Reise
27.03.2018

Von Belgrad nach Graz: Auf Schiene durch vier Länder

Vier Städte, fünf Tage und unzählige Eindrücke: Mit Interrail lässt sich auf entspannte Weise der Osten erschließen.

Bass dröhnt durch die Luft. Lautes Gerede und Gelächter von allen Seiten, während sanfte Wellen bunte Lichter reflektieren: Wenn die Sonne untergeht, wird es laut am Ufer der Save in Belgrad.

Vom Hauptbahnhof ist es nicht weit bis zum Hafen, wo sich eine „Kafana“ – eine traditionelle serbische Taverne – an die nächste Kneipe schmiegt. „Serben feiern alles“, erklärt Sania, „eine Freundin hat sogar ihre Scheidung gefeiert“, lacht die gebürtige Belgraderin, die in ihrer Heimatstadt als Tourguide arbeitet.

Historisch am Fluss

Wer Osteuropa kennenlernen will, kommt an Belgrad nicht vorbei. 1,7 Millionen Einwohner zählt die „Weiße Stadt“. Trotzdem gilt Serbiens Hauptstadt im Vergleich zu anderen europäischen Metropolen nach wie vor als Geheimtipp.

Der Kommunismus und die Jugoslawien-Kriege der 1990er-Jahre haben einen Nachgeschmack hinterlassen. Im Gesamtbild noch immer zerrüttet, zieht sich ein bunter Mix unterschiedlicher Einflüsse quer durch die Straßen. Große Bauprojekte, wie die „Belgrade Waterfront“ sollen das bald ändern, den Tourismus fördern.

Das monumentalste Bauwerk Belgrads wird zwar nicht an der Save erbaut, klingt aber ähnlich: Die Kirche des heiligen Sava sollte einst die größte orthodoxe Kirche der Welt werden. Nach 83 Jahren und einen, durch die kommunistische Regierung bedingten, Baustopp ist heute – dank russischer Unterstützung – zumindest die Fassade vollendet. 2019 soll die Kirche fertiggestellt werden.

Die Stadt ist in Bewegung, nicht nur bei Nacht. Tagsüber schlendert man die Kneza Mihaila, Belgrads Shopping- und Fußgängerzone entlang durch die Altstadt. Prunkvolle Bauten aus dem 18. und 19. Jahrhundert laden zum Flanieren ein, internationale Geschäfte zum Shoppen.

Am Ende der Kneza Mihaila erstreckt sich Kalemegdan, Belgrads alte türkische Festung. Das riesige Gelände der einstigen Zitadelle wird heute von Jung und Alt als Parkanlage genutzt. Sie genießen es, den Tag mit einer malerischen Kulisse ausklingen zu lassen, den Blick auf Save und Donau, die in Belgrad aufeinandertreffen.

In der Nähe des Saveufers liegt auch der Hauptbahnhof. Von hier aus geht die Reise auf der Balkanhalbinsel weiter. Nächster Stopp: Zagreb.

Mitteleuropa im Herzen

Mit weniger als halb so vielen Einwohnern ist Kroatiens Hauptstadt übersichtlicher. Für Zugreisende kein Nachteil: Vom Bahnhof geht es gemütlich in die Altstadt – angenehm nach der siebenstündigen Zugfahrt.

Und: Zagreb ist mit 900 Jahren jünger als die Tausende Jahre alte Hauptstadt Serbiens.

„Die Einwohner Zagrebs würden niemals sagen, dass sie vom Balkan sind. Hier ist man Mitteleuropäer, von der Kultur bis zur Architektur“, ist Stadtführer Harry überzeugt. Er führt vorbei an gepflegten Grünflächen und restaurierten Gebäuden aus dem 18. und 19. Jahrhundert, am Kunstpavillon, einer internationalen Ausstellungshalle, bis zum Hauptplatz im Herzen der Altstadt.

„Jeden Morgen ist hier Markttag und jeden Samstag eine Fashionshow“, scherzt der gebürtige Zagreber. Für ihn ist die Stadt im Frühling am schönsten. Die meisten Besucher kommen aber in der Weihnachtszeit: 2015 und 2016 wurde die kroatische Hauptstadt am Fuße des Medvednica-Gebirges zum schönsten Weihnachtsziel Europas gekürt.

Eine Top-Destination also für Verliebte und jene, die es einmal waren: In der Altstadt werden im „Museum of Broken Relationships“ (Museum der kaputten Beziehungen) Geschichten gebrochener Herzen gesammelt. Briefe, Sektkorken, zerrissene Stofftiere und Unterhosen: Ausgestellt wird, was von der gemeinsamen Zeit übrig ist. Manche Exponate zeugen von vielen gemeinsamen Jahren, andere von einer einzigen Begegnung. Oft ist der Krieg in Jugoslawien Teil der (Liebes-)Geschichte.

Nach einem Spaziergang durch die engen Gassen der Altstadt lässt man die Eindrücke am besten bei einem Kaffee auf der Aussichtsplattform „Zagreb 360°“ auf sich wirken – und genießt gleichzeitig einen letzten Blick über die Stadt .

Gemütlich und geschäftig

Jetzt geht es schnell: Wir genießen die Naturkulissen am Fenster und in zweieinhalb Stunden ist mit dem Zug schon die nächste osteuropäische Stadt, Ljubljana (Laibach) , erreicht. Der westliche Einfluss ist unübersehbar: Die Slowenische Hauptstadt könnte auch eine österreichische sein – nicht nur, weil sie bis Anfang des 19. Jahrhunderts Teil der k.u.k. Monarchie war.

