Sport | Bundesliga
28.05.2017

Djuricin: "Ich war immer nur blöd im Kopf"

Der neue Rapid-Cheftrainer spricht über Höhen und Tiefen in seinem Leben, den Wert der Wahrheit und Vorgänger Damir Canadi.

Goran "Gogo" Djuricin hat den Optimismus nach Hütteldorf zurückgebracht. Ja, sogar den Cupsieg gegen Salzburg am Donnerstag trauen sich die Rapidler mit ihrem neuen Chefcoach zu. Gefeiert wird jedenfalls heute beim Ligafinale gegen St. Pölten der neue Rekord-Rapidler Steffen Hofmann. Der Stimmungsumschwung unter Djuricin erklärt sich auch mit dem Leben des Wieners. Im KURIER-Interview spricht der 42-Jährige darüber.

KURIER: Welche drei Attribute sind 2017 die wichtigsten für einen Profifußballtrainer?

Goran Djuricin: Erstens: Soziale Kompetenz – der Umgang mit dem Menschen ist das Wichtigste, in jedem Beruf. Zweitens: Fachwissen – auch wenn viele Kollegen diesen Bereich auf Platz eins reihen. Und drittens: Stressmanagement, da geht es um das Delegieren und selbst Reflektieren. Die bei Rapid besonders wichtige Öffentlichkeitsarbeit gehört da auch dazu.

Haben Sie sich in den ersten sechs Wochen bei öffentlichen Auftritten verbessert?

Definitiv, da muss man sich nur meine ersten Interviews anschauen. Ich bin aber trotzdem noch in der Baby-Stufe. Ich bin mit meiner Wortwahl kein Philosoph oder Jurist, aber ich kompensiere das mit meiner ehrlichen Art: Ich erzähle die Wahrheit. Und ich werde täglich sicherer.

Darf ein Rapid-Trainer immer die Wahrheit sagen?

Okay, öffentlich nicht immer, aber den Spielern schon. Wenn ich lüge oder mich verstelle, kommt das zurück. Dafür bin ich zu alt.

Wie meinen Sie das?

Jeder glaubt irgendwann im Leben, dass er ein Spiel zu spielen hat. Ich war als Junger arrogant: Ich war Profi, selbstbewusst und hatte einen Körper wie Adonis. Darum bin ich Spielern nicht böse, wenn sie manchmal so sind wie ich früher. Jetzt bin ich ein demütiger Mensch.

Sie wurden im KURIER im Herbst als Ebreichsdorf-Trainer vorgestellt, der auf seine Chance warten muss ...

... das hat unglaubliche Wellen geschlagen. Ich wollte darauf hinweisen, dass in Deutschland große Vereine erfolgreiche Trainer aus der dritten Liga oder dem Nachwuchs holen. Den Gedanken "Nehmen wir halt einen Ex-Internationalen" gibt’s nicht mehr. In Österreich schon. Deswegen bin ich auch Damir Canadi dankbar, dass er sich als einer der Ersten hochgearbeitet hat. Vielleicht sind wir ehrgeiziger und noch mehr bereit, jeden Tag hart dafür zu hackeln, besser zu werden.

Warum gingen Sie als Nachwuchs-Trainer weg von Rapid?

Andi Heraf hat mich als "Co" nach Pasching mitgenommen. Da war ich als 30-Jähriger Feuer und Flamme und konnte Erfahrung sammeln. Spieler wie Baur und Gilewicz waren älter als ich.

Was haben Sie daraus gelernt?

Dass sie auch nur Menschen sind – die oft sogar sensibler sind als Amateure. Dass soziale Kompetenz unglaublich wichtig ist. Dass man mehr rausholen kann, wenn du sie öfter "streichelst".

Klingt so, als würden Sie über den Rapid-Kader reden.

Genau. Ich brauche so eine Mannschaft wie diese! Ich fühle mich so wohl, weil ich viel Energie investiere – und sehr viel zurückkommt. Ich will aber eines betonen.

Und zwar?

Dass ich nicht der liebe Onkel Gogo bin. Wenn mich jemand öfters ausnützt, unehrlich ist oder persönlich angreift, bin ich haß. Brennhaß! Dann hört er das so, dass er das lange nicht vergessen wird – puh, da will ich mir nicht gegenüber sitzen! Mittlerweile bin ich geduldiger, aber da kann das Straßenkind rauskommen.

