende Pferd auf der Karosserie. Ferrari. Es gibt Automobilhersteller, die mehr Tradition haben, die luxuriösere oder noch schnellere Fahrzeuge bauen. Doch es gibt kein Auto, das bei erfahrenen Rennfahrern wie ungeübten Amateuren, bei stolzen Besitzern und neidvollen Passanten stärkere Gefühle auslöst als die rote Göttin von Ferrari.

Heuer feiert die Scuderia das 90-jährige Bestehen des Rennsportteams, der emotionale Höhepunkt der Geburtstagsparty steigt an diesem Wochenende in Monza, beim Heimrennen, nur zwei Autostunden vom Firmensitz in Maranello entfernt. Zehntausende Rotgewandete feierten am Mittwoch die aktuellen Fahrer und die alten Autos vor dem Mailänder Dom, 75.000 sollen am Sonntag an die Strecke kommen.

Die Erfolgsgeschichte der Firma ist eng mit einer Person verbunden: Enzo Ferrari, der als Commendatore (zu Deutsch: Ordensritter) in die Geschichte einging. 1898 geboren, verfiel der Italiener früh den schönen Dingen. Er liebte die Oper, das italienische Essen – und Rennwägen.

Nach dem Ersten Weltkrieg gründete er am 16. November 1929 die Scuderia Ferrari, deren Ziel es war, Fahrzeugherstellern die Teilnahme an Autorennen zu ermöglichen. Zunächst setzte die Scuderia vor allem auf Alfa Romeo. Enzo Ferrari erkannte aber recht bald, dass er seine Qualitäten nicht im Cockpit ausspielen konnte, sondern in der Chefetage.

Der Italiener wurde Boss der Alfa-Romeo-Motorsportabteilung, deren Autos von Sieg zu Sieg rasten und der deutschen Konkurrenz von Auto Union und Mercedes um die Ohren fuhren – vor den Augen eines erzürnten Adolf Hitler. Die Entwicklung eines eigenen Rennwagens wurde durch den Zweiten Weltkrieg gebremst.

Doch danach waren die roten Renner nicht mehr zu stoppen – vor allem in der Formel-1-Weltmeisterschaft, in die man 1950 ein- und aus der man danach nicht mehr ausstieg. 1951 gewann Ferrari erstmals ein Rennen, 1952 holte Alberto Ascari den Titel. Früh erkannte Firmenpatriarch Ferrari die Strahlkraft des weltumspannenden Spektakels.

Im Gegensatz zur Konkurrenz beendete Ferrari noch in den 1970er-Jahren jedes Engagement in anderen großen Rennserien. Die Konzentration der Kräfte gipfelte 1975 in der Euphorie um den WM-Titel von Niki Lauda. Der damalige Rennsportleiter Luca di Montezemolo erinnert sich: "Ich wurde an die Box gerufen, Enzo Ferrari war am Telefon. Er sagte nur: ‚Grazie‘. Ein Wort, das er nicht oft genutzt hat. Um genau zu sein, hat er geweint."

Nicht mehr erlebt hat Enzo Ferrari (1988) die fünf WM-Titel von Michael Schumacher (2000–2004). 2007 feiert das Team mit dem Gewinn der Fahrer-WM durch Kimi Räikkönen einen bislang letzten Höhepunkt; der letzte Ferrari-Sieg in Monza liegt auch schon neun Jahre zurück (Alonso 2010).

"Der Ferrari ist ein Traum. Die Leute träumen davon, dieses spezielle Fahrzeug zu besitzen, und für die meisten wird es ein Traum bleiben, abgesehen von ein paar wenigen Glücklichen."

"Ich baue Motoren und schraube Räder dran. Aerodynamik ist für Leute, die keine Motoren bauen können."

"Jeder träumt davon, einen Ferrari zu fahren. Das war von Anfang an meine Absicht."

"Ich habe in der Tat kein Interesse an einem Leben außerhalb von Rennwagen."

"Was hinter dir ist, ist egal. Niemand erinnert sich daran, wer Zweiter wurde."

"Rennwagen sind weder schön noch hässlich. Sie sind dann schön, wenn sie gewinnen."

"Der Kunde hat nicht immer Recht."

"Ich fahre nicht nur, um von A nach B zu kommen. Ich genieße es, zu spüren, wie das Auto reagiert."

"Ich möchte ein Auto bauen, das schneller ist als alle anderen, und dann möchte ich sterben."

Die große Chance

Doch selten zuvor standen die Siegchancen so gut wie heuer. Auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke können die Ferrari ihre Power ausspielen. Doch es ist nicht alles eitel Wonne. Während Mercedes-Star Lewis Hamilton unbeeindruckt seinem sechsten Titel entgegenfährt, ist bei Ferrari der Kampf um die Nummer 1 entbrannt.

Sebastian Vettel (32), vierfacher Weltmeister und als klarer Leader in die Saison gestartet, scheint mit Charles Leclerc (21) nicht mehr mithalten zu können. Der Monegasse gewann in Spa sein erstes Rennen, Vettel musste Helferdienste leisten. Beide Fahrer beteuerten in Monza noch, "miteinander und nicht gegeneinander" zu arbeiten.

Das sei ihnen auch geraten. Denn wie sagte doch Enzo Ferrari? "Kein Pilot ist größer als die Scuderia."