Als „gemütliche Studentenstadt“, beschreibt Tourguide Marko seine Heimat, in der fast die Hälfte der Einwohner zum Studieren lebt. Dazu zählte angeblich auch die US-Firstlady Melania Trump, die – wenn auch nur kurz – an der Universität Ljubljana Design studierte.

Gemütlich für Besucher: In der Innenstadt ist das meiste in kurzen Distanzen zu erreichen. Also spazieren wir vom Bahnhof los. Entlang der Flusspromenade schweift der Blick von der Ljubljanica, dem malerischen Stadtfluss, auf bunte Häuserfassaden. In der Mitte der Altstadt lädt ein Design- und Kulinarikmarkt zum Schlemmen und Staunen ein.

Idyllisch und nachhaltig

Was auffällt: Kein nervöser Straßenverkehr stört die Idylle, im Zentrum sind Autos verboten. „In den letzten zwölf Jahren hat sich in der Innenstadt viel verändert“, erzählt Marko. Ökologisch gesehen zählt die slowenische Hauptstadt zu den Vorreitern: 2016 wurde Ljubljana von der Europäischen Kommission zum „Green Capital“ gekürt. „Ziel ist es, 2025 eine ,zero waste city’ zu sein.“

Grund genug, sich als Besucher Zeit zu nehmen, das entspannte Flair auf sich wirken zu lassen. Auch deshalb empfiehlt es sich, mit dem Zug an- und abzureisen. Der Hauptbahnhof wurde noch in k.u.k Zeiten erbaut, als Teil der Südbahnstrecke, die bis nach Triest führte.

Prominenten Besuch gab es auch in diesem Gebäude: James Joyce soll 1904 eine Nacht im Bahnhof verbracht haben. Das wäre zwar nach klassischer Interrail-Manier, muss aber nicht sein – weil, nach dreieinhalb Stunden und einer letzten Grenzüberschreitung erreicht man auch schon Graz.

Designaffin

Den besten Überblick über die zweitgrößte Stadt Österreichs gibt’s vom Schloßberg. Der Hausberg kann zu Fuß oder mit der Schloßbergbahn unfern des Hauptplatzes erklommen werden. Doch Graz, dessen Altstadt zum Unesco-Weltkulturerbe zählt, ist nicht nur aus historischer Sicht spannend – für Kunst- und Designliebhaber gibt es einiges zu entdecken.

Eine futuristische blaue Blase an der Murpromenade etwa, die sich ihrem Besucher von Innen als Kunsthaus offenbart. Nur einige Meter weiter kann ein Stahlkonstrukt in der Mur bestaunt werden: Die muschelförmige Murinsel war eigentlich als temporäres Kunstobjekt zur Ernennung als Kulturhauptstadt 2003 gedacht. Seitdem blieb sie als schwimmende Bar bestehen. 2011 wurde Graz zudem zur Unesco City of Design gewählt – vielleicht auch ihretwegen.

Ihr jugendliches Flair hat die Stadt sicher auch den vielen Studenten zuzuschreiben. Vor allem im Univiertel hinter dem Stadtpark kann man davon profitieren: Hier kann man teils noch richtige Studentenpreise genießen – und die Interrail-Reise gebührend ausklingen lassen.

Info

Interrail Global Pass Mit dem Interrail Pass kann man  die Gültigkeitsdauer selbst wählen.  z. B.  5 Reisetage innerhalb von 15 Tagen ab 269 €. An- und Abreise können flexibel für jede Bahnfahrt gewählt werden. www.interrail.eu

Belgrad
Restaurant Ima Dana“, Skadarska 38, Traditionelles serbisches Restaurant in Skadarlija, dem Stadtviertel mit den meisten traditionellen „Kafanas“ (Tavernen), häufig Live-Musik. www.restoran-imadana.rs
– Radost Fina Kuhinjica, Pariska 3, Modernes, gemütliches Restaurant mit schönem Gastgarten in der Nähe des Saveufers. Vegetarische Küche. facebook.com/RadostFinaKuhinjica

Unterkunft Inhotel Belgrade 4*, Blvd Arsenija Carnojevica 56. Modernes Businesshotel mit Restaurant und Bar, Fitnesscenter und Sauna, ab 71€/Nacht. www.inhotel-belgrade.rs

Zagreb
Restaurant Lari & Penati, Petrinjska 42a, Kleines, modernes Lokal mit täglich variierender Menüauswahl im Herzen Zagrebs. www.laripenati.hr

Ljublijana
Restaurant AS Restaurant, Čopova ulica 5a, Á la carte Restaurant im Gewölbekeller mit Gastgarten. Hier hat schon Bill Clinton diniert. Berühmt für seinen „Strawberry Cake“ und den Orangenwein des Besitzers. www.gostilnaas.si/home

Graz
Restaurant Der Steirer, Belgiergasse 1, gemütliches Restaurant mit traditionell steirischer Küche und großer Weinauswahl. Shop im Lokal. www.der-steirer.at

Unterkunft Hotel Daniel, Europaplatz 1, Neugestaltetes Hotel mit Fahrrad- und Vespaverleih direkt beim Grazer Hauptbahnhof. Ab 69€/Zimmer hoteldaniel.com/de/graz/