Apropos Straßenkind: Sie hatten zehn Geschwister. Hat Sie das auch als Trainer geprägt?

Sicher! Ich bin der Jüngste. Bis auf einen Bruder sind alle Halbgeschwister. Aber das würde ein "Jugo" nie sagen, das ist unser Blut. Ich hab als 14-Jähriger auf Nichten und Neffen aufgepasst. Ich hab’ immer Verantwortung übernommen. Obwohl ich chaotisch war. Da sind Verwandte nach dem Jugoslawien-Krieg gekommen, und ich bin auf Ämter gefahren, habe übersetzt. So hab’ ich gelernt, mit Menschen umzugehen und wie wichtig Respekt und Kommunikation ist.

Sie waren 18, als Sohn Marco kam. Wie wirkte sich das aus?

Ich war jung und viel unterwegs, obwohl ich große Verantwortung gehabt hätte. Mit 24 kam wegen den Verletzungen das Aus als Profi – und ich hab nix anderes gelernt. Wenn du in einer jungen Ehe finanzielle Schwierigkeiten hast, das ist das Schlimmste. Da waren Schulden da, das Konto war ständig auf Minus. Das war ganz eine schwierige Zeit.

Sie wissen also, wie es auf dem AMS zugeht?

Ja, 18 Monate lang! Am Anfang hatte ich als Ex-Profi noch 13.000 Schilling Arbeitslose. Trotzdem war ich extrem froh, dass ich durch einen Freund den Job bei der PVA bekommen hab’ – obwohl nur 11.000 Schilling als Lohn blieben. Dazwischen habe ich mit einem Freund im 23. Bezirk Flaschen eingeschlichtet. So wie ich bin, hab ich da auch Spaß gehabt. Ich war immer nur blöd im Kopf. Das hat mir in schweren Zeiten aber auch geholfen, durchzukommen.

Vermutlich bekommt durch so ein Leben Loyalität einen besonderen Wert. Haben Sie überlegt, ob Sie mit Damir Canadi gehen, weil er Sie geholt hat?

Wenn Damir mein Freund wäre, hätte ich in der Sekunde aufgehört. So wie damals in Parndorf als Assistent von Heraf. Ich hätte sein Nachfolger werden sollen, aber ich hab’ gesagt: "Nein! Ich mach’ nur die Saison fertig." Damir war aber nicht mein Freund – er war mein Chef.

Wieso konnten oder durften Sie unter ihm nicht mehr von Ihrer Art einbringen?

Weil es oft eine Hierarchie gibt. Wenn der Chef etwas sagt, dann ist das halt so.

Man kann es aber auch anders gestalten. Assistent Martin Bernhard spielt bei Ihnen eine wichtigere Rolle, obwohl er eigentlich ein "Canadi-Mann" war.

Er ist eine große Hilfe! Vier Augen sehen mehr als zwei. "Butre" ist zehn Jahre im Geschäft. Ich wäre blöd, wenn ich das nicht nutzen würde. Es kommt aber auch vor, dass wir nicht einer Meinung sind, ewig diskutieren und ich dann entscheide.

Stimmt es, dass Sie bei der Heimfahrt aus Ried dachten, es wäre Ihr letzter Tag bei Rapid?

Ja. Ich hab’ mir gedacht: "Jetzt werden wir alle rausgeschmissen." Damir hat es getroffen, mich wird’s auch irgendwann treffen. Ich bin Damir dankbar, dass er mich geholt hat. Sonst würde ich heute nicht hier sitzen. Und ich hab’ viel gelernt von ihm.

Sehen Sie mehr Positives, wenn Hofmann weitermacht? Oder überwiegt das Minus, wie der besetzte Legionärsplatz?

Es gibt noch Gespräche, um seine Rolle zu definieren. Ich glaube, dass er noch sehr wichtig sein kann. Nicht nur sportlich, sondern auch mental für die Jungen. Ich werde ihn weiter sehr respektvoll behandeln. Wenn ich seh’, er ist gut drauf, dann spielt er – und hilft so wie in Mattersburg. Wenn er nicht spritzig wirkt, dann spielt er nicht. Wenn er damit leben kann, haben wir alle kein Problem.