Romy
16.03.2018

Aglaia Szyszkowitz: Nur wer sich treu bleibt, überzeugt auf Dauer

ROMY-Nominee Aglaia Szyszkowitz über "Die Wunderübung", ihre Schreib-Lust, Machtmissbrauch und die ARD-Komödie "Zimmer mit Stall" (20.15, ARD)

In Graz geboren ist Aglaia Szyszkowitz heute im gesamten deutschsprachigen Raum in Kino und TV sehr präsent. Der Erfolg macht die 50-Jährige aber keineswegs abgehoben. Im Gegenteil: Die ROMY-Nominierte nimmt sich viel Zeit fürs Gespräch, um deutlich zu machen, was Schauspiel für sie ist, was heute oft fehlt und wie es um die Rolle der Frau in der Branche steht. Dazwischen wird auch gelacht.

KURIER: Was machte „Die Wunderübung“ interessant für Sie?

Aglaia Szyszkowitz: Die Komödie ist mein Lieblingsgenre. Sie ist die Königsdisziplin und Daniel Glattauer und Michael Kreihsl haben mir innerhalb dieses Genres in der „Wunderübung“ eine großartige Rolle geschenkt. Als Schauspielerin sehnt man sich danach, Figuren zu spielen, die sich entwickeln, die am Ende anders dastehen als am Anfang. Gute Bücher ermöglichen einem das, und „Die Wunderübung“ ist ein gutes Buch bzw. Stück: Sie zeigt einen Ausschnitt aus der Geschichte zweier Menschen, die sich einmal geliebt haben und immer noch lieben, aber vom Leben aufgerieben werden. Das ist etwas, was viele kennen. Das Stück hat mich von Anfang gefesselt – weil es witzig ist, aber auch aufzeigt, wie fatal man in seinen Verhaltensmustern gefangen ist. Und doch gibt es am Ende für die unglückliche Beziehung Hoffnung.

Haben Sie einen persönlichen Bezug zu der Thematik oder zur Paartherapie?
Auch ich hatte Lebensphasen, in denen ich keine glücklichen Liebesbeziehungen hatte, gerade als junge Frau. Bevor ich meinen Mann kennengelernt habe, hat das gar nicht funktioniert. Außerdem komme ich aus einer Familie der Psychotherapeuten – drei meiner Tanten und meine Mutter sind Psychotherapeutinnen, meine Schwester hat Psychologie studiert. Beide Elternteile haben eine Ausbildung zur systemischen Familienberatung gemacht. Es ist das also ein großes Thema in unserer Familie.

Sie haben das Stück zuvor schon am Theater gespielt. Was macht den Unterschied aus und wie war der Dreh?

Theater ist im Grunde ein anderes Handwerk, es hat andere Gesetze, und Du musst dein Spiel bis in die letzte Reihe spürbar machen. Und doch geht’s beim Theater und Film ums Gleiche: Das, was man tut, muss für das Publikum glaubwürdig sein. Bei den Dreharbeiten hatte ich den großen Vorteil, dass ich mich „nur“ auf mein Spiel konzentrieren konnte - den Text kannte ich ja bereits. Wir hatten davor, was leider nicht selbstverständlich ist, zwei Wochen Proben und waren sozusagen schon aufeinander „eingegroovt“. Es herrschte eine sehr konzentrierte Arbeitsatmosphäre und ich hatte wunderbare Kollegen. Ich war selten so glücklich bei einem Dreh wie bei dieser Arbeit. Der Film hat mir Möglichkeiten geboten, die im Theater so nicht zu spielen sind – weil schlichtweg keiner sie sieht.

Haben Sie noch Lust aufs Theater?

Ich finde es prinzipiell spannend, zwischen Theater und Film zu wechseln. Live vors Publikum zu treten, ist immer wieder gut, um sich und sein Handwerk zu überprüfen. Ich habe jetzt gerade wieder zwei sehr schöne Theaterangebote – mal schauen, was sich ausgeht neben dem Drehen. Aber: Ich bin ein Abendmensch und stehe da sehr gerne auf der Bühne, während ich das Aufstehen um fünf Uhr morgens – besonders im Winter – hasse.

Sie betonten, die Proben vor dem Dreh. Wie steht es denn damit heute überhaupt?

Dieser Kinofilm war diesbezüglich eine große Ausnahme. Der Normalfall sieht anders aus. Ich habe deshalb begonnen, mit einem Coach zu arbeiten, um fundierter vorbereitet zu sein, wenn ich ans Set komme. Es gibt natürlich noch immer Regisseure, die Kraft ihres Namens anders agieren können, wie etwa Christian Petzold, den ich jüngst getroffen habe. ER fängt schon ein halbes Jahr vor dem Dreh damit an, die Schauspieler auf das Thema, auf seinen Film, einzustimmen. Und das merkt man seiner Arbeit auch an. Beim Fernsehen ist es hingegen meist so, dass man einmal mit dem Regisseur telefoniert, dann kommt man ans Set, dreht zackig und ehe man sich versieht, ist es schon wieder vorbei.

