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Reise
06/04/2016

Wie gut kennen Sie Frankreich?

Eine Bilderbuch-Reise nach Toulouse und ins Département Lot. Auf den Spuren von Pilgern, Trüffeln und dem optimalen Sternenhimmel. Der unbekannte Südwesten Frankreichs ist es wert, entdeckt zu werden.

von Annemarie Josef

Es waren 15.329 Schritte an einem einzigen Tag. Voilà, das ist Sightseeing in Toulouse. Sich einfach treiben lassen ohne Stadtplan, zum Fluss Garonne und zur Brücke Pont Neuf, durch historische Gassen, vorbei an den bunten Stühlen der Straßencafés, an Kirchenstufen, Mauern und Parkbänken. Die Menschen der Stadt nutzen jede Sitzgelegenheit. Mal musizierend mit Gitarre und Saxofon, mal zum Plaudern, Lesen, Abhängen.

Nicht Provinzstadt, nicht Metropole

Toulouse ist zu lebendig, um Provinzstadt zu sein und mit 460.000 Einwohnern viel zu klein, um es Metropole zu nennen. Aber es ist weltberühmt. Als Zentrum für Luft- und Raumfahrttechnik; der Superairbus A 380 kommt von hier. Unter der Woche regiert das internationale Business. Doch am Wochenende haben die Geschäftsleute, die werktags übrigens die Hotel-Preise in die Höhe treiben, Pause.

Da gehört die City den Toulousains. Und der Liebe. Brautpaare und ihre Gäste prägen vor allem im Frühling das Stadtbild beim Capitole. Hinein in das von Sicherheitskräften streng bewachte Rathaus, Oui je le veux – Ja, ich will, Ringe tauschen, raus zum Fotografieren, Brautstraußwerfen nicht vergessen.

Auf der großzügig angelegten Place du Capitole ist immer etwas los. Der Hauptplatz erstreckt sich fußballfeldgroß entlang der 128 Meter langen Rathausfassade, die aus rosa Marmor, weißem Kalkstein und rotem Backstein besteht.

Sympathische Stadt Toulouse: Die Bewohner lieben das Leben unter freiem Himmel
Backsteinrote Gebäude sind das Markenzeichen der Ville Rose (rosa Stadt). Je nach Lichteinfall leuchten die Fassaden regelrecht in der Sonne, heißt es. Heute nicht, bald wird es regnen. Tant pis! Macht ja nichts! Alles wirkt unaufgeregt sympathisch, unkompliziert. So sehr, dass sogar die Spinatsuppe mit Rote-Rübensaft anstandslos probiert wird. Das Essen ist sehr gut – wir sind schließlich in Frankreich.

Die Toulousains haben eine besonders große Leidenschaft für Rugby, aber auch für Fußball. Alles ist für die EM vorbereitet. Vier Spiele werden hier ausgetragen – Höhepunkt ist das Achtelfinale. Je nachdem, wie Österreich sich schlägt, könnte es für unsere Mannschaft dort sogar den Anpfiff geben. Doch bis dahin ist Zeit für eine Landpartie. Toulouse ist ideale Basisstation für Ausflüge in alle Himmelsrichtungen. Etwa nach Albi, ins berühmte Toulouse-Lautrec-Museum oder nach Lourdes, in den meistbesuchten Wallfahrtsort der Welt.

Ein Ort, um zu bleiben

Wir fahren ins weniger bekannte Département Lot. Dort treffen wir den Oberösterreicher Christian Schweiger, 51, Literatur-Agent und Reiseleiter, den es vor 25 Jahren mit Ehefrau Marie und Wohnmobil hierher verschlug. Eigentlich wollten sie sich in der Provence niederlassen. Doch im dünn besiedelten Lot fanden sie ein Steinhaus und die besten Nachbarn, die es geben kann. „Alles begann mit einer Autopanne. Wir bekamen sofort ungefragt Hilfe, später ging uns der Kühlschrank kaputt und am nächsten Tag stand vor unserer Türe einer, der funktionierte.“ Schnell war klar, hier halten die Menschen zusammen. Ein Ort, um zu bleiben.

