Genetiker, ein Kinderbuchautor und ihr neues Buch.

© /Andreas Hofer

Interview
09/01/2014

Warum Kinder mit "Spleens" die Welt retten

Genetiker Hengstschläger und Autor Brezina sprechen über ihr erstes gemeinsames Buch.

von Ute Brühl

Der eine ist ein Zappelphilipp, der andere tut sich mit dem Lesen schwer. Mit Kindern, die nicht der Norm entsprechen, haben Eltern und Lehrer oft ihre Probleme. Dass aber scheinbar negative Eigenschaften manchmal nützlich sein können, zeigen die Autoren Thomas Brezina und Markus Hengstschläger mit ihrem neuen Buch. Titel: „Warum nur Knallköpfe die Welt vor Killer-Klobrillen retten können“. Im KURIER-Interview sprechen die beiden über das Anderssein als Kind, über Gleichmacherei und schlechte Betragensnoten. Sie präsentieren ihr Buch am 2. September, 19.30 Uhr in der Buchhandlung Morawa in Wien.

KURIER: Herr Prof. Hengstschläger, Sie waren in Ihrer Jugend Punk. Ein Ausdruck des Knallkopf-Seins oder waren Sie da dann doch wie die anderen Jugendlichen auch?

Markus Hengstschläger: Ich habe in meiner Jugend mehrere „Jugendbewegungen“ ausprobiert. Wenn man das tut, ist man eher nicht wie jeder andere Jugendliche auch, aber das war nicht das eigentliche Ziel. Man hat versucht seinen individuellen neuen Weg zu finden – und wer einen neuen Weg finden will muss einmal den alten üblicheren verlassen.

Genauer gefragt. Wie zeigte sich Ihre Andersartigkeit?

Jedes Kind ist einzigartig. Jeder Mensch kommt als Individuum zur Welt – man muss sich aber leider zu oft gegen Gleichmacherei wehren um schließlich nicht als Kopie die Welt wieder zu verlassen.

Haben Sie die Lehrer mit Ihrem Anderssein manchmal zur Weißglut gebracht?

Ich war kein schlechter Schüler – ich hatte nur ständig schlechte Noten in Betragen. Meine Eltern haben mich aber kompromisslos unterstützt. Ich habe ja vieles ausprobiert. Was mir und anderen nicht geschadet hat, war für sie positiver Ausdruck meiner individuellen Entwicklung – dafür bin ich dankbar. Das heißt nicht, dass man nicht auch gelegentlich Grenzen aufgezeigt bekommen muss.

Was sagten Ihre Eltern über Ihre „Spleens“?

Gerade wenn es z.B. um Mode, Musikgeschmack oder meine Betragensnoten ging, haben sie sich bestimmt das eine oder andere Mal gewundert.

Haben es junge Menschen heute schwerer, sein zu dürfen wie sie sind?

Nach dem Erfolg des Buches „Die Durchschnittsfalle“ wurde ich oft gefragt, ob ich mit den vielen positiven Reaktionen und der ausgelösten Diskussion nicht sehr zufrieden bin. Ich habe mich immer gefragt, ob diese Diskussion auch bei den Kindern und Jugendlichen angekommen ist. Mit diesem Buch, das kein Kinderbuch im eigentlichen Sinn ist, aber eben von Kindern und Erwachsenen, wie ich glaube, gern gelesen werden kann, hoffen wir jetzt, alle Altersgruppen erreichen zu können. Die Idee, dass Kinder mit besonderen Eigenschaften bzw. Voraussetzungen (ADHS, Legasthenie, Allergie, Migrationshintergrund etc.) einen Fall nur lösen, weil sie eben diese viel zu oft nur negativ gesehenen Eigenschaften besitzen, war von mir. Die Geschichte drum herum wurde dann in genialer Weise vom Thomas erfunden und gerappt. Es ist schließlich ein Buch entstanden mit einem für uns äußerst wichtigen pädagogischen Kern, gegen Stigmatisierung und Mobbing, das Kindern, Eltern, Großeltern – uns allen - Mut machen soll.

Hand aufs Herz. Wären Sie wirklich so entspannt, wenn Ihre Kinder die Schule schmeißen und Pizzabäcker würden?

Leider wird in unserer Gesellschaft der Begriff „Talent“ oft in Verbindung mit hohem gesellschaftlichen Ansehen oder Einkommen etc. gesehen. Das halte ich für falsch. Ich glaube, dass jemand der ein sehr guter Koch ist oder der ein Leben lang andere Menschen pflegt ein genauso großes Talent hat wie Lionel Messi oder Anna Netrebko. Unsere eigenen Kinder waren/sind gute Schüler – ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass sie das finden und umsetzen, was sie wirklich erfüllt. Jeder Mensch ist Elite, aber jeder in einem anderen Bereich. Eine Wertung darf es nicht geben.

Halten Erwachsene durchgeknallte Kinder überhaupt aus?

