Sport | Bundesliga
26.11.2017

Djuricin: "In der Volksschule bin ich schon"

Aus einer vermeintlichen Notlösung wurde rasch ein erfolgreicher Trainer. Wie war diese Entwicklung bis zum heutigen Härtetest gegen Salzburg möglich? Der Rapid-Chefcoach im KURIER-Porträt.

Ein Rapid-Trainer muss Schmerzen ertragen können. Härte zeigen. Dachte zumindest Goran Djuricin.

Es war einige Tage nach dem Canadi-Rauswurf, bei der Vorbereitung auf das Altach-Heimspiel. Djuricin war nach dem 0:3 in Ried nicht – wie er selbst erwartet hatte – mitgeflogen, sondern von Fredy Bickels Gnaden zum Interimscoach aufgestiegen. Das in Hütteldorf unbekannte Horrorwort "Abstiegskampf" hat sich in den Köpfen der verunsicherten Spieler festgesetzt.

Djuricin will die Stimmung heben und den Profis zeigen, dass er auch noch ein bissl kicken kann. Hösche! Für fußballferne Schichten: Fünf Spieler lassen den Ball laufen, zwei weitere laufen im Kreis hinterher, bis sie den Ball erwischen. Djuricins Problem: Die Jugend von heute lässt ihn alt aussehen.

Der 43-Jährige läuft ewig hinterher, bis er mit einem Spieler zusammenstößt und auf die Schulter fällt. "Ich weiß nicht mehr, wer es war, weil mir gleich schwarz vor den Augen wurde." Aber: Nur keine Schwäche zeigen, weiter geht’s! Altach wartet!

Große Emotionen

Über sein Debüt als Chef sagt der Ex-Stürmer: "Das waren die größten Emotionen überhaupt. Nach meiner Ansprache vor dem Spiel war ich völlig leer. Aber ich hatte das Gefühl, dass die Jungs am liebsten die Eisentüren im Stadion fressen würden."

Beim Jubel über das 3:0 kann Djuricin die Hand kaum heben. Auch Wochen später schmerzt die Schulter noch. Das erinnert an die Profikarriere des ehemaligen Austria-Talents: "Ich war von den sechs Jahren viereinhalb verletzt." In der Sommerpause verrät der Donaustädter Rapid-Arzt Benno Zifko sein Geheimnis. Die Diagnose: Sehnenriss. "Wir sollten das operieren." Jetzt? Sicher nicht!

Djuricin ist mittlerweile zum Cheftrainer aufgestiegen, da kann er doch nicht in Krankenstand gehen. Der neu verpflichtete Athletikcoach Toni Beretzki meint: "Gogo, das mach’ ma schon" und stellt ein Reha-Programm zusammen. Seither trainiert Djuricin seinen ohnehin auffällig muskulösen Oberkörper – und hält mit gerissener Sehne den Laden zusammen.

Historische Werte

Heute wirken Djuricin und seine Rapid bärenstark. Gegen die wieder meisterlich auftretenden Bullen aus Salzburg folgt nach zwölf Pflichtspielen ohne Pleite der absolute Härtetest. Was der Ex-Trainer von Ostligist Ebreichsdorf seit dem schmerzhaften Start im April geschafft hat, ist beachtlich.

Als er im September vom KURIER damit überrascht wird, den besten Start eines Rapid-Trainers seit Ernst Dokupil im Jahr 2000 hingelegt zu haben, kann er es nicht glauben. Die folgende Siegesserie hob den Punkteschnitt auf aktuell 2,0 Zähler pro Partie. In Vor-Red-Bull-Zeiten war das der Schnitt eines Meistertrainers.

Dabei wurde dem Vater von Grasshoppers-Legionär Marco erst gestern das UEFA-Trainerdiplom verliehen. Bereits am Tag zuvor hatte es eine Adelung durch Sportdirektor Bickel gegeben: "Ich finde es fast unheimlich, wie Gogo jeden Tag versucht, sich zu verbessern. Es geht in allen Bereichen sehr schnell voran." Bickels Ausblick: "Wenn er so weitermacht, wird es bald schwer für uns, Gogo bei Rapid halten zu können."

Die Spuck-Affäre

Dabei hatten noch viele im August den Rauswurf des "Trainerlehrlings" gefordert.