Obwohl das Lot touristisch nicht überlaufen ist, hat es seine Hotspots. Etwa den Wallfahrtsort Rocamadour, der schon für das Christentum des Mittelalters einer der berühmtesten war. Mehr als eine Million Besucher pro Jahr kommen heute hierher. Einst ging es für Büßer sogar auf Knien die Steinstufen hinauf, um die Schwarze Madonna um Verzeihung zu bitten. Angeblich sieht man immer noch kniende Büßer. Ja, tatsächlich, da ist einer ... Aber nein, der kniet nur fürs Foto. Tant pis! Macht nichts! Selbst wer den in Felsen gehauenen Wallfahrts-Giganten heute mit dem Aufzug bezwingt, kann seine Sünden loswerden.

Tolle Knolle: Aus Quercy kommen delikate Trüffel

Wir sind im Naturpark Causses du Quercy, fahren an Trüffelplantagen vorbei. Die Eichen auf den kalkhaltigen Böden sollen Erträge bringen: Gourmets wissen, die besten Trüffel kommen aus dem Perigord und aus Quercy. Verkauft wird der Edelpilz im Lot jeden Dienstag von Dezember bis März in Lalbenque. Großmarkt in einem kleinen Ort. Da gibt es die Delikatesse nur korbweise. Ein für Fremde skurriles Schauspiel. Zig Bauern stehen mit ihren Edelpilzen nebeneinander aufgereiht, sind von den Käufern während der Verhandlung durch ein Seil getrennt. Bis das Seil plötzlich zu Boden fällt und Körbe gegen Scheine die Besitzer wechseln. Wie viel? Vergangene Saison sollen es bis zu 800 Euro gewesen sein. Direkt vom Bauern.

Die Gegend hat aber noch mehr Delikatessen zu bieten: Steinpilze, die traditionelle, in Frankreich kaum umstrittene Foie Gras, Walnüsse und natürlich Wein und Käse. Etwa den Ziegenkäse Rocamadour, der nur im Karst-hochland hergestellt werden darf. Und zwar ausschließlich aus Milch der Ziegenrassen Alpine und Saanen.

Schwarzes Dreieck für Sterngucker

Im Naturpark Causses du Quercy soll übrigens in der Nacht ein wundervoller Himmel zu sehen sein. Frei von Lichtverschmutzung. Der beliebte Ort für Sterngucker hat auch einen Namen: „Triangle Noir“, Schwarzes Dreieck: Es gehört zu den dunkelsten Flecken Mitteleuropas. Das liegt daran, dass die wenigen Dörfer der Umgebung sich darauf einigen konnten, die Ortsbeleuchtung ab 22 Uhr auszuschalten. Jetzt ist heller Tag. Ewig könnte man hier durch die Landschaften fahren. Bilder speichern sich als Erinnerung ab. Winzige Steinhäuser aus einer anderen Zeit, die immer wieder wirken, als seien sie an Felswände angewachsen, oder die typischen Taubenschläge, Türme mit ein oder zwei Etagen. Sie waren früher für ihre Besitzer ein Zeichen von Reichtum und Prestige. Stehen auch genau so in der Landschaft, als wären es kleine Schlösschen.

Ankunft in Figeac, dem Geburtsort von Jean-François Champollion. Er entschlüsselte 1822 die Hieroglyphen. Der nachgebaute Rosetta Stein ist begehbar als Place des Écritures („Platz der Schriften“). Auch sehenswert: das Museum der Schriften (Audio-Guide Englisch/Französisch) – und natürlich wieder ein Streifzug durch die historischen Gassen.

Wo die Nachtigall singt: Zauberhaftes Saint-Cirq-Lapopie im Naturpark Causses de Quercy

Vogelgesang unter dem Balkon: War das die Nachtigall? Sie macht ordentlich Radau, sitzt versteckt in den Bäumen in der Nähe eines anderen Idylls: Saint-Cirq-Lapopie. Es wurde 2012 von den Franzosen zu einem der schönsten Dörfer Frankreichs gewählt. Ein Anziehungspunkt schon im Mittelalter, als es hier ein Hospiz für Pilger gab. Auch heute existiert im Ort eine Pilgerherberge, man hat sich aber mittlerweile einen Namen als Künstlerdorf gemacht, mit sehr guten Restaurants.


