Martin Ermacora hat wieder Spaß

© BVTEP/Josef Bollwein

Sport
02/17/2021

Persönliche Einblicke eines Sportlers nach dem Burnout

Beachvolleyballer Martin Ermacora über seine psychischen Probleme und darüber, wie er den Weg zurück fand.

von Martin Ermacora
aufgezeichnet von Peter Karlik

Es ist ein kalter Tag in Wien Hernals. Martin Ermacora kommt warm eingepackt in einer dicken Daunenjacke, Haube und Schal zum Gespräch zu einem Spaziergang, der durch den Schwarzenbergpark führt. Der 26-jährige Beachvolleyballer aus Tirol hat viel zu erzählen. Über jene Zeit, die zur härtesten seiner Profi-Karriere geworden ist. Es wird sehr persönlich.

Der KURIER hört zu.

Der Weg in die Öffentlichkeit war mir wichtig, da es sicher einige Sportler gibt, die in einer ähnlichen Situation einfach aufgehört hätten. Es ist leider immer noch ein Thema, das nicht gerne angesprochen wird. Ich wollte dazu stehen, dass es mir nicht gut ging.

Leicht begonnen hat es schon Ende 2019. Es war sportlich ein wirklich gutes Jahr. Moritz Pristauz und ich haben EM-Bronze gewonnen, waren die Nummer eins in Österreich. Rund um Weihnachten hatte ich eine sehr stressige Zeit und dann bin ich im Trainingslager krank geworden. Das war schon ein Zeichen. In dieser Zeit ist wirklich nichts rund gelaufen. Danach kamen wegen Corona die ersten Verschiebungen von Turnieren.

In dieser Zeit hatte ich in Wien viele Termine. Ich bin irgendwie nicht mehr herunter gekommen. Ich war ständig auf einem hohen Pegel und ich habe auch im Training bemerkt, dass es nicht mehr läuft. Alles, was nicht gelaufen ist, habe ich nach Hause mitgenommen und nur noch die schlechten Sachen gesehen. Das war dann fast jeden Tag so.

Da habe ich bemerkt, dass etwas nicht passt. Aber ich hatte keine Wahl. Die Turniere in Doha und Australien standen an. Im Anschluss Mexiko. Das wäre eine fette Weltreise geworden. Ich habe mir gedacht: Wie soll ich das überstehen?

In Doha habe ich nicht mehr gespielt, sondern nur funktioniert. Ich war so labil, der kleinste Reiz hat mich rausgebracht.

Dann kam der Lockdown. Für Martin Ermacora eine Erleichterung.

Beim ersten Lockdown habe ich nur ’Danke’ gesagt. Zu diesem Zeitpunkt war ich noch nicht so weit, dass ich mir selbst eine Pause genommen hätte. Ich habe es genossen, dass ich Abstand gewinnen konnte.

Der Schlussstrich

Anfang Juli war es dann so weit, dass ich gesagt habe, es geht nicht mehr. Es waren die ersten nationalen Turniere. Ich bin mit einer Anspannung auf dem Platz gestanden, als würde es um Leben und Tod gehen. Zuhause habe ich Gegner analysiert und hatte einen Ruhepuls von 120. Es war nur noch ein Krampf. Training und Spiele waren nur noch belastend.

Nach dem ersten Spiel in Wien habe ich gesagt, dass ich so nicht weitermachen kann. Mo hat super reagiert und sofort gesagt, dass ich mir soviel Zeit nehmen soll, wie ich brauche.

Der Schneefall wird stärker. Entschlossenheit mischt sich in Ermacoras Tonfall.

Ich habe mir gedacht: Was jetzt? Ich hatte plötzlich keinen Fahrplan mehr. Es wäre natürlich leichter gewesen, Schulterprobleme vorzuspielen. Aber das wäre nur ein Lügenkonstrukt gewesen, das mich auch Kraft gekostet hätte. Mein Arbeitgeber, das Bundesheer, und alle Sponsoren sind hinter mir gestanden. Das hat sehr geholfen. Eine Woche nachdem ich alle informiert hatte, habe ich öffentlich gemacht, dass es mir nicht gut geht und ich mir eine Pause nehme.

Ich habe daraufhin mit meiner Freundin einige Zeit im Ausland verbracht, um komplett abschalten zu können. Meine Social-Media-Aktivitäten habe ich in dieser Zeit eingestellt. Trotzdem war es nicht ganz leicht, alle Verbindungen zu kappen.

Mitte August bin ich nach Tirol und habe mir bei einem Sportpsychologen und Mentaltrainer professionelle Hilfe gesucht. Ich vergleiche die Situation mit einer Verletzung: Wenn man einfach nur wartet und danach wieder normal weitermacht, dann reißt es wieder auf.

Ich hatte auch das Glück, dass meine Freundin und meine Familie ein großer Rückhalt waren.

Die Runde im Schwarzenbergpark geht dem Ende zu. Ermacora lässt erkennen, die Liebe zu seinem Sport wiedergefunden zu haben.

Die Rückkehr

Im September, Oktober habe ich wieder begonnen, locker zu trainieren. Aber ohne Plan. Ich habe dann in einer Hobbymannschaft in der Halle gespielt. Das war herrlich, weil dort alle nur zum Spaß spielen. Da habe ich wieder gemerkt, wie sehr ich diesen Sport liebe.

Ab Oktober bin ich wieder mit Mo in Kontakt gestanden. Aber ich konnte ihm nicht sagen, wann es wieder geht. Es hat sich dann herauskristallisiert, dass es sich für mich nach Weihnachten stimmig anfühlt, zurückzukommen. Anfang Jänner bin ich komplett wieder ins Training eingestiegen.

Mittlerweile habe ich gelernt, loszulassen. Ich kann die Sachen besser abhaken. Wenn ich jetzt nach Hause komme, kann ich entspannen. Ich habe gewisse Tools, um im Training oder Spiel ruhiger zu bleiben.

Der Lärm der Höhenstraße wird lauter. Bewegung ist hörbar. Ermacora weiß: Seine Schritte in die absolute Offenheit könnten für manch anderen ein Wegweiser aus der gefühlten Ausweglosigkeit sein.

Andre Schürrle hat vor kurzem ein Interview gegeben, in dem ich mich zum Teil wiedererkannt habe. Aber es sind so wenige, die darüber sprechen. Es ist leider immer noch ein Tabuthema, das keines sein sollte. Im Nachhinein betrachtet, bin ich heilfroh, dass ich den Schritt gemacht habe und wie es gelaufen ist.

Die Hilfe

Aus meiner Erfahrung heraus kann ich nur raten, dass man sich nicht scheuen soll, offen damit umzugehen und professionelle Hilfe anzunehmen. Jeder Sportler hat einen Physiotherapeuten und schaut, dass er die besten Trainer hat, aber der Kopf ist so ein wichtiger Faktor im Sport.

Sportler müssen immer stark sein. Schwäche zu zeigen ist in dieser Sicht aber auch eine Stärke. Man muss sich selbst eingestehen, dass man nicht immer funktionieren muss. Ich würde mir wünschen, dass man schon jugendliche Sportler mental begleitet. Denn sobald aus deinem Hobby ein Beruf wird, verändert sich sehr viel.

Der Rückblick ist zu Ende. Für Martin Ermacora geht es wieder los. Es ist jetzt für ihn keine Belastung mehr, wenn er an die großen Turniere sowie die EM im August in Wien denkt.

Im Gegenteil. Ich freue mich darauf.

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