Das Problem ist, dass wir Erwachsene den Durchschnitt zur Hand nehmen, um die nächste Generation daran zu messen. Letztendlich ist das Ergebnis viel zu oft nur Gleichmacherei. Ein Kind soll nicht sein wie alle anderen – es soll individuell sein. Wir kennen die Fragen der Zukunft nicht und benötigen daher möglichst viele Verschiedene, eine möglichst hohe Individualität, um gerüstet sein zu können – das will dieses Buch sagen. Ich hoffe, dass nach dem Lesen dieses Buches Menschen aller Altersgruppen (inkl. Jugendliche) einige Dinge vielleicht etwas anders sehen und Stigmatisierung und ausschließliches Beschäftigen mit angeblichen Schwächen weniger wird.

Thomas Brezina und die Puppen

Herr Brezina, Sie sagen, Sie waren auch als Kind schon nicht so wie die anderen. Wie zeigte sich das?

Während andere Fußball gespielt haben, habe ich mich für Puppentheater interessiert. Außerdem habe ich mir immer Geschichten ausgedacht und aufgeschrieben. Mit 15 habe ich den Großen Österreichischen Jugendpreis gewonnen. Eingesandt hatte ich fünf TV-Drehbücher zu einer Kinder-Puppenserie. Ich habe während der Schulzeit schon bei Fernsehproduktionen als Puppenspieler gearbeitet. Das hat an die 150 Fehlstunden im Semester gebracht. Außerdem wurde ich dafür in der Klasse sehr belächelt.

Haben Sie Ihre Lehrer mit Ihrer Einzigartigkeit zur Weißglut gebracht? Falls ja, wie?

Nein, ich war immer ein angenehmer Schüler. Allerdings habe ich sehr selektiv gewählt, was mich interessiert und worin ich mich vertiefe. Für die vielen Fehlstunden musste ich gut sein, sonst wären sie nicht erlaubt worden. Deutschlehrer haben mich mit dem, was ich geschrieben habe, einfach nicht ernst genommen. Mein Preis wurde nicht einmal im Jahresbericht der Schule erwähnt. Manchmal wüsste ich gerne, was meine Deutschlehrer heute so über mich denken. Ha ha

Was sagten Ihre Eltern über Ihre „Spleens“?

Die sind dazu gestanden und haben mich unterstützt. Mein Vater wollte eigentlich, dass ich ein abgeschlossenes Studium habe, doch ich habe schon früh so viel als Schriftsteller und Regisseur zu tun gehabt, dass es dazu nicht gekommen ist. Er hat mir später gesagt, es sei schwer für ihn gewesen das zu akzeptieren, da ich aber glücklich bin und alles so gerne mache, ist er voll einverstanden.

Sie brechen mit dem Buch eine Lanze fürs Anderssein. Haben es junge Menschen heute schwerer, so sein zu dürfen wie sie sind?

Ich glaube, das war immer schwer. Nicht nur heute. Der Druck kommt heute nur von mehreren Seiten. Es ist so viel zu sehen und zu lesen, wie "man" zu sein hat. Zum Gruppendruck kommt auch noch der Druck, einer idealen Norm zu entsprechen. Da lassen einige ihre Besonderheiten schon fallen. Oder fühlen sich auf Grund von Andersartigkeiten als Außenseiter und ausgeschlossen. Dann durchzuhalten und sich treu zu bleiben, ist das, was ich mit dieser Geschichte unterstützen will. Wie helfen Sie jungen Menschen dabei, zu sich selber ja zu sagen? Grundsätzlich beschreibe ich in meinen Geschichten immer Menschen, die anders sind und es nicht gerade einfach haben. Aber ihre ureigene Art verhilft ihnen zu den Abenteuern, die ich erzähle Einige meiner ersten Leser, die heute erwachsen sind, bestätigen mir das. Und das freut mich mehr als jeder Preis.

Halten Erwachsene es überhaupt aus, wenn wir durchgeknallte Kinder um uns haben?

Wer redet von durchgeknallten Kindern? Darum geht es doch gar nicht.Es geht darum, Kinder nicht pflegeleicht zu machen und so wie die anderen. Eltern und Lehrer sollen die Stärken stärken und nicht alle Leistungen auf Mittelmaß trimmen. Einem Fußballer sagt auch keiner: Fußball spielen kannst du schon, jetzt lerne Handball. Der Fußballer bekommt das beste Training um noch besser zu werden. Die individuellen Leidenschaften und auch Andersartigkeiten sollten Kindern niemals als "schlecht" oder 'minder" beschrieben werden. Viel mehr als Chance (auch wenn der Umgang damit oft gelernt werden will).

Können Sie über sich und ihre „Knallkopf“-Sein auch lachen?

Und wie! Mein Spruch dazu: Vielleicht muss man nicht völlig durchgeknallt sein um das zu tun, was ich tue, aber es hilft schon! Ha ha

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