Das klingt jetzt nicht sehr befriedigend.

Wenn es so passiert, ist es einfach schade, denn es ist unser Beruf, etwas auszuprobieren, zu erarbeiten, zu finden. Und die Momente entstehen aus dem Zusammenspiel! Das macht die Sinnlichkeit dieses Berufs aus... Wenn diese Sinnlichkeit nicht mehr da ist, ist das auch nicht mehr der Beruf, für den ich einst angetreten bin.

Wenden wir uns einer heiteren Seite des Fernsehens zu, der ARD-Komödie „Zimmer mit Stall“, in der sie am 16. März gemeinsam mit Friedrich von Thun zu sehen sind.

Dieser Film hat einen anderen Flow als das, was sonst manchmal auf diesem Sendeplatz zu sehen ist. Ich mag den Film sehr und fände es schön, wenn daraus tatsächlich eine Reihe werden würde. Für uns war das ein großer Spaß - ich mag den augenzwinkernden Humor des Films, die Natur, die Hühner, die Bettina Mittendorfer ich nach bayerischen Kolleginnen benannt haben: Veronika, Gisela usw. - und unseren CAST natürlich!

Krimis gibt es im Fernsehen wie Sand am Meer. Gute Komödien sind selten.

Es ist für die Fensehmacher schwierig geworden, denn dieses Geschäft ist nun mal hart und am Ende zählen die Zuschauerzahlen. Krimis funktionieren in Deutschland immer und überall. Deshalb ist es ja wichtig, dass wir Österreicher unseren deutschen Freunden ein bisschen auf die Sprünge helfen... vorsichtig ausgedrückt (lacht). Wobei es in Deutschland natürlich auch ein paar ausgezeichnete Komödien-Regisseure/Innen gibt, wie z.B. Ingo Rasper! Und Freitagabend können die Menschen nach einer harten Woche etwas zum Lachen gut brauchen, oder? Also: Einschalten!

Hätten Sie Lust, ein Drehbuch zu schreiben?

Tatsächlich schreibe ich gern und viel, auch wenn in den beiden vergangenen Jahren wenig Zeit dafür blieb. Aber ich habe ein Drehbuch, sozusagen, fertig. Mich interessiert beim Schreiben der Rhythmus der Dialoge und die individuelle Sprache der Figuren... Paul Maar hat das beispielsweise beim „Sams“ so toll gemacht: Jede Figur spricht anders! Eine mit mehr, andere mit weniger Füllwörtern, eine bildet lange, die andere nur ganz kurze Sätze... Jede/r hat einen anderen Wortschatz zur Verfügung - schauen Sie unsere Politiker an! Der Wortschatz der AFD unterscheidet sich gewaltig von dem der Grünen, zum Bespiel (grinst).

Wo schreiben Sie?

Gerne unterwegs! Zum Beispiel im Zug von Graz nach München oder auf unserem Bergbauernhof, den wir in Tirol gepachtet haben. Da habe ich Ruhe, setze mich auf den Balkon mit Blick ins Tal und schreibe. Aber ich bin ein Menschenmensch, also froh und dankbar, wenn nach ein paar einsamen Stunden wieder eine Nase auftaucht.

Drehbuch-Autoren rücken jetzt wieder mehr in den Mittelpunkt des Interesses, nicht zuletzt, weil auch neue Player auf dem Markt aufgetaucht sind.

Man muss Autoren so gut bezahlen, dass sie sich auf einen Stoff konzentrieren und ihn ausarbeiten können. Oft sind die Bücher zu Drehbeginn noch nicht fertig - dieses Problem begleitet mich jetzt schon viele Jahre. Die Sender entscheiden so kurzfristig, dass dann die Autoren zu wenig oder gar keine Zeit haben, ihren Stoff richtig auszuarbeiten. Dann wird das Ganze von einem anderen Autor überarbeitet und alles wird nochmal umgeworfen. Das war das Schöne an "Die Wunderübung", da gab es das Buch schon – wir haben zwar einiges weggestrichen, aber das Rad musste nicht mehr neu erfunden werden.

Ist das auch ein Grund für, wie mir scheint, mehr Literatur-Verfilmungen?

Man braucht immer Geschichten, und wenn die Literatur starke liefert, dann ist das naheliegend. So wie etwa Nikolaus Leytner den Roman Robert Seethalers „Der Trafikant“ verfilmt hat - leider ohne mich (lacht) Aber eine gute literarische Vorlage braucht wiederum einen guten Drehbuch-Autor, der das Buch entsprechend adaptiert.

Wie steht es Ihrer Meinung nach um die Stellung der Frau in der Film-Branche?

