Reise
01.07.2017

Wandern: 585 Kilometer durch Österreich

Fernab bekannter Trampelpfade führt der Eisenwurzenweg vom nördlichsten zum südlichsten Punkt Österreichs. Bericht über einen 600-Kilometer-Spaziergang mit Hund, vom Waldviertel bis zu den Karawanken. VON CLAUDIA SCHANZA

Ein kleines Bächlein murmelt im tiefen Tann, dort, wo einst der Eiserne Vorhang verlief. Der Grenzstein und große Schilder zeigen an, wo der nördlichste Punkt Österreichs liegt, im Waldviertler Rottal nahe Litschau. Der Marsch beginnt im Mai mit einem Spaziergang, vor mir liegen 585 Wanderkilometer bis zum Seebergsattel an der slowenischen Grenze. Aus beruflichen Gründen aufgeteilt auf drei Etappen, die erste soll binnen einer Woche bis über die Donau zum Wallfahrtsort Sonntagberg führen.

Wandern mit Hund – Claudia Schanza und die Hovawart-Dame Tessa am Beginn ihrer Reise

Als nichts ahnende Begleiterin trottet Hovawart Tessa neben mir, der moppelige Leihhund hatte bei Wochenendausflügen seine Kondition unter Beweis gestellt und findet im Waldviertel zwischen Wackelsteinen, Karpfenteichen und Wiesen viele Bademöglichkeiten. Logistische Vorarbeit macht die Wanderung zu einem generalstabsmäßigen Projekt. Im rund zehn Kilogramm schweren Rucksack stecken neben Kleidung für alle Wetterkapriolen, Wanderkarten, Hüttenschlafsack, Proteinriegeln und Wasserflaschen ausreichend Hundefutter, Napf und Maulkorb. Zum Glück liegt der Bauernhof von Freunden genau auf der Wanderstrecke, in einer Bruderndorfer Scheune ist (Tessas) Trockenfutter für weitere drei Tage deponiert.

Vierbeiner sind nicht in allen Frühstückspensionen, Hütten und Hotels willkommen, ohne Reservierung aufzutauchen wäre aber auch für Menschenrudel nicht ratsam. Viele Quartiere haben zugesperrt, Ruhetag oder wollen keine Gäste, die nur eine Nacht bleiben. Es klingt zwar nett, täglich so weit zu wandern wie einen die Füße tragen, doch realitätsnaher ist es, konditionsgemäße Tagesetappen zu planen und die Übernachtungen zu buchen. Das Motel am Zwettler Kreisverkehr und so manche Frühstückspension sind Quartiere mit trockenem Charme, die als Location für Spielfilme mit Josef Hader herhalten könnten.

Der moppelige Leihhund hatte bei Wochenendausflügen seine Kondition unter Beweis gestellt. Aber wird diese ausreichen?


Frust im Nebel
Gut markiert verläuft der Weitwanderweg E08, auf den die Wahl aus praktischen Gründen fiel. Falls wetterbedingt abgebrochen werden muss, ist die Distanz zu Wien leicht überwindbar. Das wäre etwa beim Nordalpenweg, der über 1.200 Kilometer vom Neusiedler See zum Bodensee führt, komplizierter.

Doch ohne motorisierte Unterstützung hätte ich bereits nach den ersten 100 Kilometern die Rückreise antreten müssen. Um schneller vorwärts zu kommen, absolviere ich täglich in neun Gehstunden bis zu 35 Kilometer Distanz, deutlich mehr als der Alpenverein empfiehlt. Cowboys wechseln Pferde, die Wanderin Hunde. So gondelt der geduldige Hundehalter Martin nach Schönbach, die mittlerweile oft pausierende Tessa springt erleichtert ins Auto und mein eigener nimmermüder Terriermischling Lucy läuft ab nun mit. Gut so, denn an Tag 5 heißt es wie bei Mensch-ärgere-dich-nicht „Zurück zum Start!“. Von Laimbach am Ostrong geht es auf den Großen Peilstein, doch Nebel und Holzfäller zaubern Orientierung und Markierungen weg. Nach stundenlangem Herumirren sehen wir anstatt der Donau das Ortschild „Münichreith-Laimbach“. Im strömenden Regen führen uns die Öffis ins Mostviertel; eine gefühlte Niederlage, die sich nicht wiederholen sollte.


