Sport
04.12.2017

Betroffene in Causa Seisenbacher: "Totschweigen hilft niemandem"

In der laufenden Missbrauchs-Debatte melden sich nun zwei Betroffene in der Causa Seisenbacher zu Wort.

In der laufenden Debatte um Missbrauch im Sport melden sich nun erstmals zwei Betroffene in der Causa Peter Seisenbacher zu Wort. Sie wurden laut rechtskräftiger Anklage von ihrem Trainer, dem prominenten Judo-Doppelolympiasieger, als damals noch unmündige Mädchen schwer sexuell missbraucht. Sie fordern, dass sich bei Übergriffen auf Nachwuchssportler die betroffenen Verbände diesem Thema stellen.

"Es ist keine Lösung, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Totschweigen und Aussitzen hilft niemandem", betonen die Betroffenen, die mit ihrer Identität nicht an die Öffentlichkeit gehen wollen, gegenüber der APA - Austria Presse Agentur. Gerade das sei in ihrem Fall jedoch die Devise des Österreichischen Judoverbandes (ÖJV) gewesen. Die Art und Weise, wie dort auf die Vorwürfe gegen Seisenbacher reagiert bzw. nicht reagiert wurde, haben die Betroffenen als "offensiv verharmlosend" und "aggressiv abwertend" erlebt.

APA: Sie waren Mitglieder des Österreichischen Judoverbandes. Nach Bekanntwerden der Peter Seisenbacher angelasteten Taten gab es wiederholt öffentliche Äußerungen von Verantwortlichen des Österreichischen Judoverbandes, die sich sinngemäß wünschten, dass an den Vorwürfen gegen Seisenbacher nichts dran ist. In Erinnerung sind etwa Aussagen des Verbandspräsidenten, der wörtlich gehofft hat, dass sich die gegen "das österreichische Aushängeschild im Judosport" gerichteten Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs "nicht bewahrheiten". Was löst das bei den Betroffenen aus, wenn der Präsident einem medial ausrichtet, dass die auf Ihren Aussagen beruhende Anklage hoffentlich falsch ist und die Vorwürfe nicht stimmen?

Das war schon heftig. Der Verband hat reflexartig abgewehrt, sich selbst geschützt, so nach dem Motto: es möge bitte nicht stimmen, dann haben wir als Verband kein Problem, mit dem wir uns womöglich beschäftigen oder gar Konsequenzen ziehen müssten. Derartige Äußerungen beinhalten immer Informationen nach außen, an die Öffentlichkeit und an Eltern, und immer auch nach innen, an Schützlinge, an mögliche Opfer und Täter.

Was bewirken also solche Stellungnahmen?

Mit diesen unnötigen Stellungnahmen hat der Verband uns und alle anderen über die Medien wissen lassen, dass er hofft, dass wir nicht die Wahrheit sagen, also Lügen verbreiten würden. Diese Reaktionen sind offensiv verharmlosend und werten uns aggressiv ab.

Wie war das für Sie? War das enttäuschend?

Wir haben den Verband gekannt, seine Strukturen und seine Funktionäre. Mit derartigen Reaktionen haben wir gerechnet. Leider. Zuletzt hat sich der derzeitige Bundestrainer der Frauen dahin gehend geäußert, dass Seisenbacher im Judosport niemanden beschäftigt, dass darüber nicht gesprochen wird, dass das nicht wichtig für sie ist (Interview im Standard vom April/Anm.). Entlarvend. Diese Äußerungen waren dann doch wie ein Schlag ins Gesicht. Das hat sich wie eine Verhöhnung angefühlt.

Inwiefern?

Ist das Thema Missbrauch nicht wichtig für sie? Kapieren sie noch immer nicht, dass sie auch eine Schutzverpflichtung haben? Diese Reaktion zeigt uns, dass es dort kein Problembewusstsein gibt. Selbst nach dreijähriger Kenntnis der Vorwürfe scheint es noch nicht einmal die geringste Bereitschaft zu geben, sich mit der Thematik auch nur auseinanderzusetzen. Wissen sie nicht um ihre Schutzpflichten? Totschweigen und Aussitzen scheint die neue Devise zu sein. Was muss im Umfeld dieses Verbandes noch alles passieren?

Sind das nicht zu harte Bandagen, die Sie gegen den Verband auffahren?

Verbände, die konsequent die Augen fest geschlossen lassen und jegliches Problem ignorieren oder leugnen, sind unseres Erachten gefährlich und kein sicherer Ort für Kinder, Jugendliche und Frauen. Überforderte, verharmlosende oder schlicht unwillige Sportfunktionäre ermöglichen so sexuelle Gewalt im Sport.

Was wäre aus Ihrer Sicht nötig und zu tun?

Es braucht nicht nur Bearbeitung von Vergangenem, sondern vielmehr das Etablieren von funktionierenden Kontrollstrukturen für die Zukunft. Dafür braucht es auch einen öffentlichen Diskurs. Den hat Frau Werdenigg mit ihren Aussagen zum alpinen Skisport in beeindruckender Weise gestartet. Aus diesen Gründen unterstützen wir die von Frau Werdenigg vorgeschlagene und auch aus unserer Sicht dringend nötige, unabhängige und Sportarten übergreifende Anlaufstelle für Betroffene von Gewalt und von sexualisierter Gewalt. Diese Stelle sollte ausreichend - zum Beispiel aus Geldern der Sportförderung - dotiert werden. Vielleicht zieht ja der eine oder andere Sponsor eine Anlauffinanzierung in Erwägung.

Minister Doskozil will jetzt eine Studie in Auftrag geben und Förderungen künftig an Präventionsmaßnahmen knüpfen.

Ja, das begrüßen wir, Zahlen gehören erhoben und Strukturen analysiert. Es ist auch sinnvoll, öffentliche Förderungen von Sportverbänden und Vereinen künftig an Präventionsmaßnahmen zu knüpfen. Sie sollten überdies an wirksame, Gewalt und sexualisierte Gewalt verhindernde Compliance Regelungen geknüpft werden.

Kann auch das Strafrecht etwas beitragen, und zwar über die Verfolgung der unmittelbaren Täter hinaus?

Unbedingt. Sollte es wegen Untätigkeit von Sportverbänden oder Sportvereinen bereits zu weiteren sexuellen Übergriffen gekommen sein oder künftig kommen, die bei raschem Reagieren verhinderbar gewesen wären, ist eine strafrechtliche Prüfung nach dem Verbandsverantwortlichkeitsgesetz geboten.