Es ist immer noch so, dass Regisseurinnen es schwerer haben als Regisseure und das gilt auch für Schauspielerinnen - wenn auch in anderer Form. In der Diskussion um eine Rolle und wie man sie anlegt, muss man sich die Begegnung auf Augenhöhe mit den Männern mitunter hart erarbeiten. Man kann es natürlich nicht generalisieren, aber es gibt in dieser Branche schon, sagen wir, sehr unterschiedliche Männer. Aber wenn einer „Ich will, dass du das jetzt so machst“ brüllt, dann antworte ich „Und ich will, dass du mich nicht anschreist" und gehe erstmal Kaffee trinken, bis er sich beruhigt hat. Einer meiner ersten Lehrmeister war diesbezüglich übrigens Xaver Schwarzenberger. Ich schätze ihn sehr, aber Geduld war nicht seine Stärke. Aber wir haben uns zusammengerauft und sind heute gut befreundet. Die momentane Diskussion um Macht und Machmissbrauch in der Film- und Fernsehbranche ist aber wichtig und sehr zu begrüßen. Wir haben auch jüngeren Kolleginnen gegenüber Verantwortung. Es ist eine harte Branche mit großer Konkurrenz und ein paar Tipps und Tricks schaden da nicht. Nur wenn man sich treu bleibt und es riskiert, sich auch mal mit jemandem härter auseinander zu setzen, überzeugt man in der Folge auch in der Darstellung starker Persönlichkeiten. So läuft man auch keine Gefahr spätestens dann von der Straße gefegt zu werden, wenn der Produzent, mit dem man ins Bett gegangen ist, in Rente geht oder er eine andere für sich entdeckt (grinst).

Ein anderes Thema, dass die Branche beschäftigt, sind fehlende Rollen für ältere Frauen.

Wer ist hier älter? Tja... - da fällt mir Romy Schneider ein: „Steck Deine Kindheit in die Tasche und renn davon. Das ist das einzige was du hast“. Es ist zwar nicht das einzige, was man hat, aber natürlich profitiert man von einer Kindheit, wenn sie, so wie meine, liebevoll und warm war. Es ist beim Spielen oft so, dass man sich Dinge holt aus seinem – wie nenne ich es - „inneren Kind". Da ruhen Schätze! Außerdem sollte man sich seine, wie nenne ich es am besten, „Grundlebenslust" erhalten - unsere Zuschauer sehen und spüren uns ja sehr genau. Nehmen Sie Hannelore Elsner oder Meryl Streep - sie sind in ihrem Spiel manchmal immer noch Mädchen, obwohl sie reife Frauen sind. Sie haben dieses Neugierige, Offene, Lebensbejahende. Solche Frauen sind mir Vorbild! Und ich muss sagen: Ich lebe einfach gern, ich reise gern, ich liebe diesen Beruf und die Begegnung mit immer neuen Menschen, und ich habe eine lustige, liebevolle, große Familie, die mich trägt. Wenn man so ein Glück hat, dann kann man leidenschaftlich und gleichzeitig frei agieren. Und das merkt dann auch das Publikum.

Sie sind jedenfalls sehr intensiv beschäftigt. Sie stehen nun mit Axel Prahl vor der Kamera

Das ist eine sehr feine ZDF-Komödie - „Extraklasse“ - in der es Axel Prahl als arbeitloser Journalist in einer Abendschule schafft, die unterschiedlichen Charaktere dort zusammen und zu einer guten Prüfung zu bringen. Ein sehr schönes Buch, an dem Regisseur Matthias Tiefenbacher, mit dem ich schon „Jenny Berlin“ gemacht habe, mitgeschrieben hat. Ich spiele die Direktorin dieser Schule. Und mich bringt er auch, sozusagen, "zusammen" und durch eine Prüfung.

Würden Sie so etwas wie die Kommissarin "Jenny Berlin" nochmals machen wollen?

Das Gesicht einer Reihe zu sein, das würde ich schon wieder machen, wenn die Bücher stimmen. Aber es gibt momentan, finde ich, schon viel zu viele TV-Kommissarinnen und mich interessiert Komödie einfach derzeit mehr. Bei „Zimmer mit Stall“ habe ich meine Figur mitentwickelt, was großen Spaß gemacht hat. Das habe ich übrigens auch bei „Billy Kuckuck“ getan, das Ende April zu sehen sein wird, und auch eine Reihe werden könnte. Darin spiele ich in der Titelrolle eine Gerichtsvollzieherin und Gregor Bloeb ist mein Ex-Mann – nicht der schlechteste Ex-oder? Der Reiz einer Reihe ist, dass man einen Charakter vor sich hat, den man etablieren und dann über längere Zeit mit dem Regisseur/der Regisseurin, dem Autor /in und der Redakteurin (!) weiterentwickeln kann. Kontinuität tut gut in der Schnellebigkeit dieses Jobs. Und wenn schon Krimi, dann müsste es so etwas sein wie „Steirerblut“, bei dem ich Miriam Steins obersteirische Mutter gespielt habe. Das war zwar ein Krimi, aber witzig – und eine solche Mischung, das können die Österreicher einfach besonders gut!