Oberhalb des Ennstals bietet die Mödlinger Hütte eine spektakuläre Aussicht. Aber dazu muss man erst einmal hinauf.

Hunde bleiben draußen
Einen Monat später startet die zweite Etappe, wo die erste nach acht Tagen am Sonntagberg ein versöhnliches Ende fand. Lucy bleibt daheim, weil gleich drei von sechs notwendigen Quartieren bei der Durchschreitung des Gesäuses keine Hunde zulassen. Die exponierten alpinen Wege über Stumpfmauer und Tanzboden sind allerdings zu schön, um eine andere Route zu wählen. Babykreuzottern schlängeln sich am Pfad, Gämsen balancieren im Fels, Rehe äsen auf den Almwiesen und der Blick von den Gipfeln zeigt, wohin die Route weiter führen wird. Nach sieben Stunden Aufstieg zur idyllischen Ennstaler Hütte und einer weiteren Stunde zum Gipfel des Tamischbachturms schmeckt das deftige Essen besonders gut. An diesem lauen Donnerstag schlafen im Matratzenlager nur vier weitere Gäste. Der Himmel ist sternenklar und die Nachtruhe erholsam, während es hier am Wochenende rund geht. Die Wanderstöcke schonen beim Abstieg nach Gstatterboden die Knie, auf der anderen Seite des Ennstals geht’s bei sommerlichen 33 Grad aufwärts zur Mödlinger Hütte. Das Zimmerfenster wirkt wie ein Bilderrahmen für den Admonter Kalbling, die Dusche (Warmwasser!) tut gut und ist auf Hütten purer Luxus. Nach einem weiteren Wandertag endet die Woche in Trieben, wo die ÖBB eine gute Verbindung nach Wien sind.

So schön wandert man durch Österreich.


Terrier-Hündin Lucy ist die neue Begleiterin auf Tour

Die Socken quietschen
Kürbisse liegen reif auf den Feldern, Äpfel leuchten rot auf den Bäumen, als die dritte und längste Etappe losgeht, zehn Tage, stehen bevor. Lucy schleicht mit eingezogenem Schwanz, weil Hirsche im dichten Nebel laut röhren und deren Tritte zwischen den Latschen laut knacken. Das Kettentörl und der Ingeringsee wären bestimmt auch bei klarer Sicht sehenswert. Während die Socken in den waschlnassen Wanderschuhen bei jedem Schritt quietschen, kommen wir gut voran.

Kilometer fressen auf Asphalt
Einer der ödesten Asphalthatscher des E08 führt am Radweg von Fohnsdorf nach Judenburg unter der Südautobahn durch. Aber am dritten Tag sind Wetter wie Schuhe trocken und bereit für die schönste Etappe (siehe Info folgende Seite, 4. Highlight). Vom Murtal führt die Tour fast 80 Kilometer weit bergauf, bergab von Hütte zu Hütte in das dritte Bundesland auf der Strecke, nach Kärnten.

Mit dem Zirbitzkogel (2.396 m) erreichen wir den höchsten Berg auf dem Eisenwurzenweg, die müden Knochen freuen sich über das Schutzhaus neben dem Gipfel. Hier ist das Quartier reserviert, aber daran kann sich der Hüttenwirt nicht erinnern und will an diesem Abend ins Tal fahren. Dank der Weitwanderung bin ich mittlerweile tiefenentspannt, bleibe freundlich und lasse nicht locker, bis Werner eine andere Übernachtungsmöglichkeit für Hund und Frauerl findet. Und so tappen wir im Nebelreißen noch eineinhalb Stunden weiter bis zur romantischen Stoana-Hütte.


Das Schwein schnarcht
In einem kleinen extra stehenden Holzhäuschen werden Fleecejacke, Handschuhe und Stirnlampe ausgepackt. Strom, Wasser oder Heizung? Nein, aber viele Decken und ein entzückendes Wirtspaar, das nach einer Frostnacht zum Frühstück ein Zirbenschnapserl kredenzt. Sie verraten, wer in der Nacht so laut geschnarcht hat, dass ich es durch die Wand in meinem Stockbett hören konnte: das Hausschwein.