Djuricin (laut Selbsteinschätzung "ein Häferl") hatte sich beim 2:3 gegen die Admira von seinem alten Bekannten Walter Franta provozieren lassen. Dieangedeutete Spuck-Attacke auf den Tormanntrainer war eines Rapid-Trainers nicht würdig, die folgende Entschuldigung zwar ehrlich, aber die Erklärung ("eine Geste aus dem Kulturkreis, in dem ich meine Wurzeln habe") patschert. Vor allem, wenn sie von einem gebürtigen Wiener kommt. Bickel blieb ruhig und meinte: "Gogo lernt schnell." Subtext: Das darf und wird nie wieder passieren.

Djuricin selbst meint: "Ich weiß, dass ich kein Intellektueller bin, aber ich bin intelligent: Ich weiß um meine Schwächen und versuche alles, um sie zu beheben."

Medien-Schule

Bereits vor der Spuckaffäre fiel dieser Wissensdurst einem Medien-Profi auf: Der langjährige Bayern-Pressechef Markus Hörwick hatte bei der ÖFB-Trainerausbildung referiert. Djuricin nahm sich danach auf eigene Kosten einen externen Berater, der ihn gemeinsam mit Rapid-Kommunikationschef Peter Klinglmüller durch die tagtäglichen Gefahren und Chancen eines öffentlichen Lebens begleitet. Im Mai hatte Djuricin seine Öffentlichkeitsarbeit im KURIER-Interview "auf der Baby-Stufe" verortet. Der neue Stand: "In der Volksschule bin ich schon. Aber in diesem Bereich noch weit weg von der Matura."

Auch bei der inhaltlichen Arbeit strebt Djuricin nach Verbesserung – und setzte sich für die Rückkehr von Altachs Co-Trainer Thomas Hickersberger mit Jahreswechsel ein: "Ich habe 1997 bis 1999 mit Hicke in Steyr gespielt. Er ist top und ein echter Rapidler. Es war das Wichtigste für mich, dass er zurückkommt." Djuricins Plan: "Was Zoki Barisic und er für Rapid geleistet haben, war großartig. Wenn wir durch Hicke das Beste aus der Barisic-Ära rausziehen können und das mit meiner Spielauffassung verbinden, macht uns das alle besser."

Causa Hofmann

Djuricins größte Stärke ist sein soziales Gespür, sein menschlicher Umgang.

Besonders gefordert ist er derzeit gegenüber Steffen Hofmann. Mit Beginn der Erfolgsserie rutschte der Ehrenkapitän als siebenter (und damit überzähliger) Legionär auf die Tribüne. "Wenn ich ihm sage, dass er wieder nicht im Kader steht, ist das für ihn schlimm und auch für mich schwierig", sagt Djuricin.

Zum Einstand hatte er den Spielern Ehrlichkeit versprochen. Zuletzt gab es ein langes, offenes Gespräch mit Hofmann. Djuricin erklärte, warum die anderen Legionäre für seine Matchpläne wichtiger sind. "Steffen gibt jeden Tag alles. Dass er trotz seiner Enttäuschung keine Unruhe in die Mannschaft trägt, rechne ich ihm extrem hoch an."

Lob vor dem Wiedersehen der Gebrüder Berisha

Zum vierten Mal in Folge leitet Markus Hameter ein Rapid-Heimspiel gegen Salzburg. Eine von vielen beachtlichen Serien, die ab 16.30 Uhr im vollen Allianz Stadion auf dem Prüfstand stehen: Rapid ist seit zwölf Pflichtspielen ungeschlagen, Salzburg seit 16. Rapid ist seit sieben Duellen gegen den jeweiligen Leader sieglos und hat seit dem Abriss des Hanappi-Stadions Salzburg nicht mehr in Wien geschlagen. Allerdings muss der Favorit Samassékou und Wolf vorgeben.

Für Rapid-Trainer Goran Djuricin ist Valon Berisha der größte Trumpf des Serienmeisters: "Für mich ist er der Beste. Ein großartiger Kicker, der fleißig ist und offensichtlich nie müde wird." Aber auch Valons Bruder Veton wird von Djuricin gelobt: "Es erinnert mich an Auer: Da haben auch viele lange nicht anerkannt, wie wertvoll seine Läufe und die taktische Reife sind." Da Schaub und Schobesberger wieder fit sind, wird es spannend, welche Rolle Berisha bekommt.