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Schon wieder lautes Vogelgezwitscher. Wieder die Nachtigall? Zu melodiös. Vielleicht ist es ja Roger Whittaker, 80, der berühmte britische Liedermacher und Kunstpfeifer, der sich wie viele Briten in dieser Region vor Jahren ein Haus gekauft hat. Natürlich altes Gemäuer, und zwar aus dem 11. Jahrhundert. Mit Terrasse, die den Blick weit in die Tiefe freigibt – wo Mühlen, Schleusen und der Hafen noch an die Zeit der florierenden Binnenschifffahrt auf dem Lot-Fluss erinnern.

Davon profitierte auch Cahors. Bis heute ist die einst reiche Handelsstadt, die auf dem historischen französischen Jakobsweg liegt, berühmt für ihren „schwarzen Wein“, der in großen Mengen nach Bordeaux verschifft wurde. Am Ende der gotischen Brücke Pont Valentré soll es den schönsten Blick auf Cahors geben. Dafür reicht die Zeit aber nicht mehr. Der Flieger ToulouseWien wartet nicht. Tant Pis! Macht nichts! Wir kommen einfach noch einmal.

Hinkommen, schlafen, anschauen

Ankommen
ASL Airlines bietet bis 30. September jeden Montag und Freitag Direktflüge. Tel. 01 585 36 32 45.

www.aslairlines.fr

Ausschlafen in Toulouse
Grand Hotel de l'Operea

Luxus-Boutique-Hotel direkt am Hauptplatz in einem ehemaligen Kloster. Wer schon immer in der Wiener Staatsoper nächtigen wollte: Die Zimmer sind den Logen nachempfunden. Das Hotel leitet die Österreicherin Sandra Lampée-Baumgartner. Extra-Angebote für Juli und August: ab 112,50 € pro Zimmer. 1 place du Capitole.
www.grand-hotel-opera.com

Hotel Mercure Wilson

Typisches Ziegelsteingebäude im Zentrum. Klein, unkompliziert, sehr gutes Frühstück.
7 rue Labeda H1260@accor.com

http://www.mercure.com/de/hotel-1260-mercure-toulouse-wilson-hotel/index.shtml

Ausschlafen im Lot
Hotel Le Beau Site

Hübsche Zimmer in zauberhafter Lage des Wallfahrts-
ortes. Einheimische kommen gerne ins Hotel-Restaurant zum Geburtstagfeiern. Rocamadour, Cité Médiévale,
www.bestwestern-beausite.com

Hotel Le St Cirq

Paradiesisch schöne Anlage. Hier will man eigentlich nicht mehr weg. Frankreichs schönstes Dorf im Blick und Weinreben direkt vor der Terrasse, selbst im Spa-Bereich hat man Aussicht auf die grüne Idylle.
Saint-Cirq-Lapopie, Tour de Faure.

www.hotel-lesaintcirq.com

Anschauen in Toulouse
Maison de la Violette

Besuchen Sie ein Toulouser Original - Hélène Vié auf ihrem Hausboot am Canal du Midi. Likör, Tee, Knabbereien - sie verkauft hübsche Veilchen-Souvenirs in jeder erdenklichen Form.
www.lamaisondelaviolette.fr

Marché Victor Hugo

Eintauchen in den Bauch von Toulouse. Der Markt ist im Erdgeschoss eines Parkhauses, eine Etage darüber bekommt man die Delikatessen von Köchen gleich zubereitet. Tägl. außer Mo, 6 bis 14 h. Place Victor Hugo

Noch mehr Tipps
Toulouse ist ideale Basisstation für Ausflüge in Südwestfrankreich wie hier ins Département Lot – für Gruppen, Alleinreisende und Camper. Weitere Infos für Reisen nach Toulouse und ins Lot, etwa Kontakte zu deutschsprachigen Guides bei Atout France. Tel. 01/503 28 92

www.france.fr

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