Die nächsten sieben Tage führen bis in die südlichste Ecke Österreichs, wo mehrere Pensionen und Wirtshäuser zugesperrt haben und zu einer abweichenden Route zwingen. Und so steigen Lucy und ich über den Wildensteiner Wasserfall auf den Hochobir und von dort ab nach Bad Eisenkappel. Um dennoch einen würdigen Abschluss der Weitwanderung auf dem Seebergsattel zu genießen, wähle ich den einfachen Klettersteig rund um den Kärntner Storschitz. Dank der Planung ist wieder motorisierte Verstärkung da, diesmal in Gestalt meines Vaters. Sonst würde vielleicht noch heute eine Weitwanderin mit einem Hund an der slowenischen Grenze Auto stoppen.

Der Weitwanderweg E08 ( Eisenwurzenweg) des Österreichischen Alpenvereins führt über zirka 19.000 Höhenmeter Auf- und fast ebenso viel Abstieg vom nördlichsten zum südlichsten Punkt Österreichs. Das handliche Buch mit Infos zu 28 Tagesetappen (z. B. Höhenprofil, Distanz), Kartenausschnitten, Quartieren, Anfahrts- möglichkeiten und Sehens- würdigkeiten kostet 9,90 € (Verlag: OEAV WW); für die gesamte Strecke braucht man acht Wanderkarten (Freytag & Berndt). Achtung: Niemals ohne Quartierreservierung loswandern!


Tipp um Platz und Gewicht zu sparen: Die Kartenausschnitte auf A3-Papier kopieren, in der Reihenfolge nummerieren, die Route mit Filzstift markieren und in A4-Plastikfolien stecken. Große Wanderkarten sind bei Wind und Wetter unpraktisch.


Highlights für Wanderer, die diese Tour nur beschnuppern möchten (alle Details im Alpenvereins-Buch E08):
1. Waldviertel: Von Bärnkopf über die Holztreppen der Ysperklamm nach Laimbach am Ostrong. 18 km, knappe fünf Stunden.
2. Mostviertel: Auf dem Mostviertler Panorama-
Höhenweg von Randegg über St. Leonhard zum Wallfahrtsort Sonntagberg (auch für Radfahrer geeignet). Wenige Höhenmeter, Wanderung mit fantastischen Ausblicken ins Donautal und Richtung Gesäuse.
3. Gesäuseetappe: Von St. Gallen auf die Ennstaler Hütte (Übernachtung/ÜN) und Tamischbachturm; Abstieg nach Johnsbach, Aufstieg zur Mödlinger Hütte (ÜN); Abstieg über die Klinkehütte nach Trieben (Bahnhof). Nur für ambitionierte Wanderer, mehr als 1.000 Höhenmeter pro Tag, leider keine Hunde in den Schlaflagern der Hütten erlaubt.
4. Steiermark-Kärnten: An diesen drei bis vier Tagen können Hunde mitwandern, man bewegt sich fast nur in den Bergen. Nahe Judenburg beim ehemaligen Gasthof Reiterbauer starten, von dort in zirka 8-10 Stunden über den Zirbitzkogel zur Stoanaalm (ÜN), ca. 1.300 Höhenmeter Aufstieg, 600 Höhenmeter Abstieg;
5. Es geht von der Steiermark nach Kärnten, in 16 km (zirka 4 Stunden) gemütlich zum Klippitztörl (ÜN); vorbei an Gipfelkreuzen wandert man jenseits der Baumgrenze über die weitläufige Saualpe zur Wolfsberger Hütte (ÜN) 16 km, gute 5 Stunden; Nach dem Speikkogel Abstieg über Diex nach Völkermarkt, 25 km, mehr als 1.500 m Abstieg.

Durch Österreich führen elf Weitwanderrouten des Alpenvereins:
www.alpenverein.at/weit
wanderer/weitwanderwege
Andere Routen für Ausdauergeher, z.B. entlang des Lech oder der Donau: www.best-trails.at