Sport 08.02.2018

Der Basketballer, der den Protest ins Weiße Haus trug

Craig Hodges war einer der besten Distanzschützen der NBA. © Bild: YouTube/Zarychta Highlights

Drei Spieler der Philadelphia Eagles kündigten an, nicht mit ihrem Team das Weiße Haus zu besuchen. Craig Hodges hat das 1992 schon gemacht und einen hohen Preis bezahlt.

Craig Hodges wäre stolz. Der Basketballer, der 1991 und 1992 mit den Chicago Bulls die NBA-Championship gewann, war in den 1990ern einer der wenigen US-Sportler, der durch politische Statements auffiel. Die Zeiten haben sich geändert. 2016 machte Colin Kaepernicks Protest, nicht mehr für die US-amerikanische Hymne aufzustehen, Schlagzeilen und brachte zahlreiche NFL-Profis dazu, es ihm gleichzutun.

Malcolm Jenkins, Chris Long und Torrey Smith von den Philadelphia Eagles, die von Sonntag auf Montag den Super Bowl gewannen, haben angekündigt, aus Protest gegen die Politik Donald Trumps auf den traditionellen Besuch im Weißen Haus zu verzichten. Schon letztes Jahr war Devin McCourty von den New England Patriots aus denselben Gründen die Reise nach Washington DC nicht angetreten.

Noch stärker fiel der Protest in der NBA, der US-amerikanischen Basketballliga, aus. Nachdem Trainer und Spieler der Golden State Warriors, darunter Superstar Stephen Curry und Headcoach Steve Kerr Trump mehrmals scharf kritisert hatten, lud er die Mannschaft nach deren Titelgewinn im Mai 2017 gar nicht erst ein. "Curry zögert, deshalb ist die Einladung zurückgezogen", twitterte der Präsident der USA damals.

Brief an den Präsidenten

Doch es begann eben nicht mit Trump. Als Hodges mit den Bulls, um Michael Jordan und Scottie Pippen, als NBA-Meister 1992 in Weiße Haus eingeladen wurden, saß George H. W. Bush im Oval Office. In dessen Amtszeit fiel nicht nur der US-amerikanische Krieg gegen den Irak, sondern auch die, auf Video dokumentierte, brutale Festnahme des Afroamerikaners Rodney King in Los Angeles. King wurde 50 Mal mit dem Schlagstock geschlagen, sechs Mal getreten.

Den vier verantwortlichen Polizisten wurde der Prozess gemacht, sie alle wurden freigesprochen. Hodges wollte diese Dinge ansprechen, also begleitete er seine Mannschaft. Er trug eine Dashiki, ein traditionelles westafrikanisches Gewand, das schwarze Bürgerrechtsaktivisten in den USA als Symbol ihrer afrikanischen Abstammung trugen. Georg W. Bush, Sohn des damals amtierenden Präsidenten und von 2001 bis 2009 selbst US-Präsident, fragte Hodges woher er denn sei. "Chicago Heights, Illinios", antwortete dieser.

Doch Hodges hatte eben noch mehr zu sagen, er hatte einen Brief an den Präsidenten mitgebracht, in dem er die Diskriminierung von Minderheiten in den USA anprangerte. Zehn Seiten wäre er lang gewesen, er hätte ihn der Presseverantwortlichen von Bush gegeben, erzählte Hodges später. Gelesen hat Bush den Brief nie, glaubt der zweimalige NBA-Meister, aber er hätte es probieren müssen. Es war auch nicht die Ignoranz des Präsidenten, die Hodges die Karriere kostete, sondern die der NBA.

Denn der Shooting Guard beschränkte seinen Aktivismus nicht auf das Weiße Haus. Immer wieder versuchte er Liga-, und Teamkollegen davon zu überzeugen, einen Teil ihrer Einnahmen an Projekte in der schwarzen Community zu spenden und sich mehr politisch zu engangieren. Nachdem die vier Polizisten im Fall Rodney King freigesprochen wurden, ließ sich Michael Jordan nicht zu einer klaren Ansage hinreißen. "Ich muss mich erst besser informieren", sagte er nur.

Hodges kritiserte Jordan offen, der New York Times sagte er: "Er macht es sich zu leicht". Wenig später gewannen die Bulls den Titel und besuchten Bush. Hodges durfte mit, das Team aber verlängerte seinen Vertrag nicht. Zu diesem Zeitpunkt war er 32 Jahre alt, aber noch immer einer der besten Drei-Punkt-Schützen der Liga. Trotzdem wollte ihn auch kein andere NBA-Club, der amtierende NBA-Champion und Sieger des Drei-Punkte-Wettbewerbs stand ohne Verein da. 600.000 US-Dollar hatte er in der Saison 1991/1992 verdient, im Jahr darauf keinen Cent.

Comeback als Trainer

Craig Hodges verstand die Welt nicht mehr - und er war nicht der einzige. Sein Coach, Phil Jackson, sagte wenig später: "Es ist wirklich ungewöhnlich. Ja, er war defensiv nicht so gut, aber das sind viele Spieler in unserer Liga nicht. Aber aus der Distanz so werfen wie er, das können die Wenigsten." Hodges Verdacht war, dass Jordan gemeinsam mit seinem Agenten, Dave Falk, dafür sorgte, dass er kein Team mehr fand. 1996 klagte Hodges die Liga, er würde wegen seinem politischen Aktvismus keine Anstellung mehr finden und damit diskriminiert werden. Zum Prozess kam es nie, der Richter wies die Klage ab: Diskriminierungsfälle verjähren nach zwei Jahren, so hieß es, Hodges hätte zu lange gewartet.

Als Spieler fand der Shooting Guard kein Team in der NBA, erst als Trainer kehrte er zurück. Zwischen 2005 und 2011 war er Assistenzcoach bei den Los Angeles Lakers und gewann zwei Mal die Meisterschaft. Währenddessen ist auch ein anderer Wunsch von Hodges ist wahrgeworden, die aktuelle Generation der US-Profisportler ist politisch wesentlich engagierter als die 1990er: "Die meisten Athleten meiner Zeit waren egoistisch und haben nur an die eigene ökonomische Situation gedacht", sagte Hodges letztes Jahr dem britischen Guardian.

Doch je mehr die Dinge sich ändern, desto mehr bleiben sie auch gleich. Colin Kaepernick fand nach seiner Vertragsauflösung mit den San Francisco 49ers im März 2017 kein Team mehr. Im Sommer reichte der Quarterback klage gegen die 32 NFL-Teams wegen Absprache ein. Sie hätten ihn, so sein Vorwurf, seiner Möglichkeit einer Anstellung beraubt, weil er politisch tätig ist. "Er spricht für Leute, die selbst nicht gehört werden würden. Jetzt nimmt man ihm seine Plattform weg", sagt Hodges. "Ich kenne das Gefühl, es bricht dir das Herz".

( kurier.at , ma ) Erstellt am 08.02.2018