Darabos: "Keine Olympiatouristen mehr"

Darabos: "Keine Olympiatouristen mehr"
Der Sportminister plant die Totalreform der Sportförderung, damit Österreich 2016 Medaillen gewinnen kann.

London calling. Der Verteidigungs- und Sportminister, der diese Woche im Burgenland urlaubt, meldet sich mit "Darabos" und fordert nach der Olympia-Pleite eine Totalreform im Sportförderungssystem.

KURIER: Herr Minister, Österreich wird erstmals seit 1964 bei Olympischen Spielen keine Medaille gewinnen. Wie gehen Sie als Sportminister mit dieser Pleite um?
Norbert Darabos: Natürlich ist das Ergebnis nicht erfreulich, sondern ...

Peinlich?
Enttäuschend. Peinlich würde ich nicht sagen. Alle Sportler, die da waren, haben ihr Bestes gegeben. Das war halt manchmal zu wenig. Wir waren nicht pauschal peinlich. Nach den anfänglich wirklich schlechten Ergebnissen ist der Druck für die Sportler, die später dran gekommen sind, sehr groß geworden. Schade, dass die Kanutinnen keine Medaille geholt haben, aber ein fünfter Platz ist ein tolles Ergebnis. Auch die vierten Plätze von Dinko Jukic und Delle Karth/Resch sind beachtlich. Ebenso der Finaleinzug von Beate Schrott im Hürdensprint. Wenn alle so abgeschnitten hätten, wäre ich zufrieden.

Folgerichtig sind Sie unzufrieden. Oder?
Ja, selbstverständlich. Wenn ich jetzt höre, dass das ÖOC versucht, alles schönzureden, muss ich mich schon wundern.

Zum Beispiel?
Dass wir mehr vierte, fünfte und was weiß ich Plätze hatten als in Tokio 1964 und deshalb ja gar nicht so schlecht abgeschnitten haben sollen. Das ist Unsinn. Wir dürfen jetzt nicht zur Tagesordnung übergehen, sondern müssen rechtzeitig die Strukturen ändern, damit wir in Rio 2016 Medaillen gewinnen können. Sonst stehen wir wieder auf einer Stufe mit Luxemburg. Die werden in London auch nichts gewinnen.

Mit welchen Maßnahmen soll das gelingen?
Mit einer Totalreform der Sportförderung. Nur zwei von 60 Fachverbänden garantieren olympische Medaillen – der Skiverband und der Rodelverband. Das kann nicht sein. Wir müssen aufhören, unkontrolliert mit der Gießkanne drüberzufahren.

Was heißt das?
Prime-Sportarten, die die Parameter Beliebtheit, Olympia-Tauglichkeit und Wichtigkeit in Österreich erfüllen, sollen stärker gefördert werden als andere. Für die anderen wird dann zwar weniger übrig bleiben, aber es muss niemand Angst haben, dass er komplett durchfällt.

Welche Sportarten haben Sie da im Visier?
Das ist legitim, dass Sie das fragen. Aber das möchte ich noch nicht sagen.

Stimmt es, dass Sie ein Konzept ausarbeiten ließen, das seit mehr als einem Jahr fertig ist? Warum wurde es noch nicht umgesetzt?
Ja. Es kommen aber immer neue Änderungswünsche von der BSO, der Bundessportorganisation. 17 Stück sind es bereits. Die BSO will ihre Autonomie nicht verlieren. Bisher hat das aus deren Sicht so funktioniert: Her mit dem Geld und wir machen eh das Beste draus. Es ist augenscheinlich, dass unterm Strich null übrig bleibt und rauskommt. Hoffentlich wachen jetzt die letzten Blockierer und Verhinderer auf. Was ich mir wünsche: Dass sie Professionalisierung automatisch als Staatssport auslegen.

Haben Sie sich diesbezüglich etwas vorzuwerfen?
Vielleicht bin ich zu konsensorientiert vorgegangen. Aber jetzt ist mir die Geduld fast gerissen, ich werde mit offenem Visier kämpfen. Sonst sehe ich für Rio schwarz. Das Konzept wird jetzt mit dem Koalitionspartner ÖVP abgeklärt, diskutiert und ins Parlament gebracht werden. Ich will das heuer noch in Gesetzesform gießen.

Was hat Sie besonders geärgert, wenn Sie die Spiele in London 2012 Revue passieren lassen?
Dass sich Leute, die einen 20., 25., 30. Platz erreicht haben, vor die Kamera hinstellen und sagen, wie sehr ihnen nicht die Atmosphäre im olympischen Dorf gefallen hat. Das ist am Beruf vorbei. Durch das neue Sportförderungsgesetz soll gewährleistet werden, dass Österreich keine Olympiatouristen mehr produziert.

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